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„Tischler sehen mit den Händen“

MAZ-Fachgespräch „Tischler sehen mit den Händen“

Seit 50 Jahren verdient Burghard Thiem sein Geld mit dem Bau von Holzmöbeln. Im MAZ-Fachgespräch erzählt der Tischlermeister aus Nunsdorf vom seinem gespaltenen Verhältnis zu Bäumen, vom ungleichen Kampf seiner Branche gegen Möbelgiganten wie Roller und Ikea und davon, was Tischler früher konnten und heute nicht mehr können müssen.

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Burghard Thiem ist seit mehr als 50 Jahren Tischler. Seine Berufswahl hat er nie bereut.

Quelle: Oliver Fischer

Nunsdorf. Burghard Thiem (64) ist Tischler, und das schon seit Mitte der 60er Jahre. Seit 1990 betreibt er in Nunsdorf seine eigene Werkstatt. Er hat heute sechs Angestellte und stellt dort vor allem Möbel her. Zum MAZ-Fachgespräch empfängt er im Vorraum seines Büros – an einem Glastisch.


MAZ:
Herr Thiem, Sie arbeiten inzwischen seit 50 Jahren als Tischler, sie haben zahllose Bretter zersägt, Löcher gebohrt, Kanten geleimt. Können Sie Holz überhaupt noch sehen?

Burghard Thiem: Natürlich, in meinem Beruf hat man eine besondere Beziehung zu Holz. Da schwingt immer eine große Wertschätzung mit.

Wie nehmen Sie ein Stück Holz denn wahr?

Thiem: Ich sehe die Farbe, die Maserung, ich rieche es, ich fühle die Beschaffenheit. Ist es gerade oder krumm, ist es glatt oder porig? Man sagt, ein Tischler sieht mit den Händen. Das stimmt auch.

Können Sie es nachvollziehen, wenn Naturschützer energisch gegen die Fällung von Bäumen protestieren?

Thiem: Sicher, aber das Holz finanziert auch meinen Lebensunterhalt. Wenn ich eine 300 Jahre alte Eiche sehe, rechne ich mir schon gern die Raummeter aus, die der Baum hergeben würde. Es ist nun mal mein wichtigstes Arbeitsmittel. Trotzdem habe ich natürlich Ehrfurcht vor der Eiche angesichts der Zeit, die sie braucht, um ein solch stattlicher Baum zu werden.

Haben Sie ein Lieblingsholz?

Thiem: Nein, ich nutze alles gern. Wobei es schon große Unterschiede gibt. Kiefer, Eiche und Buche sind unsere häufigsten heimischen Hölzer, damit arbeiten wir in der Möbeltischlerei viel. Tropische Hölzer hat man dagegen eher selten. Sie sind schwieriger zu bearbeiten, sie sind härter und auch sehr teuer. Da muss man schon besonders vorsichtig sein. Wenn man einen Fehler macht und ein Brett mehr braucht, können gleich mal 300 Euro weg sein. Hinzu kommt der Raubbau an Tropenhölzern, den man auch immer im Kopf hat.

Das heißt, Sie werden nervös, wenn ein Kunde einen Teak-Tisch bestellt?

Thiem: Ganz so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Wer Möbel aus einem solchen Material bestellt, weiß auch, was das kostet. Da ist ein größerer finanzieller Spielraum dann schon eingeplant. Wir sind schließlich auch nicht mit einem Möbelhaus wie Roller oder Ikea zu vergleichen. Wir machen Handarbeit. Die hingegen verkaufen ihre fertigen Möbel zum Teil zu Preisen, dafür kann ich nicht einmal das Material einkaufen.

Besitzen Sie selbst Ikea-Möbel?

Thiem: Kann schon sein, dass wir irgendwo einen Stuhl haben. Meine Tochter mag die Möbel. Wir gehen da auch durchaus gerne hin. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist ja gut.

Oh. Gar keine flammende Rede gegen die industrielle Billig-Konkurrenz? Keine Klagen darüber, dass die Qualität des Handwerks von den Kunden nicht mehr wertgeschätzt wird?

Thiem: Nein. Diesen ungleichen Kampf führen wir nicht, den haben wir ohnehin längst verloren. Die Standardmöbel werden heute nun mal maschinell in großen Stückzahlen gefertigt. Und das ist auch okay. So lassen sich gute Möbel für wenig Geld anbieten. Wir können da nicht mithalten, aber diese Situation kennen wir schon lange. Wir mussten uns Nischen suchen, und davon gibt es so viele, dass wir mitunter kaum wissen, wie wir das alles überhaupt schaffen sollen.

Sie fertigen Einbaumöbel nach Maß.

Thiem: Genau. Passgenaue Schränke für Dachschrägen zum Beispiel, die man so in keinem Möbelmarkt findet. Oder spezielle Badmöbel. Kunden wollen Möbel nach ihren Vorstellungen angefertigt haben, das machen wir dann. Wir arbeiten auch häufig in Kirchen.

Wenn Sie Möbel bauen, müssen sie bestimmt hin und wieder auch Designvorschläge machen. Schlummert in Ihnen neben dem Handwerkertalent auch eine Künstlerseele?

