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Stalker macht Mutter das Leben zur Hölle

Stalking Stalker macht Mutter das Leben zur Hölle

300 Anrufe am Tag und ausgeschlagene Zähne: Seit zehn Jahren wird Nadine Witte von einem Mann gestalkt. Auch ihre Kinder werden bedroht. Selbst ein Umzug von Berlin nach Teltow-Fläming und zig Anzeigen bei der Polizei bringen der Frau keine Ruhe. Dabei ist Stalking strafbar und kann mit Freiheitsentzug geahndet werden.

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„Der Irre“, wie Nadine Witte ihren Stalker nennt, stellt ihr persönlich nach, hat sie aber oft auch übers Telefon kontaktiert und bedroht.

Quelle: dpa

Dahmeland-Fläming. In Nadine Wittes Leben könnte eigentlich alles gut sein. Da gibt es ihren Mann und ihre vier Kinder, mit denen sie glücklich ist. Es gibt das schöne Haus im Landkreis Teltow-Fläming, in dem die Familie seit knapp fünf Jahren lebt und sich wohlfühlt. Es gibt den Job in der öffentlichen Verwaltung, der sie erfüllt. Doch es gibt eben auch diesen Mann – einen Mittvierziger, der vor zehn Jahren in Nadine Wittes Leben trat und bis heute nicht verschwunden ist. Er ist ein Stalker, sie nennt ihn nur „den Irren“.

Angst vor „dem Irren“

„Dieser Mann ist wie eine Warze am Fuß“, sagt Nadine Witte. „Die braucht kein Mensch, aber sie ist da und man wird sie einfach nicht wieder los.“ Die offene und lebenslustige Frau Anfang 40 heißt eigentlich anders. Aus Angst davor, dass „der Irre“ ihr oder ihrer Familie etwas antut, will sie unerkannt bleiben.

5 dicke Ordner mit Gerichtsdokumenten

Eigentlich möchte sie gar keinen Gedanken mehr an ihren Peiniger verschwenden. Fünf dicke Aktenordner mit Gerichtsdokumenten hat sie deshalb schon verbrannt. Aber Nadine Witte will anderen Opfern Mut machen, sich nicht zu verstecken und von einem Stalker einschränken zu lassen. Nur deshalb erzählt sie ihre Geschichte an diesem Abend in einem Café in der Region noch einmal von vorn.

Sogar Morddrohungen gegen die Chefin

Nadine Witte wurde zum Stalking-Opfer, als sie eine Ausbildung in einem Berliner Kosmetikstudio begann. „Der Irre“ ist der Exfreund ihrer Chefin. Als die Beziehung zerbrach, begann er, ihr permanent aufzulauern. Jeden Nachmittag stand er mit seinem Auto vor dem Studio, verfolgte sie auf dem Heimweg, schmiss nachts Eier an die Fensterscheiben. Er rief permanent an, an ganz schlimmen Tagen bis zu 300-mal, beleidigte die Chefin und drohte ihr mit Mord. Nadine Witte stand ihr bei, begleitete sie nach Hause, ging für sie ans Telefon. So wurde sie schnell selbst zur Zielscheibe.

Stalker belästigt auch die Kinder

„Am Anfang wollte er mich wahrscheinlich nur loswerden“, sagt sie. Doch so einfach ließ sie sich nicht abschütteln. „Ich konnte meine Chefin doch nicht mit dem alleinlassen.“ Außerdem habe sie sich nicht von einem Fremden diktieren lassen wollen, wie sie ihr Leben zu leben hat. Der Stalker lauerte nicht nur Nadine Witte auf, sondern fing auch noch an, ihre Kinder mit hineinzuziehen. „Immer wieder stand er vor der Schule, hat auf sie gewartet und sie fotografiert“, erzählt Nadine Witte. Abends war er wieder vor dem Studio in Berlin und beobachtete Nadine Witte und ihre Chefin.

Drohungen und Beleidigungen der schlimmsten Art

Nadine Witte war Dauergast bei der Polizei und verbrachte viel Zeit damit, eidesstattliche Erklärungen zu unterzeichnen. Dazu dokumentierten sie sämtliche Anrufe und Textnachrichten vom Stalker mit genauer Uhrzeit, die Liste ist ewig lang, sie beinhaltet Drohungen und Beleidigungen der schlimmsten Art. Darauf stehen Dinge wie: „Ich weiß wo du wohnst, du Schlampe. Du bist nicht sicher vor mir und deine Kinder auch nicht“, „Auch die Kripo wird dich nicht vor dem Tod bewahren. Wir kriegen dich!“, „Du fette Sau, wir sehen dich. Ich bring dich um!“

Hintergrund

Stalker sind Menschen , die andere Personen verfolgen, belästigen und terrorisieren.

Der Begriff stammt aus dem Englischen und wird wörtlich mit „heranpirschen“ übersetzt.

Wie ein Jäger sammelt ein Stalker Informationen über sein Opfer, um es stellen zu können.

