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Straße in Berlin erinnert an Edith Kiss

Jüdische Bildhauerin war Zwangsarbeiterin im Flugmotorenwerk Genshagen Straße in Berlin erinnert an Edith Kiss

Am Donnerstag wird eine Straße in Berlin nach der jüdischen Bildhauerin Edith Kiss benannt. Sie war im Daimler-Benz-Werk in Genshagen Zwangsarbeiterin. Auch eine Austellung erinnert an die Künstlerin

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Wer dieses Bild aufnahm, ist unbekannt. Es zeigt die aus Budapest stammende jüdische Bildhauerin Edith Kiss bei der Arbeit.

Quelle: Archiv H. Bauer

Ludwigsfelde. Am Donnerstag wird in Berlin aus der vormaligen Planstraße D – einer Baustellenzufahrt zur neuen Vertriebszentrale von Mercedes-Benz am Ostbahnhof – ganz offiziell die Edith-Kiss-Straße. Die Bildhauerin und Malerin Edith Kiss ist eine der Zwangsarbeiterinnen, die im KZ Ravensbrück inhaftiert waren und die für den Daimler-Benz-Konzern arbeiten mussten, unter anderen im Ludwigsfelder Flugmotorenwerk in der Genshagener Heide.

Wenn ab 17 Uhr vor der neuen Mercedes-Benz-Vertriebszentrale an der Ecke Mühlenstraße/Edith-Kiss-Straße die Namensgebung feierlich begangen wird, dann sind auch Ludwigsfelder dabei. Zum Beispiel Vera Gärtner, die Vorsitzende des Geschichtsvereins der Stadt. Sie kennt Edith Kiss’ Freundin Ágnes Bartha und hält per Brief Kontakt mit ihr. Außerdem fährt Mercedes-Geschäftsführer und Werkleiter Michael Bauer zur Namensgebung. Er sagt: „Dieses Thema darf nicht ignoriert werden. Auch wenn es für manches zu spät ist – wir müssen uns dieser Verantwortung stellen.“

Edith-Kiss-Ausstellung

In der Mercedes-Benz-Vertriebszentrale am Berliner Ostbahnhof wird am Donnerstag die Ausstellung „Edith Kiss“mit 30 Gouachen aus ihrem Zyklus „Deportation“ eröffnet. Der Einlass zur Vernissage ist nur mit Einladungskarte möglich.
Zustandegekommen war die Ausstellung über die Kooperation zwischen der Mahn- und Gedenkstätte in Ravensbrück, dem Konzern Mercedes-Benz und dem Autor Helmuth Bauer.
Die Ausstellung kann vom 14. Februar bis 13. März jeweils werktags von 9 bis 17 Uhr besichtigt werden.
Kostenlose Gruppenführungen durch die Edith-Kiss-Ausstellung können ab sofort unter Tel. 030/50585233 oder -35 mit Christiana Hoppe vereinbart werden.
Verkehrsanbindung zur Ausstellung: S-Bahn-Linien S5, S7, S75 bis zur Station Ostbahnhof oder Station Warschauer Straße sowie U-Bahn-Linie U1 bis zu Station Warschauer Straße.

Der Vorschlag, die Straße nach der aus Budapest stammenden jüdischen Künstlerin Edith Kiss zu benennen, war von der Fraktion der Piraten im Stadtbezirksparlament Friedrichshain-Kreuzberg gekommen. Der Autokonzern selbst hatte zwei Wunschvorschläge für seine attraktive Firmenadresse. Die Straße an seiner 13-stöckigen Zentrale für den bundesweiten Vertrieb mit 1200 Mitarbeitern hatte Bertha Benz oder Mercédès Jellinek heißen sollen. Das hatte die Bezirksverordnetenversammlung jedoch abgelehnt, vor allem mit den Stimmen der Grünen, die dort auch den Bezirksbürgermeister stellen.

Jellineks Vater hatte im Jahr 1900 bei Daimler 36 Autos bestellt und sie nach seiner Tochter benannt. Daraus wurde später der geschützte Markenname Mercedes, den Daimler-Benz für seine Autoproduktion übernahm. Den Vorschlag, die Straße nach der Mercedes-Test- und Rennfahrerin Ernes Merck zu benennen, lehnte der Konzern mit dem Hinweis ab, der Name erschließe sich nur schwer.

