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Schwabe saniert Brennerei

Genshagen Schwabe saniert Brennerei

Die Brennerei auf dem Gutshof Genshagen ist seine Leidenschaft: Der Schwabe Heinz Sostak ersteigerte den denkmalgeschützten Backsteinbau auf dem ehemaligen Wirtschaftshof von Schloss Genshagen. Schritt für Schritt will er den alten Gutspark rund um die frühere Rohsprit-Brennerei wieder entstehen lassen.

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Der Schwabe Heinz Sostak ersteigerte den Gutshof 2003 bei der Deutschen Grundstücksauktionen AG , weil es ihm das Backsteingebäude der Brennerei angetan hatte.

Quelle: Jutta Abromeit

Genshagen. Von einem Landwirtschaftsbetrieb blieb ein Industriegebäude: der markante Backsteinbau der Rohsprit-Brennerei auf dem Gutshof Genshagen. Neben der Ziegelmauer an der Straßenfront ist die Brennerei Fachleuten zufolge das einzige denkmalwerte Gebäude dort. Deshalb stellten sie den zweigeschossigen Bau 2003 unter Denkmalschutz. Wenig später ersteigerte der schwäbische Unternehmer Heinz Sostak das gesamte Gutsgelände von der Deutschen Grundstücksauktionen AG; die Treuhand-Liegenschaft Immobilien GmbH hatte es zum Versteigern freigegeben. Der heute 58-jährige Sostak bekam es für 145 000 Euro.

Blick von der Wetterfahne der Brennerei auf das Schloss Genshagen

Blick von der Wetterfahne der Brennerei auf das Schloss Genshagen

Quelle: Abromeit

Gottfried Schindler versteht das bis heute nicht. Er war von 1959 bis 1992 Direktor des Volkseigenen Gutes Genshagen, ab 1978 hieß es Großbeeren. Von den bis zu 500 Arbeitskräften produzierten drei bis vier den Rohsprit für Weizendoppelkorn. Bis 1993. Schindler sagt: „Wir haben als Gemeinde jahrelang versucht, das Gelände zu kaufen. Wir wollten für unser Dorf mit mehr als 1000 Einwohnern ein Versorgungszentrum und die Brennerei für kulturelle Zwecke entwickeln.“ Parkplätze hätte es genug geben können. Und vielleicht auch wieder Sprit. Alles Geschichte, selbst ein Wertgutachten des Geländes für 980 000 D-Mark half den Genshagenern nicht. Schindler hat das Kapitel abgeschlossen; traurig ist er, dass es im Ort bis heute keine Einkaufsmöglichkeit gibt. 2004 feiert das Großdorf sein erstes Nachwende-Dorffest auf dem Gutshof, Eingesessene und Neue arrangieren sich miteinander. Die Brennerei hat mit ihren Industriebau-Resten ein Innenleben von unverwechselbarem Charme.

Kultur- und Veranstaltungsstätte geplant

Sostak und seine Freunde waren spontan in den Bau verliebt, hatten jedoch nicht das Geld für groß angelegte Aktionen, um das Gelände schnell herzurichten. Von Beginn an sprachen sie vom „schrittweisen Entwickeln“. Am allerwichtigsten war: das marode Dach sichern, damit das Innenleben nach zehn Jahren Leerstand nicht weiter verfällt. Heinz Sostak schwebt bis heute im Erdgeschoss eine Kultur- und Veranstaltungsstätte vor, darüber Büros und seine eigene Wohnung.

Besucher mögen den Charme der Gegensätze zwischen den Sofas und den alten technischen Anlagen

Besucher mögen den Charme der Gegensätze zwischen den Sofas und den alten technischen Anlagen.

Quelle: Abromeit

Eine knappe Million Euro hat er inzwischen investiert. Angefangen vom Austauschen verseuchter Erde bis zum Entrümpeln aller Nischen. „Da ist in 13 Jahren ganz, ganz viel mit Eigenleistung passiert“, sagt Sostak, auch wenn es nicht immer so schnell gehe, wie er sich das wünscht. Dach und Boden sind erneuert, die Fassade ist denkmalgerecht saniert. Mit ihren beiden Risaliten, den weit herausstehenden Vorbauten vom Boden bis zur Traufe, ist sie das Markanteste an dem Backsteinbau.

