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Sowjet-Stätten als Ausflugsziele

Teltow-Fläming Sowjet-Stätten als Ausflugsziele

Der Touristiker Holger Raschke organisiert Führungen auf den Spuren der Roten Armee. Er hat die Militärareale im Kreis Teltow-Fläming und in Potsdam auf ihre touristischen Potenziale untersucht – und denkt: Dort gibt es viel zu entdecken. Wenn man die Kasernen attraktiv herausputzt.

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Kummersdorf: Attraktive, aber einsturzgefährdete Architektur.

Quelle: Julian Stähle

Potsdam/Jüterbog. „Berlins Taiga“ ist der Name eines jungen Potsdamer Unternehmens, das Touren auf den Spuren einer sowjetisch geprägten Vergangenheit in Berlin und Brandenburg anbietet. Die alten Militärgebiete in Teltow-Fläming sind dabei ein Schwerpunkt. Der Name ist mit der Bezeichnung der endlosen Wälder Sibiriens Anspielung auf das weitläufige Umland der Bundeshauptstadt, in dem vor allem die Sowjetarmee riesige Truppenstützpunkte unterhielt.

Familiäre Wurzeln in Jüterbog

„Zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 und dem endgültigen Abzug der russischen Armee 1994 aus Deutschland hatte die Region eine fast 50-jährige sowjetische Geschichte“, sagt Holger Raschke (34). Der Potsdamer hat viel Zeit seiner Kindheit und Jugend in Jüterbog und Niedergörsdorf verbracht, wo seine Großeltern leben. Er kennt die Gegend, „in der die Sowjetarmee omnipräsent war“, sagt er, „rundherum gab es endlose Kasernenstädte, abgeschirmte Militärobjekte und gigantische Übungsplätze.“ Heute seien die Kasernen in Teltow-Fläming „Lost Places“ – verlorene Orte – und die verlassenen Militärgebiete sind Wolfsreviere.

Holger Raschke hat „Berlins Taiga“ gegründet

Holger Raschke hat „Berlins Taiga“ gegründet.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Raschke studierte an der Universität Potsdam Soziologie und Humangeografie und im Anschluss daran Tourismusmanagement an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde. In seiner Masterarbeit untersuchte er „das touristische Potenzial des sowjetischen Erbes in Brandenburg“ am Beispiel des Landkreises Teltow-Fläming und der Landeshauptstadt Potsdam.

TF hat die meisten Militärflächen in Deutschland

Ein Drittel Potsdams war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von der Roten Armee besetztes Sperrgebiet, schätzt Raschke. Und in den drei Altkreisen Zossen, Luckenwalde und Jüterbog nutzte das Militär fast ein Fünftel der Fläche, überwiegend die sowjetische Westgruppe. Die Gebiete erstreckten sich von Wünsdorf über Sperenberg und Luckenwalde bis Jüterbog und Treuenbrietzen. Nach dem Abzug der russischen Truppen war es nur noch 0,1 Prozent der Fläche. Damit ist Teltow-Fläming die am stärksten von militärischer Nutzung geprägte Region Deutschlands.

Bunker in Wünsdorf

Bunker in Wünsdorf.

Quelle: promo

In Wünsdorf hatte bereits die preußische Armee einen Truppenübungsplatz eingerichtet, die Wehrmacht hatte später dort das Oberkommando ihres Heeres stationiert. Ab 1952 befand sich dort der Sitz des Oberkommandos der Sowjetarmee und ab 1956 der Stab der Luftstreitkräfte. Bis zu 100 000 Militärs- und Zivilangehörige waren dort stationiert in einem abgeschotteten Areal – die größte sowjetische Stadt auf deutschem Boden.

Sperenberg mit Garnison, Flugplatz und Heeresversuchsanstalt

Auf dem Areal Sperenberg/Kummersdorf ist die Heeresversuchsanstalt mit ihrer 13 Kilometer langen Testschießbahn besonders bekannt. Zur Sowjetzeit wurde der Flughafen Sperenberg angelegt (1958). Der Schießplatz wurde weitergenutzt.

Ende 19. Jahrhunderts wurde der Artillerieschießplatz mit Kasernenkomplex bei Jüterbog geschaffen: Altes Lager. Später folgten ein großes Lazarett, ein Luftschiffhafen und eine Fliegerschule. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Region um Jüterbog zu einem riesigen sowjetischen Armeestandort mit geschätzt 40 000 Soldaten und einem 1200 Hektar großen Flugplatz.

