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Teltow-Fläming Tetzel lädt zur Stadtführung
Lokales Teltow-Fläming Tetzel lädt zur Stadtführung
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11:11 20.02.2017
Falk Kubitza schlüpft für Stadtführungen in die Rolle des Ablasspredigers, gibt einen vielseitigen Einblick in die Stadtgeschichte. Quelle: Angela Rändel
Jüterbog

Falk Kubitza ist ein Mensch, der für seine Stadt brennt. Und rennt. Bevor er am vergangenen Sonnabend zum nächsten Termin eilt, hat der Angestellte Bereitschaftsdienst und absolviert gleichzeitig den Probelauf für seine Tetzel-Stadtführungen.

Zu den Probanden gehört der evangelische Pfarrer und Brandenburgs ehemaliger Bildungsminister Steffen Reiche. Ganz unprätentiös sammelt der zunächst einmal den Müll von Jüterbogs Bordsteinen, um als „Stadtreiniger“ den Weg für den Stadtführer zu ebnen. Auf die Frage, ob er jetzt mehr Zeit hätte als früher, antwortet Reiche: „Ich bin froh, dass ich jetzt meine Zeit sinnvoller füllen kann.“ Zum Beispiel mit einer Stadtführung in Kubitzas flottem Tempo. Sie ist gefüllt mit prallem Detailwissen, plastischer Erzählweise und Lakonie: „In den 70 Meter hohen Türmen der Nikolaikirche wohnten einst die Turmwächter mit ihren Familien. Da kam es schon mal vor, dass das eine oder andere Kind runtergepurzelt ist.“

Die Teilnehmer der Führung lauschen den Ausführungen Falk Kubitzas. Quelle: Angela Rändel

Nach ihrem Besuch in Jüterbog werden Touristen in diesem Jahr wissen, warum die alten Fachwerkhäuser Schürzen, die imposanten Türme „Scheißnasen“ tragen und wie Planeberg, Rothes Meer und Pferdestraße zu ihren Namen kamen. Doch was werden sie über Tetzel, den „Bad Boy“ der Kirchengeschichte, erfahren?

In vielen Köpfen kursiert er noch immer als dreister Ablasskrämer, als finsterer Inquisitor, der durch Jüterbogs Gassen schleicht, einen Bauchladen mit Ablassbriefen vor den Wanst geschnallt, um den Menschen Hedgefonds für die Seele zu verkaufen. Indes Luther im jugendlichen Zorn seine 95 Thesen an Wittenbergs Kirchentür hämmert. Sowohl die Kirchentür als auch das Klinkenputzen Tetzels sind Staffage der Geschichtsschreibung. Auch war Tetzel weder Urheber des Ablasshandels noch des Spruchs „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.“ Und trotzdem: „Das war ‚ne Type, die mir zutiefst zuwider ist“, meint Steffen Reiche. „Er hat sein Geschäft auf der Grundlage von Angst gemacht, aber Gott ist nicht käuflich.“

Tetzel ist ihm zuwider: Steffen Reiche, evangelischer Pfarrer und ehemaliger Bildungsminister. Quelle: Angela Rändel

Völlig entspannt sieht das hingegen der Atheist Kubitza: „Für mich war Tetzel kein Bösewicht. Er hat nichts getan, was den üblichen Rahmen sprengte. Wenn man bedenkt, dass damals an jeder Straßenecke der Tod lauerte, dann waren die Leute doch froh, eine Versicherung fürs Jenseits zu haben.“ Mit dem Ablass ließ sich sogar die tote Verwandtschaft vom Grillrost der Hölle ziehen. Nichts fürchtete man mehr als das Fegefeuer.

Sollte Tetzel selbst wegen Ehebruchs und Spielsucht mit dem Tod durch Ertränken bestraft werden? War er ein cleverer Vertriebsmanager? Lässt sich die Schatztruhe in Jüterbog mit ihm verbinden und ging sein schlechtes Image auf das Konto von Intimfeind Luther? Diese und andere Rätsel löst Jüterbog in diesem Jahr in Ausstellungen, Vorträgen und speziellen Tetzel-Führungen. Mit der wiederbelebten und korrigierten Figur Tetzels bekommt die Geburt der Reformation endlich ein zweites Gesicht neben dem übermächtigen Luthers und ein differenzierteres Bild von dem, was vor 500 Jahren geschah.

Hintergrund

In Jüterbog können normale Stadtführungen, spezielle zur Reformation und besondere zu Tetzel gebucht werden.

Eine Führung findet statt, wenn sich mindestens fünf Interessenten angemeldet haben. Für das Erlebnis zahlt jeder Teilnehmer 7,50 Euro.

Buchungen sind möglich unter stadtinformation@jueterbog.de oder 0 33 72/46 31 13.

Weitblickend verwandelte sich Falk Kubitza schon vor zehn Jahren in den Ablassprediger, als Frank-Walter Steinmeier (SPD) das märkische Hinterland aufsuchte und auf vieles gefasst war, nur nicht auf die Begrüßung durch einen Mönch, der mit den Worten anhob: „Hallo Frank-Walter, ich kann dich von deinen Sünden befreien!“ Als dieser Mönch ihn später noch einlud, eine neue Bank einzuweihen, Steinmeier aber statt eines Kreditinstitutes die Gartenbank von Kubitza betrachten durfte, war es mit der Contenance fast vorbei. Für Kubitza eine Episode, die ihm Parteifreund Steinmeier längst verziehen hat.

Heute agiert Falk Kubitza nicht nur in der Rolle des Ablasspredigers Tetzel stadtführend. Der SPD-Politiker bekleidet darüber hinaus auch den Vorsitz der Jüterboger Stadtverordnetenversammlung und ist langjähriges Mitglied des hiesigen Heimatvereins.

In Jüterbog atmet jeder Meter 1000-jährige Geschichte. Der geschlossene mittelalterliche Stadtkern hat in seiner Harmonie Seltenheitswert und konnte manch einem Krieg und späterer Neubauwut trotzen. Hier kam vor 500 Jahren die Reformation ins Rollen. Jüterbog nennt sich in diesem Jahr „Stadt des Anstoßes“. Das Testspiel für Tetzel lief schon mal gut.

Von Angela Rändel

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