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Sie hat die Stars des BE erlebt und fotografiert

Am Mellensee Sie hat die Stars des BE erlebt und fotografiert

Vera Tenschert fotografierte 36 Jahre lang die Stars am Berliner Ensemble, hatte sämtliche große Namen vor der Linse. Auch an Bertholt Brecht hat sie noch persönliche Erinnerungen. Heute lebt sie in der Gemeinde Am Mellensee.

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Vera Tenschert am Mellensee mit dem Topf, den Helene Weigel und Bertolt Brecht während der Emigration in den USA benutzt hatten.

Quelle: Karen Grunow

Mellensee. Nun ist es der Mellensee, den sie porträtiert. Am Morgen, zu Sonnenaufgang, flitzt Vera Tenschert raus in ihren großen Garten, hält es fest, dieses Naturschauspiel, das aufquellende Orange und das Wiederglühen im See, die Nebelschwaden am anderen Ufer. Früher, während ihrer Ausbildung zur Fotografin am Berliner Lette-Verein, war Landschaftsfotografie für sie eher eine leidige Übungsaufgabe. Sie wollte lieber die Gesichter der Menschen erkunden. Und das tat sie dann auch: Vera Tenschert war 36 Jahre lang Fotografin am Berliner Ensemble. Sie hat sie alle erlebt, mit ihnen gearbeitet, die großen Stars jener Bühne. Vera Tenschert, kam 1954, zwei Jahre vor Bertolt Brechts Tod, an sein Theater. Auch an ihn hat sie also noch persönliche Erinnerungen.

Und von ihm sogar noch ein ganz persönliches Utensil, vielmehr von seiner Frau Helene Weigel. „Bert Brecht und ich essen aus demselben Näpfchen“, sagt sie und lacht und zeigt den Kochtopf, den Helene Weigel in der Emigration in den USA angeschafft und später der Fotografin vermacht hat.

40 bis 50 Filme pro Inszenierung

Übermorgen wird Vera Tenschert 80 Jahre alt. Vor wenigen Wochen erst hat sie ihre Fotos an die Akademie der Künste gegeben. Seit September hatte sie geschaut, sortiert, gestaunt, sich erinnert an Situationen. „Ich habe mich schwer getrennt“, sagt sie. Bereits kurz nach der Wende wanderte erstmals ein großer Schwung ihrer Bilder ins Brecht-Archiv der Akademie. Aufnahmen, die sie für ihr eindrückliches Buch über Helene Weigel verwendet hatte. Das war bereits 1981, zehn Jahre nach dem Tod dieser unglaublichen Schauspielerin und starken Frau, erstmals erschienen und prompt als Buch des Jahres gefeiert worden. Zum 100. Geburtstag der Weigel im Jahr 2000 wurde es neu aufgelegt. Mit auch privaten Erinnerungen an „Helli“, die Vera Tenschert und ihrem Mann Joachim, der Chefdramaturg am Berliner Ensemble war, nicht nur beruflich eng verbunden war. Sie genossen ein geradezu familiäres Miteinander. „Es war eine ganz große Zeit für mich und ich möchte keine Minute missen.“ Vera Tenschert blättert durch das Weigel-Buch, erzählt. Vom ersten Tag einer Inszenierung an war sie dabei.

Mehrere Kamerataschen schleppte sie früher zu den Proben; die Prozedur, in den Pentacon Six-TL-Kameras die Filme zu wechseln, dauerte zu lang, sie musste gewappnet sein und einfach abdrücken können. 40 bis 50 Filme brauchte sie locker für eine Inszenierung.

Fotos als visuelle Notizen

„Ich bin ein großer Verfechter von Schwarzweiß-Fotografien“, betont sie. „Porträts in Schwarzweiß sind für mich immer ehrlicher.“ Heute fotografiert sie immer noch, aber mit einer kleinen Digitalkamera. „Ich betrachte meine Fotos jetzt nur noch als visuelle Notizen“, sagt sie dazu.

Gibt es in der Neuen Galerie in Wünsdorf eine neue Ausstellung, ist sie stets dabei, dokumentiert die Vernissage, beobachtet die Besucher. Seit 1993 engagiert sie sich. „Wir sind wie eine Familie“, sagt sie über die Runde derer, die helfen beim Aufbau von Ausstellungen, Aufsichtszeiten übernehmen.

