Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Teltow-Fläming So platt sprach man in Brandenburg
Lokales Teltow-Fläming So platt sprach man in Brandenburg
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:36 08.03.2018
Gerhard Schulze aus Paplitz und seine Frau Siglinde beschäftigen sich mit Fläming-Platt. Mundart. Dialekt. Quelle: Oliver Fischer
Dahmeland-Fläming

Einmal im Monat öffnet sich im kleinen Baruther Ortsteil Paplitz ein Fenster in die Vergangenheit. In einer Raum des örtlichen Museums sitzen dann zehn bis zwölf Leute um einen Tisch und lesen sich gegenseitig Texte vor, die außer ihnen kaum jemand versteht. „Et woar uppen Jründunnersdach, also kortsch vear Oastern“, heißt es dann da. Es ist von „Zwiewelbriehe“ die Rede, vom „Hinderstall“ oder vom „Mäelboom“.

Das mutet an wie ein ferner Dialekt, der mit Brandenburg nichts zu tun hat. Tatsächlich aber gehört dieses Plattdeutsch zum historischen Klang der Mark. Vor 200 Jahren sprachen auf den Dörfern zwischen Zossen und Dahme und Jüterbog fast alle so. Flämische Einwanderer brachten diese Form des Niederdeutschen vermutlich im 12. oder 13. Jahrhundert mit. Sie wurde zur Standardsprache auf den Feldern und in den Kleinstädten der heutigen Fläming-Region.

Gerhard Schulze kennt Platt noch von seiner Mutter

Gerhard Schulze, 86, Paplizer Ortschronist und gemeinsam mit seiner Frau Sieglinde einer der wenigen Bewahrer des Flämingplatt, hat es noch gehört. „Meine Mutter hat mit Einheimischen nur Platt gesprochen. In meiner Kindheit war das ganz normal“, sagt er.

Die Nachbarin, der Bauer von gegenüber, alle unterhielten sich im breiten Dialekt. Sie sagten „äwwer“ statt über, „jerennt“ statt gerannt, „wull“ statt wohl und „wedder“ statt wieder. Dabei gab es in den verschiedenen Regionen ganz unterschiedliche Färbungen – ähnlich wie im Bayerischen, das in jedem Bergdorf anders gesprochen wird. „In Dahme wurde anders geredet als bei uns“, sagt Gerhard Schulze. „Und in Brück wieder anders als in Dahme.“

Hörbeispiel, gelesen von Gerhard Schulze

Die einen sagten „Liede“, die anderen „Liete“, wenn sie von Leuten sprachen. Die einen „vertellten“ ihre Geschichten, die anderen „verzellten“ sie. Für die einen hieß es „mei“ und „dei“, für die anderen „mi“ und „di“. Heute, ein gutes halbes Jahrhundert später, heißt es überall nur noch mir und dir und mich und dich – und die wenigsten wissen noch von der Sprache, die einst das Land beherrschte. Das ist traurig, finden die Schulzes.

Experten sind uneins

Wann und wieso das Fläming-Platt aus dem Alltag verschwand, darüber sind die Experten uneins. Gerhard Schulze geht von den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts aus. „Damals hat man die Mundart aus den Schulen verdrängt, weil die Lehrer damit nicht klar kamen“, sagt er. Karlheinz Niendorf dagegen, Jüterboger und ebenfalls seit Jahren in Sachen Fläming-Platt unterwegs, verortet den Beginn des Siechtums früher. „Die Befürchtung, dass die Dialekte aussterben, muss es schon im 19. Jahrhundert gegeben haben“, sagt er.

Der Jüterboger Karlheinz Niendorf hat ein Buch über das Flämingplatt geschrieben. Quelle: Oliver Fischer

Niendorf wurde vor 88 Jahren in Oehna geboren, einem damals schon verkehrsmäßig gut angebundenen Dorf südlich von Jüterbog. Im Gegensatz zu den umliegenden Dörfern sei das Platt in Oehna schon zu seiner Kinderheit kaum noch ausgeprägt gewesen, sagt er. In den umliegenden Dörfern habe man es dagegen noch häufig gehört. Aber dann kamen Krieg und Nachkriegszeit, die der Sprache endgültig den gar aus machten.

Zuerst wurden zahlreiche Vertriebene aus den Ostgebieten angesiedelt. „Die brachten ihre eigenen Dialekte mit“, sagt Niendorf. Das Platt verwässerte. Dann folgte eine weitere Umwälzung. Im Zuge der Bodenreform wurden Bauern enteignet. Viele von ihnen verließen daraufhin die Dörfer und nahmen ihr Platt mit. „In der DDR hatte dann auch niemand ein Interesse daran, die Mundart zu pflegen“, sagt Karlheinz Niendorf.

