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„Sanktionen sind menschenfeindlich“

Ehrenamtlich bieten Mitglieder des Vereins für soziale Selbstverteidigung Unterstützung an „Sanktionen sind menschenfeindlich“

Der Verein für soziale Selbstverteidigung Jüterbog hilft Menschen, die wenig haben, ihr Recht zu bekommen. Mit der Vorsitzenden Nadine Fischer und dem Vorstandsmitglied Ron Matz sprach Martina Burghardt.

Für das vergangene Jahr war geplant, ein Vereinsbüro auszubauen. Ist das Projekt noch aktuell?

Matz: Baulich hatte sich das verzögert, aber jetzt wird es.

Fischer: Der Verein hat ja nicht unbedingt die finanziellen Möglichkeiten, die Räume selbst auszubauen. Die sollen jetzt erst einmal provisorisch nutzbar gemacht werden. Die uralten Fenster sind inzwischen erneuert, die Eingangstür auch.

Wo kommt das Geld dafür her, wenn der Verein keins hat?

Fischer: Wir werden noch Spenden sammeln müssen und bei Stiftungen anfragen. Aber es wird erst einmal eine Anlaufstelle sein. Das Problem ist, dass wir bei mir am Küchentisch viele Beratungen machen. Da kann man nicht immer die Privatsphäre wahren.

Matz: Das ist auch einer der Gründe, warum wir die Treffen in den Gaststätten aufgegeben haben, weil es doch oft persönliche Fälle sind, die man schlecht in der Öffentlichkeit beraten kann.

Fischer: Die Gaststätte ist eher ein Ort, wo man sich annähern, sich kennenlernen kann. Ein bisschen Sympathie gehört ja auch dazu.

Wie hoch ist denn der Aufwand für Beratungen?

Fischer: Jeder Fall ist anders. Bei diesem letzten vor Weihnachten war von vornherein klar, das Gesetz ist so schwammig, da mussten wir uns keine Unterlagen raussuchen. Die Kosten für einen genehmigten Umzug müssen übernommen werden, aber wie – das ist eine Kann-Bestimmung. Man muss sich mit den Leuten verabreden, sich vorher die Unterlagen angucken damit man im Bilde ist, was es für Bescheide gibt. Dass es gleich beim ersten Anlauf so erfolgreich war, das ist eher selten.

Wie viele Hilfestellungen in dieser Art geben Sie denn?

Matz: Wir haben in diesem Jahr wenig Eigenwerbung gemacht, weil wir auch alle Probleme hatten, außerhalb des Vereins. Deshalb haben wir es auf uns zukommen lassen. Mindestens drei Fälle im Monat waren es mindestens. Aber das ist auch gerade so nebenbei ehrenamtlich machbar. Es überdeckt sich natürlich. Da sind bestimmt einige Fälle dabei, wo ein Tipp am Telefon gereicht hat. Oder ist das jetzt Vereinsarbeit, wo jemand, der keinen Internetanschluss hat, bei mir seine Bewerbung schreibt? Aber das gehört dazu.

Fischer: Bei mir sammelt sich mehr, weil der Stadtteil, in dem ich wohne, sehr klein ist. Da wurde zum Beispiel jemandem nach vielen Jahren fristlos gekündigt. Mit Briefen haben wir es geschafft, dass die dreimonatige Sperre vom Jobcenter aufgehoben wurde. Und wenn man erfolgreich war, wird das rumerzählt, so entsteht Werbung.

Also haben Sie eigentlich schon genug zu tun?

Matz: Das ist so und das ist auch der Grund dafür, dass wir das nicht noch offensiv nach außen vertreten haben. Für die drei Leute im Vorstand, die sich hauptsächlich darum kümmern, wäre das nicht zu bewältigen.

Der Verein ist ja auch nicht gegründet worden, um eine Beratungsstelle zu werden. Was sind Ihre Ziele?

Fischer: Es geht darum, Sachen anzuprangern. Es läuft viel schief. Ich beschäftige mich hauptsächlich mit Kindergarten und Schule. Mir ist es wichtig, dass Eltern ihre Würde behalten können und sagen: Ich möchte ein Geschenk kaufen, ich möchte eine Zuckertüte packen, ich möchte das Kleid meines Kindes aussuchen, wenn es zur Schule kommt. Ich möchte aber auch, wenn es in der Schule kippelt, dass mein Kind Mathe-Nachhilfeunterricht kriegt.

Aber solche Hilfen gibt es doch. Was ist mit dem Bildungspaket?

Fischer: Das denken viele. Das Bildungspaket springt nur ein, wenn das Kind sitzenbleibt. Nur weil ein schwaches Kind aufs Gymnasium will – das ist kein Grund.

Dass man seine Rechte oder die seiner Familienangehörigen gegebenenfalls mit Nachdruck einfordern muss – ist das eine Einstellung, die Ihre Vereinskollegen oder Hilfebedürftige teilen?

Fischer: Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt viele, die sagen, man muss sich einschränken und freuen sich über Angebote, zum Beispiel von der Tafel, dass man überhaupt mal zusammen- und unter Menschen kommt, mal reden, sich austauschen.