Es war das Jahr nach dem Tod ihres Mannes. Das heutige Grundstück am Mellensee, das Tenscherts seit 1969 als kleines Refugium nutzten, wurde zunehmend mehr zum Lebensmittelpunkt. Aber erst im vergangenen Jahr löste Vera Tenschert endgültig ihren Pankower Haushalt auf und lebt nun gänzlich hier.

Am Mellensee groß geworden

Ihre Eltern hatten seit 1928 ganz in der Nähe ein Haus, alle Ferien verbrachte sie am See. „Ich bin hier eigentlich groß geworden“, erzählt sie. Später genoss ihr Sohn die Unbeschwertheit der Ferientage am Mellensee, heute ihre Enkelkinder.

In Wünsdorf war ihr im Februar 2005 auch der große Brecht-Schauspieler Ekkehard Schall wiederbegegnet. Er schrieb ihr einen Gruß – „In alter Verbundenheit und großer Verehrung“. Im September 2005 starb er. Vera Tenschert stellte Fotos für ein Buch über ihn zusammen, es war ihr ein besonderes Bedürfnis. Dieses Buch wurde eine Hommage für den Mann, über den sein Kollege Hermann Beyer sagte: „Schall war wie ein Gewitter.“

Sie merke, junge Leute wissen kaum noch etwas über jene Theaterstars, deren Premieren einst von Prominenten aus der ganzen Welt besucht wurden. Das BE von Brecht und Weigel, das war eben legendär. „Das ist einfach Geschichte“, sagt Vera Tenschert heute.

Helene Weigel mochte nicht, dass Vera Tenschert Hosen trug

Sie war 18, gerade fertig mit der Fotografie-Ausbildung und wollte eigentlich in die Mode. In München wartete ein Praktikumsplatz. Als sie einmal, um Zeit bis zur Abfahrt eines Zuges zu überbrücken, am Bahnhof Alexanderplatz eine Zeitung kaufte, fiel ihr eine Annonce ins Auge. Am Berliner Ensemble wurde ein Fotograf gesucht. Sie bewarb sich und wurde genommen. Irgendwann soll sie eine Probe Brechts fotografieren, der mit „Der Kaukasische Kreidekreis“ sein eigenes Werk inszeniert. Ihn dürfe sie nicht fotografieren, erhält sie als Ansage. Er interessiert sich für ihre Bilder der Probe, spricht kenntnisreich mit ihr darüber. Sie spürt: Hier wird die Arbeit eines jeden Mitarbeiters wertgeschätzt. Das Büro von Helene Weigel, die nach Brechts Tod 1956 die Intendanz des Hauses übernahm, stand immer für jeden offen. Eigentlich, Vera Tenschert lacht, hatten sie und die Weigel nur einen richtigen Disput: Helene Weigel mochte nicht, dass Vera Hosen trug.

Weiteres Buch geplant

Sie fuhr mit zu Gastspielen, begegnete so in London auch Marlene Dietrich. Die Weigel und die Dietrich an einem Tisch inmitten all der Theaterkollegen – was für ein Bild. Der letzte Auftritt der Weigel in Paris 1971, wenige Wochen vor ihrem Tod, längst schwer krank, nimmt sie die Huldigungen des Publikums entgegen. Was für ein Bild. Spontan springt sie bei einer Probe zu „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ mit Rat einer Kollegin zur Seite. Die Weigel, über 60, tänzelt leichtfüßig, mit provozierend keckem Hüftschwung und schnippischem Selbstbewusstsein über die Bühne. Was für ein Bild.

Vera Tenschert plant noch ein weiteres Buch mit Fotos über ihre Zeit an dem großen Theater. Und wird natürlich weiterhin in Wünsdorf aktiv sein. „Ich langweile mich nicht.“ Im Theater sei alles anormal und hektisch gewesen, und jetzt, sie staune über sich selbst, genießt sie das Geruhsame am Mellensee, von dem sie akribisch Sonnenaufgangsimpressionen sammelt.

Von Karen Grunow

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