Selbst Heimatdichter resignierten

Vereinzelt bemühten sich zwar Heimatdichter, die Plattfahne hochzuhalten. Eine namhafte war Käthe Taubitz. Doch auch sie resignierte irgendwann und übersetzte ihre Texte ins Hochdeutsche, weil sie sich unverstanden fühlte.

Erst nach der Wende erwachte das Interesse einiger Geschichtsinteressierter wieder. An der Jüterboger Schollschule gibt es sogar eine Trachten-AG. Gerhard und Sieglinde Schulze etwa begaben sich Anfang der Neunziger Jahre auf die Spuren der flämischen Siedler und forschten in belgischen Archiven nach den Ursprüngen der Sprache ihrer Vorväter. Vor einigen Jahren trommelten sie dann die Gruppe zusammen, auch in Jüterbog gab es mal eine.

Gerhard Schulze aus Paplitz und seine Frau Siglinde beschäftigen sich mit Fläming-Platt. Quelle: Oliver Fischer

Das Flämingplatt, das man dort hören kann, ist aber eine recht statische Version. Das liegt daran, dass auf den Treffen fast nur vorgelesen wird. „Frei reden ist schwierig. Wir versuchen es manchmal, aber man fällt immer wieder ins Hochdeutsch zurück, weil einfach die Wörter fehlen“, sagt Gerhard Schulze.

Karlheinz Niendorf hat sich an ein anderes schwierigen Unterfangen gewagt. Er hat ein Buch übers Flämingplatt geschrieben, obgleich es weder einheitliche Rechtschreib- noch Grammatikregeln gibt, an die man sich halten kann. Niendorf hat deshalb seine eigenen aufgestellt.

Flämingplatt und Niederländisch sind eng verwandt

In dem Buch vergleicht er die Wörter, die in den Dörfern um Oehna benutzt wurden, mit dem Niederländischen, das heute noch in Belgien gesprochen wird. Die Sprachen sind sich immer noch sehr ähnlich, sagt Niendorf. Wörter wie Puhl, Heede, Helten oder Plumpe, die in der Region zum Teil verschwunden sind, zum Teil aber auch noch auftauchen, lassen sich alle auf den Flämischen Ursprung zurückverfolgen. Und Sätze wie „Hiete jon we alle hoopens ins hei“, die Niendorfs Tante einst zu sagen pflegte, würde man in Belgien wohl auch heute noch verstehen.

In Oehna und Umgebung kann man damit aber niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken, auch das ist eine Erkenntnis, die das Buch brachte. „Ich hatte damals geglaubt, ich würde es dort reißend loswerden. Es hat sich aber keiner gemeldet“, sagt Niendorf. Das war eine Enttäuschung, aber auch eine klare Ansage. Das Flämingplatt bedeutet in dieser Region nichts mehr. Es stirbt, sofern es nicht schon gestorben ist.

Identifikation mit der Mundart fehlt

Gerhard Schulze glaubt deshalb auch nicht, dass die jüngsten Beteuerungen der Landesregierung noch etwas bringen. Die hat vor wenigen Wochen angekündigt, Sprachgruppen wie die Paplitzer künftig stärker unterstützen zu wollen. Das komme zu spät, sagt Gerhard Schulze. In Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen oder Schleswig Holstein sei Platt immer ein Kulturgut gewesen. „Das vermisse ich in Brandenburg.“

Dann zitiert er einen Satz, den er in seiner Kindheit oft hörte. „Der ollen Erbe lot nit verderbe“, sagte man damals. Man solle das Erbe der Alten bewahren und nicht verderben lassen. Das habe sich aber wohl erledigt, sagt Gerhard Schulze. „Der ollen Erbe werd verderbe.“

Auch wenn es hoffentlich noch ein paar Jahre dauert.

Von Oliver Fischer

Ute Freudenberg, eine der beliebtesten Sängerinnen der DDR, begeisterte ihr Publikum im ausverkauften Stadttheater. Sie sang ihre „Jugendliebe“ und erzählte aus ihrem Leben.

08.03.2018

Der Sprühregen schaffte es am Montagmorgen nicht über die Berliner Stadtgrenze – der Norden von Teltow-Fläming blieb weitgehend von Blitzeis verschont. Nur auf Kopfsteinpflasterstraßen wurde es etwas glatt.

05.03.2018

In der Erstaufnahmeeinrichtung in Wünsdorf hat am Freitag ein Bewohner mehrere Wachschützer angegriffen. Zudem zerschlug er mit einer Eisenstange die Scheiben mehrerer Autos, einige Computerbildschirme und einen Drucker. Der Grund war banal.

05.03.2018