Gutpark soll wieder entstehen

Heinz Sostak scheint gelassen, wenn er sagt: „Ich hatte die Brennerei ja von vornherein als Leidenschaft nebenher gesehen, nicht als mein Hauptziel.“ Nebenher hieß: Neben der Firma Transporter mit Werkstatt und Autoverkauf. 2012 sein Entschluss, den kleinen Gewerbepark an der Brennerei aufzugeben. Mit seiner Firma Artelier will er auf dem Gelände nicht nur den alten Gutshof wieder entstehen lassen, sondern auf dem drei Hektar großen Areal einen Gutspark entwickeln. „Das ist definitiv eine gute Ergänzung zum Schloss mit seinem Park“, sagt der Geschäftsmann. Das alte Gutshaus in Straßennähe hat er inzwischen zu einem Seminarhaus inklusive Frühstücksraum umgebaut, ein Café ist im Entstehen und soll noch 2016 fertig werden. „Jetzt suche ich einen Betreiber dafür“, so Sostak. Mit einem Blick übers Gelände sagt er: „Ist die Brennerei meine Leidenschaft, dann wird der Gutspark wohl mein Lebenswerk. Der wird mich nicht mehr loslassen.“

Im alten Gutshaus entsteht derzeit ein Café

Im alten Gutshaus entsteht derzeit ein Café.

Quelle: Abromeit

Die denkmalpflegerische und die ortsbildprägende Bedeutung seines Eigentums kennt er. Das hindert ihn nicht, lässig damit umzugehen. Er schuf mit Kronleuchtern und Sofas Gegensätze zu den Resten rostiger Brennerei-Ausstattung. Dieser Charme des großen Innenraums zieht Freunde und Bekannte zu privaten Feiern wie dem Tanz in den Mai oder Oktoberfesten an. „Wenn die letzten Brandschutztüren eingebaut sind, können diese Abende auch öffentlich stattfinden“, sagt Sostak, der jeden baulichen Schritt mit dem Denkmalschutz abstimmen muss. Innen ist kaum was zu verderben. In der gutachterlichen Stellungnahme von Fachreferentin Marie-Luise Buchinger im Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum Wünsdorf heißt es: „An denkmalwerter Technik hat sich nichts erhalten, schützenswert von der Innenausstattung sind lediglich das Treppenhaus und die Wendeltreppe im rückwärtigen Risalit.“

Typischer ländlicher Industriebau

Für die Denkmalschützer ist die Brennerei Genshagen ein typisch ländlicher Industriebau, der mit nüchterner Formensprache von der Industrialisierung der Landwirtschaft zeugt. Und der ebenso wie zeitgleich gebaute Molkereien, Sägewerke oder Mühlen städtische Bauformen in die umliegenden Dörfer Berlins brachte. Gleichzeitig veranschauliche die Brennerei, so die promovierte Fachfrau Buchinger, dass der ländliche Industriebau eine durchaus eigene Prägung besaß: Er zeige eine viel zurückhaltendere Formensprache als der städtische und verzichte zum Beispiel auf historisierende Details. Städtebauliche Bedeutung, meint Buchinger, komme dem Brennereigebäude wegen seiner Stellung auf dem Wirtschaftshof, wegen seiner Größe, seines Schornsteins und der auffallenden Gliederung zu. Sie beschreibt die gelben Ziegelstreifen in dem ansonsten roten Backsteinbau als „lebhaft“.

Hintergrund

Das Gutshofgelände Genshagen war Wirtschaftshof für das benachbarte Schloss, das 1878 bis 1880 auf dem Fundament eines vermutlich um 1700 erbauten Herrenhauses errichtet worden war und Herrensitz des Barons von Eberstein war. Von einer 7,5 Hektar großen Parkanlage umgeben, bildete es den Dorfkern von Genshagen.

Eine Brennerei wurde auf dem Gutshof 1839 errichtet, um aus Kartoffeln Brennspiritus herzustellen. Das heutige Gebäude ist 1888 gebaut worden. In späteren Jahren erwarb die Brennerei das Recht, zu destillieren und zu veredeln.

Zu DDR-Zeiten wurde in Genshagen Rohsprit aus Weizen hergestellt. Für die Weizendoppelkorn-Herstellung lieferte das Volkseigene Gut Genshagen sein Produkt nach Berlin an „Bärensiegel“.

Zwischen 1963 und 1972 wuchs das Gut Genshagen permanent, die umliegenden Güter Jühnsdorf, Heinersdorf, Friederikenhof, Sputendorf, Nudow und Großbeeren kamen dazu. 1978 hieß dieser Verbund Gut Großbeeren und war „Versorgungsgut für die DDR-Hauptstadt Berlin“.

Die Rohsprit-Produktion endete 1992 mit Treuhand-Abwicklung des Gutes.

Für zwei mal zwei Wochen im Jahr entflieht Heinz Sostak seiner Idylle. Dann radelt er etappenweise ums Mittelmeer, um den Kopf frei zu bekommen. Von Berlin aus liegt die Strecke nach Santiago de Compostella, von dort nach Lissabon, Malaga, Barcelona, Frankreich, Italien und Griechenland hinter ihm. Jetzt geht es von dort nach Istanbul. Ist er zurück, will er sich um Pflanzen und Sitzgelegenheiten im Gutspark, um Tanzkurse in der Brennerei kümmern.

Von Jutta Abromeit

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