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Anschlag in Jüterbog: Polizei sucht nach Tätern

Explosion: Staatsschutz ermittelt Anschlag in Jüterbog: Polizei sucht nach Tätern

Anschlag nach einer Asyldemo in Jüterbog: In einer Begegnungsstätte für Flüchtlinge, bot sich Freitagabend ein Trümmerfeld. War der Anschlag rechtsradikal motiviert? Politiker und Kirche verurteilten die Tat bei einer Andacht. Für Verwirrung sorgte Jüterbogs Bürgermeister - er war nicht dabei. Doch aus gutem Grund, sagt er.  

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Die Druckwelle der Explosion hat die Fenster der Evangelischen Einrichtung „gesprengt“. Überall am Boden lagen Splitter.
 

Quelle: Julian Stähle

Jüterbog. Nach einer heftigen Explosion in der evangelischen Einrichtung „Turmstube“ in Jüterbog (Teltow-Fläming) - knapp eine Stunde nach dem offiziellen Ende einer Asylgegner-Demonstration, hat die Polizei noch keine Spur zu den Tätern. "Es werden umfangreiche Ermittlungen und Anwohnerbefragungen im Umfeld des Tatortes durchgeführt und Zeugen, die bereits in der Nacht ermittelt werden konnten, befragt", so ein Sprecher der Polizeidirektion West am Sonnabend. Die Ermittler suchen deshalb dringend nach weiteren Hinweisen und Zeugen. Neue Erkenntnisse gab es auch am Sonntag nicht, teilte der Sprecher des Innenministeriums, Ingo Decker am Sonntag mit.

Innenminister Karl-Heinz Schröter und der Landesbischof der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, Markus Dröge, haben unterdessen den Anschlag verurteilt. „Wir werden ihnen keinen Zentimeter weichen“, sagt Innenminister Schröter vor der Jüterboger „Turmstube“ über die Menschen, die am vergangenen Abend den Treffpunkt für Kinder und Jugendliche zerstört hatten. Und er meint damit auch jene, die Flüchtlinge und Helfer bedrohen. „Diejenigen, die vorgeben, das christliche Abendland zu verteidigen, aber zugleich Anschläge auf kirchliche Einrichtungen verüben, haben die letzte Maske fallen lassen“, sagte Schröter weiter. Man werde ihnen die Stirn bieten - mit aller Konsequenz, die dem Rechtsstaat zur Verfügung steht.

Zu dem spontanen Treffen an der Turmstube hatte die Kirchengemeinde der Stadt um 12.30 Uhr geladen. Etwa 100 Menschen waren nach Angaben des Ministeriumssprechers Ingo Decker gekommen.

Pfarrer Bernhard Gutsche, Bischof Markus Dröge und Innenminister Karl-Heinz Schröter bei der Andacht am Mittag.

Quelle: Victoria Barnack

Bischof Dröge sprach von einer "menschenverachtenden Angelegenheit". Schließlich hätten die Täter dort angegriffen, wo Gemeinschaft geschaffen wird. Deshalb habe man nicht nur die Evangelische Kirche getroffen, sondern auch das Gemeinwesen. Er sicherte der Gemeinde die Unterstützung der Landeskirche bei der weiteren Arbeit und dem Beseitigen der Schäden zu.

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Jüterbogs Bürgermeister abwesend

Jüterbogs Bürgermeister Arne Raue (parteilos), der jüngst wegen einer öffentlichen Warnung vor dem Umgang mit Flüchtlingen wegen möglicher Infektionskrankheiten in der Kritik stand, hat vor der Andacht die Schäden in Augenschein genommen. Zur Veranstaltung selbst blieb er dann nicht mehr. „Ich weiß nicht, was für einen wichtigen Termin der Bürgermeister hat, um nicht hier dabei zu sein“, sagt Jüterbogs Stadtverordnetenvorsitzender Falk Kubitza (SPD). Er habe zum Beispiel seine lange geplante Fahrt zu seiner Tochter nach Nürnberg um einige Stunden verschoben. Selber sei er erschüttert, so Kubitza, der auch am Vorabend bei der Gegendemonstration dabei gewesen war. Nach den Reden der Rechten habe er schon eine dunkle Vorahnung gehabt, dass so etwas passieren könne.