Um als Stalkingopfer kategorisiert zu werden, müssen Betroffene mindestens über zwei verschiedene, die Privatsphäre verletzende Verhaltensweisen berichten, wobei diese durchgehend mindestens acht Wochen andauern und Angst auslösen müssen.

Die Täter handeln oft aus einer Wahnidee oder einer Zwangsvorstellung heraus. Sie versuchen, Macht und Kontrolle über ihr Opfer auszuüben, indem sie ihm auflauern, es verfolgen oder bedrohen.

Das Spektrum des Verhaltens kann in dramatischen Fällen über körperliche Gewalt bis zur Tötung reichen.

Angst um die Kinder

Irgendwann lagen Nadine Wittes Nerven so blank, dass sie bei jeder Nachricht dachte, es sei etwas Schlimmes passiert. Immer wenn eines ihrer Kinder ein paar Minuten später nach Hause kam, beschlich sie sofort das böse Gefühl. „Ich dachte immer, der Irre hat ihnen etwas angetan“, sagt Nadine Witte. „Aber er ist meinen Kindern gegenüber nie handgreiflich geworden“, versichert sie. Ihr selbst gegenüber allerdings schon – zweimal sogar. An einem Winterabend lauerte er Witte und ihrer Chefin auf dem Heimweg auf. Im Verlauf eines Handgemenges trat er ihr in den Bauch und schlug ihr zwei Zähne aus. Etwa ein Jahr später folgte er ihr auf dem Heimweg und entriss ihr ihre Tasche. Fast täglich fuhr er mit dem Auto vor ihrem Haus auf und ab, mitunter verklebte er das Türschloss und zerstörte die Klingel.

Chefin ist abgetaucht, Umzug nach Teltow-Fläming

Zwei Jahre ging das so, dann endete die Hochphase des Stalkings, die Chefin gab das Kosmetikstudio auf und tauchte unter. Nadine Witte suchte sich einen anderen Job, die ungebetenen Besuche wurden dadurch weniger – sie hörten aber nie ganz auf. Selbst als die Familie ein paar Jahre später von Berlin in den Landkreis Teltow-Fläming zog, fand der Stalker ihre neue Adresse sofort heraus. Auch der Schutzhund, den sie sich extra ausbilden ließ, schreckt ihn nur bedingt ab. Bis heute patrouilliert er in regelmäßigen Abständen in seinem Auto durch ihre Straße. „Das letzte Mal habe ich ihn vor etwa zwei Wochen gesehen“, erzählt Nadine Witte. „Er will mir zeigen, dass er immer noch da ist und mich im Blick hat.“

Hilfe vom Weißen Ring

Wie oft Nadine Witte ihren Verfolger angezeigt hat, kann sie selbst nicht mehr zählen. Hilfesuchend wandte sich sie sich einst an den Weißen Ring, der sie anwaltlich beriet. Wenn einem das Geld fehlt, übernimmt der Weiße Ring auch die Kosten dafür. Walter Meyer vom Weißen Ring in Teltow-Fläming sind Fälle wie der von Nadine Witte nicht neu. „Stalking gibt es häufig, doch nur wenige Delikte werden angezeigt“, sagt er. Viele Opfer trauen sich einfach nicht und wissen oft auch nicht, dass Stalking strafbar ist. Seit 2007 steht der Tatbestand „Nachstellung“ im Strafgesetzbuch, unter bestimmten Voraussetzungen und Gefährdungen des Opfers kann eine Haftstrafe verhängt werden.

Schuldnachweis schwierig

Dazu kommt es selten. Die Schwierigkeit bei dieser Art von Delikten bestehe darin, dem Täter seine Schuld nachzuweisen. „Anzeigen sind mit viel Arbeit, Lauferei und Unkosten verbunden“, sagt Walter Meyer. „Die Opfer brauchen Zeugen, die es selten gibt.“ Außerdem müssen Stalkingopfer vor Gericht nachweisen, dass die Tat ihre Lebensgestaltung erheblich beeinträchtigt.

Zwei Gerichtsurteile gegen den Stalker

In Nadine Wittes Fall gab es bislang zwei große Verhandlungen. Verurteilt wurde der Stalker neben Geldstrafen im Jahr 2007 zu neun Monaten Freiheitsstrafe. Die wurde nach einer Berufung zur Bewährung ausgesetzt. Im vergangenen Herbst wurde er dann zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt. Noch ist er auf freiem Fuß, gegen das Urteil hat er wieder Berufung eingelegt.

„Es ist wichtig, nicht alles mit sich machen zu lassen“

Für Nadine Witte ist das alles nicht zufriedenstellend, sie möchte ihren Peiniger schon seit langem hinter Gittern wissen. Trotzdem hat sie langsam genug von der ganzen Geschichte. Nach all der Rennerei glaubt sie nicht mehr daran, dass es für sie noch ein gerechtes Urteil geben wird. Dennoch. „Es ist wichtig, nicht alles mit sich machen zu lassen“, sagt sie. „Jedes Stalkingopfer sollte wissen, dass man so ein Delikt anzeigen kann.“

Von Sebastian Lange

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