Es bleibt dann immer noch die Abhängigkeit vom Jobcenter oder von der Arbeitsagentur und davon, ob Hilfebedürftige mit dem Sachbearbeiter zurechtkommen und die eigenen Forderungen überhaupt gerechtfertigt sind. Wie erleben Sie das?

Matz: Es gibt Leute, die versuchen mit dem Gegebenen zurechtzukommen. Wenn es mal nicht läuft, suchen sie die Schuld bei den Bearbeitern. Wir merken, wie unterschiedlich die Menschen behandelt werden. Das liegt natürlich auch an den Ämtern. Je besser man sich mit denen auseinandersetzen kann, desto besser steht man da. Wenn man aber als normaler Bürger, der seine Rechte nicht kennt und sich nicht so gut ausdrücken kann, dorthin kommt, kann man schnell an Grenzen stoßen und in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Das darf eigentlich nicht sein. Das ist aber möglich durch diese Art, Gesetze und Richtlinien zu erlassen. Dabei wird einzelnen Sachbearbeitern, die ja auch keine pädagogische Vorbildung haben, so viel Handlungsspielraum gegeben, dass sie jemandem komplett das Geld streichen können. Wir erleben leider auch, dass die Solidarität nicht sehr groß ist, zum Beispiel, wenn in der langen Schlange vor der Bearbeitung jemand mit einer anderen Hautfarbe steht und Probleme mit dem Amt hat.

Noch einmal zum Verein. Die Mitgliederzahl lag vor einem Jahr bei 40, ist das so geblieben?

Fischer: Ja, das ist so geblieben.

Matz: Keiner gestorben im vorigen Jahr. 2011 waren es einige.

Fischer: Da gab es für mich ein einschneidendes Erlebnis. Ich war das erste Mal bei einer Armenbestattung. Keine Halle, keine Musik, keine Rede, kein Grabstein. Das hatte nichts Würdiges. Der Landkreis Teltow-Fläming zahlt 900 Euro. Die Stelle auf dem Friedhof kostet schon 700 Euro. Da bleibt nichts für einen würdigen Abschied. In Wittenberg zum Beispiel werden die anfallenden Kosten bezahlt.

Welche Pläne hat der Verein für dieses Jahr?

Matz: Politisch werden wir versuchen, uns vor der Bundestagswahl noch mehr zu vernetzen mit Gruppen und Parteien, die Moratorien im Hinblick auf Sanktionen fordern oder die Sanktionen an sich abschaffen wollen. Da hat sich die Basis verbreitert. Es ist nicht mehr nur die Linke, jetzt gehören auch die Grünen und die Piraten dazu. Als Verein wollen wir sehen, wie wir das mit voranbringen können. Sanktionen betrachten wir als menschenfeindlich und verfassungswidrig. Ein minimales Grundeinkommen – ob das jetzt existenzsichernd ist oder nicht, wäre eine andere Diskussion – für Leute, die sich und ihre Familie nicht über ihre Arbeit finanzieren können. Wir wurden hellwach, als von Einschnitten im sozialen Bereich die Rede war, die nach der Wahl in Kraft treten sollen.

Die Politik steht im Vordergrund. Wird es aber auch das Sommer-Feriencamp wieder geben?

Fischer: Das wird auf jeden Fall stattfinden, selber Ort, selbe Zeit. Und auch dort wollen wir verschiedene Gruppierungen ansprechen und an einen Tisch bekommen. Letztes Jahr hat es zum ersten Mal richtig geklappt. Aus Berlin, Sachsen waren Leute dabei.

Matz: Denn es gibt ja Sachen, bei denen wir an unsere Grenzen stoßen, mit denen wir uns noch nicht intensiv genug beschäftigt haben. Wir hatten zum Beispiel Anfragen zum Thema Rente, aber da müssen wir passen. Bildung war jetzt auch oft angefragt.

Fischer: Wir haben versucht uns fortzubilden und uns Seminare gesucht, die finanzierbar sind. Aber manches ist wirklich kompliziert. Zum Beispiel kann man Bafög und Hartz IV nicht zusammen beziehen. Die junge Mutter kriegt Wohngeld und Bafög, aber das Kind kriegt Wohngeld vom Jobcenter und Hartz IV – in einer Familie mit zwei Personen können vier Ämter zuständig sein.

Da kann man die verstehen, die aufgeben.

Matz: Es sind schon Leute aus der sogenannten Mittelschicht an uns herangetreten, weil sie doch nicht so gut Einnahmen für ihre Familien generieren können. Diese sozialen Probleme werden, wenn sich die Politik nicht ändert, größer werden. Wenn wir den Leuten weiterhelfen wollen, müssen wir uns noch breiter aufstellen, auch personell. Das werden drei Vorstandsmitglieder allein nicht schaffen. Wir brauchen mehr Aktive.

Was war für Sie ein schönes Erlebnis im vorigen Jahr, das mit dem Verein zu tun hatte?

Matz: Das Familiencamp und der Fall, der jetzt so spontan auf uns zukam.

Fischer: Weil er so schön schnell gelöst und die Familie so ehrlich dankbar war. Sie haben sofort bemerkt, dass wir das auch nur ehrenamtlich machen. Das ist nicht immer so. Manchmal bekommen wir nicht mal ein Danke.

Matz: Das haben viele nicht verstanden, dass wir das von uns aus machen, ohne dafür von irgendwoher Mittel zu beziehen.

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