Arne Raue (parteilos) ist Bürgermeister in Jüterbog.

Quelle: Martina Burghardt

In einer SMS an die Märkische Allgemeine Zeitung gab Bürgermeister Arne Raue dann in Abwesenheit ein Statement ab. „Ich bin zutiefst erschüttert und hoffe, dass die Täter schnellstmöglich gefasst werden“, teilte er mit. Er hoffe, dass die Jüterboger nun noch näher zusammenrücken und bald Frieden in die soziale Gemeinschaft einkehrt. Auf MAZ-Anfrage, warum er bei der Andacht verhindert war, sagte er: "Weil ich bei einer Beisetzung war." In einer Pressemitteilung vom Sonntag bringt er außerdem seine Dankbarkeit zum Ausdruck. "Es hat mich sehr berührt und ich freue mich, dass so viele Jüterboger Anteil genommen und Zusammenhalt signalisiert haben- ein tolles Zeichen des Miteinanders." Der Bauhof der Stadt soll nun zur Seite stehen, wenn die Aufräum- und Reparaturarbeiten beginnen.

Landrätin: "Zumutung, diese Leute grölen zu sehen"

Teltow-Flämings Landrätin Kornelia Wehlan mag nicht an Zufall glauben, wenn derart viele Rechtsradikale in der Stadt unterwegs seien. Sie war selber am Freitagabend bei der Gegendemonstration zugegen, hatte gegen 21.15 Uhr Jüterbog verlassen in der zufriedenen Annahme, dass alles ruhig geblieben sei, „auch wenn es schon eine Zumutung war, diese Leute grölen zu sehen“. Umso bestürzter sei sie gewesen, „als ich dann nachts den MAZ-Ticker gelesen habe“, berichtete Wehlan am Samstag. Zumal der zerstörte Treffpunkt auch noch eine kirchliche Einrichtung ist, „in der Pfarrerin Falk und ihre Mitstreiter sich zivilgesellschaftlich so stark engagiert haben“, lobte die Landrätin. „Ohne deren Arbeit, wären wir nicht in der Lage, so viel für die Flüchtlinge zu leisten“, so Wehlan.

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Freitagabend in Jüterbog (Teltow-Fläming): Ein lauter Knall, dann splittern die Fenster, die Decke kommt herunter. In der „Turmstube“ einem Treff der Evangelischen Gemeinde hat es nach Asyl-Demonstrationen einen Anschlag gegeben. Es wurde Pyrotechnik gezündet. Vermutlich steckt hinter der Tat ein rechtsradikales Motiv. Der Staatsschutz ermittelt.

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Die Turmstube ist ein Treffpunkt der Jungen Gemeinde der Kirchengemeinde St. Nikolai. In den vergangenen Wochen haben dort wöchentlich Treffen für Flüchtlinge stattgefunden. Unter dem Stichwort „Weltkaffe“ gab es Freizeit- und Kontaktangebote. Pfarrerin Mechthild Falk betreut das Angebot der Evangelischen Gemeinde. Die Menschen aus den Flüchtlingsunterkünften hatte sie nach den Anschlägen auf Beirut und Paris befragt, wie sie darüber denken. Einige dieser Stimmen verlas sie am Freitagabend in der Nikolaikirche bei der Gegenveranstaltung zu dem von der NPD organisierten „Abendspaziergang“.

Pfarrerin Mechthild Falk mit dem Bild des Flüchtlingskindes Amira.

Quelle: Hartmut F. Reck

Ein 17-jähriges Mädchen, erklärte sie am Sonnabend bei der Andacht vor der zerstörten Turmstube, habe gleich ein Bild von sich gemalt. Sie heißt Amira. Die Zeichnung zeigt sie mit dem typischen Kopftuch und dicken Tränen unter den Augen. Dazu schrieb sie in englisch: „Ich liebe Deutschland, ich bin Muslimin, aber ich bin keine Terroristin. Ich will leben, ich will Frieden und an der Liebe zwischen deutschen Menschen und Flüchtlingen teilhaben. Ich liebe alle Menschen, ich bin kein Terrorist, bitte liebt mich doch. Betet, liebt, lebt das Leben, Respekt. Amira“.