Das alte Militärlazarett in Neues Lager

Das alte Militärlazarett in Neues Lager.

Quelle: Gertraud Behrendt

In seiner Masterarbeit hat Raschke touristische Potenziale herausgearbeitet. Für Wünsdorf sieht er Vorteile durch die gute Verkehrsanbindung. Allerdings gebe es kaum Beherbergungsbetriebe und die Stadt Zossen berücksichtige das Sowjet-Erbe für den Tourismus kaum. Der Truppenübungsplatz ist kaum erschlossen und der Grundeigentümer vorrangig an Forstwirtschaft interessiert, so Raschkes Erkenntnis. Die Bunkerbereiche und die „Verbotene Stadt“ haben indes großes Potenzial über die aktuelle Nutzung hinaus. So könnten russische Touristen mit familiären Beziehungen in die Region sowie Foto-Touristen umworben werden. Mit mehr Erlebniselementen könnte auch der „Dark Tourism“ ausgebaut werden, der Tourismus zu „dunklen Orten“, zu Orten des Schreckens.

Ruinen sind attraktiv für Foto-Touristen

Der Bereich Sperenberg/Kummersdorf hat eine schlechtere Ausgangslage. Für Natur und Landschaft auf dem Schießplatz vergibt Raschke gute Noten ebenso für die Architektur der Garnisonen. Im Bereich des Flughafens sieht er positiv, dass es eine Projektgruppe zur touristischen Entwicklung unter Beteiligung des Landes gibt. Bisher sieht der Touristiker allerdings wenige konkrete Ansatzpunkte für Fremdenverkehr. Lediglich die authentische Garnisonsarchitektur sei für Foto-Touristen attraktiv. Auch Ausflüge in die Natur seien möglich.

Die alten Militärfläche in Jüterbog und Altes Lager bestechen vor allem durch ihre Wildnis. Doch aufgrund der munitionsverseuchten Böden ist sie touristisch nur bedingt interessant. Das sowjetische Erbe findet zudem wenig Berücksichtigung, eher wird die deutsche Militärgeschichte von Akteuren vor Ort dargestellt. Die Fläche des Flugplatzes wird als Festivalgelände, von Drachenfliegern und von einer Kartbahn genutzt – und ist damit touristisch interessant. Die Fliegertechnische Schule könnte für Foto-Touristen interessant sein, wenn sie baulich gesichert wird. Naturtouristen interessieren sich für die Wildnislandschaft.

Holy-Festival auf dem Flugplatzgelände in Altes Lager

Holy-Festival auf dem Flugplatzgelände in Altes Lager.

Quelle: DPA

Für seine eigenen Touren interessiert sich Raschke vor allem für das Alltagsgeschehen: „Wie hat sich die Präsenz der sowjetischen Truppen ausgeprägt auf die Region, wie war das Zusammenleben mit der einheimischen Bevölkerung, wie war der Alltag der sowjetischen Soldaten?“ Einstige Kasernen stehen nicht auf dem Programm, der Lebensalltag der Truppen wird allerdings thematisiert: Eine Zweiklassengesellschaft mit privilegierten Offizieren und drangsalierten niederen Rängen, die so gar nicht den sozialistischen Gleichheitsidealen entsprach.

Führungen fast täglich

Ausführliche Informationen zur „Berlins Taiga“ mit Geschichten, Tourenangeboten und Themenschwerpunkten vom Zweiten Weltkrieg bis zu „Lost Places“ gibt es auf der Seite www.BerlinsTaiga.de im Internet.

Touren durch das „Sowjetische Potsdam“ und das „Sowjetische Berlin“ gibt es zurzeit fast täglich, Kontakt: Tel. 01 60 / 5 11 18 87.

An Zeitzeugen-Geschichten ist Holger Raschke darüber hinaus interessiert. Er stellt interessante Storys auf seine Internetseite.

Führungen bietet „Berlins Taiga“ zunächst für Potsdam und Berlin an, später sollen auch andere Regionen Brandenburgs folgen. Für den Start-up-Unternehmer ist es zunächst einfacher, in den Städten aktiv zu werden, „wo die Touristen schon sind“. Für Wünsdorf, Sperenberg oder Jüterbog gibt es noch keine Touren. „Ich will erst mit Akteuren vor Ort Absprachen treffen und dann sinnvolle Routen abstecken“, sagt er.

Von Volker Oelschläger und Alexander Engels

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