Gegen die Edith-Kiss-Straße hatte der Konzern keine Einwände. Es sei wichtig und richtig, der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken, sagt ein Daimler-Sprecher. Deshalb unterstütze der Konzern die Entscheidung der Bezirksverordneten.

Am Potsdamer Platz in Berlin, den Daimler verlässt, hatte es der Konzern als Bauherr einfacher. Die meisten Straßen dort sind Privatstraßen, eigene Namenswünsche waren leicht durchzusetzen. Dass nun durchweg Frauen als Namensgeber für die neue Straße vorgeschlagen wurden, hat seinen Grund: Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg will Straßen so lange nur nach Frauen benennen, bis Parität zwischen „Frauen“- und „Männer“-Straßen herrscht.

Von den Bezirksverordnetenfraktionen stimmten neben Piraten und Grünen auch SPD und Linke für „Edith Kiss“, die CDU hatte dagegen votiert. Zur Entscheidung für Edith Kiss hatte Jessica Zinn von der Piratenfraktion gesagt: „Wir finden es gut, an die Geschichte der Zwangsarbeit zu erinnern und Daimler mit den dunklen Seiten seiner Geschichte zu konfrontieren.“ Bertha Benz sei schon deshalb nicht in Frage gekommen, weil die zunächst Anhängerin des Nationalsozialismus gewesen sei und persönlich mit Hitler korrespondiert habe. In der Piratenfraktion fand man es empörend, so Zinn, „dass Daimler überhaupt so einen Vorschlag gemacht hat“.

Edith Kiss war 39 Jahre alt, als sie 1944 von den Nazis wegen ihres jüdischen Glaubens ins Konzentrationslager nach Ravensbrück deportiert wurde. Im Daimler-Benz-Werk Genshagen musste sie ebenso wie mehr als 1000 weitere Zwangsarbeiterinnen unter unmenschlichen Bedingungen Motoren der Baureihe DB600 als Antrieb für Messerschmitt-Flugzeuge montieren. Die Künstlerin zeichnete auch während der Zwangsarbeit. Ende April 1945 konnten Edith Kiss und ihre schwerkranke Freundin und Leidensgefährtin Ágnes Bartha, die heute noch in Budapest lebt, bei Strasen an der Havel aus dem Todesmarsch von Ludwigsfelde nach Ravensbrück fliehen.

Anfang Juli 1945 kehrt Edith Kiss nach Budapest zurück. Schon im September gibt es in der ungarischen Hauptstadt eine erste Nachkriegsausstellung mit Werken von ihr. Später geht sie in den Westen, lebt und arbeitet in Marokko, Frankreich und England. Innerhalb weniger Wochen entstehen auch 30 Gouachen, in denen sie ihre Erlebnisse verarbeitet. Die Werke lassen sich jedoch kaum verkaufen. In einem Buch Helmuth Bauers heißt es: „Ihre Erfolglosigkeit als Künstlerin, der Tod ihres Mannes und die grausamen Erinnerungen an ihre Deportation waren Gründe dafür, dass Edith Kiss 1966 in Paris Selbstmord beging.“

Zwölf ihrer Bilder zum Lagerleben wurden in Genshagen „von einer SS-Aufseherin konfisziert und vermutlich vernichtet“, sagt Gisa Spieler, Geschäftsführerin der Dr.-Hildegard-Hansche-Stiftung. Die fördert Bildung und Forschung zur KZ-Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück und publiziert seit 1997 Mappen mit je acht Motiven in Postkartengröße. Begonnen wurde mit Fotografien der Gedenkstätten-Außenanlagen, es folgten Zeichnungen der ehemaligen Ravensbrückerinnen Aat Breur, Helen Ernst, Eliane Jeannin-Garreau und Edith Kiss. Die Arbeiten waren in Ravensbrück oder in Auseinandersetzung mit den schmerzhaften Erinnerungen an die KZ-Haft entstanden.

Von Jutta Abromeit

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Die jüdische Bildhauerin war 1944/45 Zwangsarbeiterin im Flugmotorenwerk Genshagen

In Berlin wird aus der bisherigen Planstraße D – einer Zufahrt zur künftigen Vertriebszentrale von Daimler am Ostbahnhof – die Edith-Kiss-Straße. Das berichten Berliner Zeitungen.

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