Trümmerfeld nach Explosion

Der Gemeinschaftsraum der „Turmstube“ ist bei einer Explosion zerstört worden

Der Gemeinschaftsraum der „Turmstube“ ist bei einer Explosion zerstört worden.

Quelle: Julian Stähle

Die Explosion in der Turmstube gab es im sogenannten Gemeinschaftsraum. Die Druckwelle war dabei so groß, dass die Fensterscheiben und auch das Mobiliar beschädigt wurden, bestätigte die Polizei am Samstagmorgen. Die Splitter der Fenster lagen noch im Umkreis von zehn Metern. Auch Teile der Decke haben sich bei der Explosion gelöst. Schadensbilanz: Weit mehr als die von der Polizei genannten 2500 Euro.

Teile der Decke haben sich nach dem Anschlag gelöst

Teile der Decke haben sich nach dem Anschlag gelöst.

Quelle: Julian Stähle

Kein Unfall – Staatsschutz ermittelt

Anwohner hatten zunächst einen dumpfen Knall gehört und die Polizei informiert. Kurze Zeit später soll auch Rauch aufgestiegen sein. Noch in der Nacht rückten Spezialisten des Landeskriminalamtes und der Kriminalpolizei an. Sin sicherten erste Spuren und fotografierten den Tatort. Die Straßen wurden gesperrt.

Die Beamten der Polizei ermitteln gegenwärtig in alle Richtungen. Inzwischen wurde der Staatsschutz eingeschaltet, denn noch während der ersten Untersuchungen am Tatort erhärteten sich die Hinweise, dass die Explosion vorsätzlich durch den Einsatz von „pyrotechnischen Erzeugnissen“ verursacht worden ist, heißt es von der Polizei.

Rund um die Evangelische Einrichtung haben Spezialkräfte der Polizei Spuren gesichert

Rund um die Evangelische Einrichtung haben Spezialkräfte der Polizei Spuren gesichert.

Quelle: Julian Stähle

Unterdessen geht die Kirche klar von einer fremdenfeindlichen Aktion aus, die vor allem Flüchtlinge einschüchtern soll. Der SPD-Landtagsabgeordnete Erik Stohn spricht von einer „erschütternden“ Aktion. Auch er glaubt an einen möglichen rechtsradikalen Hintergrund.

Der SPD-Landtagsabgeordnete Erik Stohn ist „erschüttert“

Der SPD-Landtagsabgeordnete Erik Stohn ist „erschüttert“. Er glaubt an einen möglichen rechtsradikalen Hintergrund.

Quelle: julian stähle

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Im Vorfeld hatte es in Jüterbog zwei Asyl-Demonstrationen gegeben. Unter dem Motto „Nein zum Asylwahn, Ja zu Jüterbog“ waren knapp 200 Menschen vom Jüterboger Bahnhof zum Marktplatz gezogen. Sie zündeten Fackeln an und propagierten rechtsradikale Parolen. Man sprach auch davon, das „System stürzen“ zu wollen. Angemeldet hatte die Demo der 28-jährige Nauener NPD-Stadtverordnete Maik Schneider. 50 Menschen sollten ursprünglich daran teilnehmen. Im Stadtkern erwarteten sie rund 500 Menschen auf dem Marktplatz. Dort war die Gegendemonstration „Jüterbog – Wir lassen uns nicht ausspielen“ vom 31-jährigen Erik Stohn in Kooperation mit dem Verein Jute Bürger, der Flüchtlingshilfe Jüterbog und der Evangelischen Kirchengemeinde angemeldet.

Inzwischen hat ein Jüterboger Geschäftsmann bereits Räume zur Nutzung für die Evangelische Kirche angeboten.

Die Polizei sucht nun dringend nach Hinweisen zu möglichen Tätern. Hinweise nimmt die Polizeiinspektion Teltow-Fläming unter der Telefonnummer 03371-6000 entgegen.

Von MAZonline, Hartmut F. Reck und Victoria Barnack

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Im Flüchtlingsheim Große Straße.

Nach dem Anschlag auf die Turmstube der evangelischen Kirche in Jüterbog hat die Versicherung erklärt, den Bauschaden zu regulieren. Währenddessen lobt die Stadt eine Belohnung zur Ergreifung der Täter aus. Die Turmstube hatte seit mehr als einem Jahr als Begegnungsstätte für Flüchtlinge und Einheimische gedient.

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