Thiem: Das nun weniger. Sicherlich gestaltet man immer etwas. Man denkt vielleicht über die Breite der Schranktüren nach. Wie lang wird das ganze Teil? Wo kommt der Spiegel hin? Aber Künstler? Nein. Ich überlege nicht nachts, ob wir vielleicht irgendwo auch schräge Türen einbauen könnten. Wir sind froh, wenn wir sie gerade hinbekommen.

Wie viel Geld würden Sie für ein gutes Möbelstück ausgeben, sagen wir einen Stuhl?

Thiem: Gute Frage. Ein Stuhl ist besonders schwierig zu machen. Wenn wir selbst ein Einzelstück herstellen würden, müsste der Kunde locker mit 500 Euro rechnen. So viel bezahlt aber niemand. Für manche Kunden lohnt es sich, wenn wir die ganze Küche anfertigen, den Tisch, eine Bank und sechs Stühle dazu, dann wird es günstiger. Für mich selbst würde es aber auch ein Industriestuhl tun.

Wie muss man sich das Werkzeug eines Profi-Tischlers vorstellen. Arbeiten Sie noch mit Hammer, Säge und Hobel?

Thiem: Im Grunde ja, nur dass es dafür inzwischen Maschinen gibt. Hobel, Handsäge, Stemmeisen, so etwas benutzt heute nur noch der Lehrling, damit er lernt, wie es geht. Aber wenn er mit der Lehre fertig ist, legt er das alles ganz schnell beiseite. Mit Elektrohobel oder Schwingschleifer lässt sich viel einfacher und teilweise auch genauer arbeiten. Wenn ein Montagetischler heute nicht seine Makita dabei hat (Hersteller für elektrische Multifunktionswerkzeuge, d. Red.), dann geht der gar nicht erst raus. Mit der Hand kriegt der keine Schraube mehr reingedreht (lacht).

Das klingt, als ginge mit den Maschinen viel von der alten Handwerkskunst verloren.

Thiem: Die Arbeit früher und heute kann man einfach nicht mehr miteinander vergleichen. Vor hundert Jahren hatte ein Tischler sein ganzes Arbeitszeug in einem Rucksack. Damit ist er in den Wald gegangen, hat einen Baum gefällt und daraus einen Tisch gebaut. Ich glaube nicht, dass das heute ein junger Tischler noch hinbekommt.

Könnten Sie das denn?

Thiem: (lacht) Ich würde es lieber nicht probieren wollen.

Woran hapert es? Sie müssten doch wissen, wie es geht.

Thiem: Das ist alles eine Frage der Übung. Ein Beispiel. Als ich jung war, haben wir viele Türen gebaut. Dabei haben wir immer wieder eine bestimmte Art der Holzverbindung benutzt, die Schwalbenschwanzzinkung. Ich konnte das im Schlaf. Heute ist das technisch so einfach zu lösen, dass das niemand mehr mit der Hand macht. Warum auch? Es würde wirtschaftlich keinen Sinn machen, niemand könnte das bezahlen. Und: Den Unterschied sieht man dem Stück nicht an.

Sie trauern der guten alten Handarbeit also nicht nach?

Thiem: Ach was. Alles hat seine Zeit, das steht schon in der Bibel. Und schauen sie sich nur mal die maschinell lackierten Oberflächen an. Das bekommt man mit der Hand so nicht hin.

Wie sind Sie überhaupt Tischler geworden?

Thiem: Mein Opa war Stellmacher und hatte seine eigene Werkstatt. Als ich mit 15 von der Schule gegangen bin, musste ich irgendetwas lernen. Da bin ich in Opas Fußstapfen getreten. Stellmacher, Tischler, das lag dicht beieinander. Und ich habe es nie bereut.

Müssen Tischler eine besondere Vorliebe für Holz haben?

Thiem: Ich glaube, wer handwerkliches Geschick in die Wiege gelegt bekommen hat, der kann mit allem umgehen. Ich könnte mir auch gut vorstellen, mit Stein oder Metall zu arbeiten. Das hätte mir keine großen Probleme bereitet. Das Handwerkliche hat man, oder man hat es nicht.

Können Sie eigentlich über den alten Witz mit den fünf Bieren für die Männer vom Sägewerk lachen?

Thiem: (winkt ab) Jaja, das kennen wir. Wir hatten zum Glück in 26 Jahren noch keine abgesägten Finger bei uns. Der Beruf hat definitiv seine Risiken, aber wenn man sich an die Sicherheitsvorschriften hält, passiert eigentlich auch nichts. Wer fasst schon mit der Hand in eine Säge? Man haut sich höchstens mit dem Hammer auf den Daumen. Das kommt allerdings ziemlich oft vor, selbst der größte Fachmann ist davor nicht gefeit.

Und wie sieht es mit Splittern in den Fingern aus?

Thiem: Die reißt man sich ständig und überall ein. Aber damit muss man leben. Ist auch nicht so schlimm. Was sich nicht ziehen lässt, eitert irgendwann raus.


Von Oliver Fischer

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