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MAZ-Serie: In der neuen Heimat Schlechte Nachrichten

Eigentlich sind Mohammed und Rabiha Yassin nach Europa gekommen, um dem Terror, dem Krieg und den Unruhen in ihrer Heimat zu entfliehen. Aber jetzt mehren sich auch hier die schlechten Nachrichten. Amok, Anschläge, dazu der Putsch in der Türkei. „Wo soll das alles hinführen?“, fragt Rabiha.

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Die gleichen Sprüche wie heute

Mohammed und Rabiha Yassin.

Quelle: Oliver Fischer

Ludwigsfelde. Als sich am Abend des 15. Juni putschende Soldaten und regierungstreue Polizeieinheiten auf den Straßen Ankaras Schusswechsel lieferten, türkische Armisten Leopard-Panzer auf die Bosporusbrücke in Istanbul stellten und der türkische Präsident Erdogan übers Mobiltelefon seine Bevölkerung zum Widerstand aufrief, saß Rabiha Yassin fassungslos vor dem Fernseher und hörte deutschen Reportern zu, die sie nur bruchstückhaft verstand. „Ich war aufgeregt, hatte schreckliche Angst“, sagt sie.

Dreieinhalb Jahre lang hatten sie, ihr Mann Mohammed und die Kinder Rabi und Hala in der Türkei gelebt, in Reyhanlı, nur wenige Kilometer hinter der syrischen Grenze. Millionen syrischer Flüchtlinge halten sich noch immer in der Region auf, drei von Rabihas Brüdern leben dort. Es war sicher nicht die beste Zeit ihres Lebens gewesen, die Familie hatte dort die Gewaltbereitschaft der syrischen Al-Nusra-Kämpfer erlebt und auch Erniedrigungen von Seiten der Türken gespürt. Trotzdem dachte Rabiha: Was soll das?

Sorge um den jüngeren Bruder in der Türkei

„Ich fürchte um die Stabilität in der Türkei. Es ist gut, dass Erdogan an der Macht geblieben ist“, sagt Rabiha mehr als eine Woche später. „Ich glaube, dass er kein schlechter Präsident ist. Und wer weiß, was passiert wäre? Womöglich wären auch noch Millionen Türken in die EU geflohen.“ Ihr Mann Mohammed winkt ab. Es sei doch alles nur ein Coup des Präsidenten gewesen, sagt er. Bei der politischen Bewertung sind er und Rabiha uneins.

Das ganze hat aber auch noch eine persönliche Dimension. Rabiha sorgte sich vor allem um ihren jüngsten Bruder. Er ist 19, lebt noch in der Türkei, und sie will ihn so bald wie möglich nach Deutschland holen – auch, um ihm Halt zu geben und ihn nicht an irgendwelche Menschenfänger zu verlieren, die zuhauf im türkisch-syrischen Grenzgebiet unterwegs sind.

Tod und Hass waren in Syrien allgegenwärtig

Und als ob das alles nicht genug gewesen wäre, kamen noch der Amoklauf in München, die islamistischen Anschläge in Würzburg, in Ansbach und im französischen Rouen. „Das hat mit Islam nichts zu tun. Unser Prophet sagt, man darf nicht töten, man darf nicht mal die Krone eines Baumes abschneiden“, schimpft Rabiha. „Diesen Leuten geht es nicht um den Glauben. Wer Europa und seine Werte nicht akzeptieren kann, der soll verschwinden.“ Natürlich weiß sie, das Extremisten so nicht denken. Sie hat viele von ihnen erlebt und beobachtet, wie sie Leute geschlagen, gedemütigt oder einfach mitgenommen haben. Gott weiß, wohin.

In der Türkei sei sie einmal von einem Nusra-Kämpfer bedroht worden, weil sie kein schwarzes Kopftuch trug, sondern ein buntes. „Ich habe ihm geantwortet, dass ich meine Kleidung nicht ändern werde, und dass er mich doch töten soll.“ Als sie das erzählt, grinst sie, als scheine ihr das heute alles völlig verrückt. Aber Tod und Hass waren allgegenwärtig für die Familie seit Beginn des Krieges in Syrien. Deshalb stimmt es Rabiha traurig, dass der Terror auch Deutschland erreicht hat. Aber sie weiß auch: Mit jedem Anschlag wächst das Misstrauen gegenüber den Flüchtlingen. „Ich spüre das, wenn ich unterwegs bin. Zuletzt hat mich ein älterer Mann angeschrien. Ich habe nicht viel verstanden, nur das Wort ,Scheiße’“, erzählt Rabiha.

Rabiha Yassin wünscht sich Ruhe

Jeder geht anders damit um. Rabiha hat sich fürs Lächeln entschieden. Sie läuft mit fröhlichem Gesicht durch die Stadt, strahlt die Menschen an und hofft auf positive Reaktionen. Aber das alles sei zermürbend, sagt sie. Die Angst um den Bruder. Die schlechten Nachrichten. Die Blicke der Leute. Rabiha seufzt. „I only want some rest“, sagt sie. „Ich hätte einfach nur mal gern ein bisschen Ruhe.“

Info: Die Familie Yassin – Mohammed, Rabiha und ihre drei Kinder – sind vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen und leben jetzt in Ludwigsfelde. Die MAZ berichtet wöchentlich über ihr Leben in Deutschland.

Von Oliver Fischer

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