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Übermaltes Hitler-Porträt

Kunstwerk von Erwin Hahs Übermaltes Hitler-Porträt

Erwin Hahs, war ein Maler, dessen Kunst zu NS-Zeiten als „entartet“ galt und in der DDR unter Zensur litt. Nun wird mit „Großes Requiem“ eines der Bilder des zuletzt in Zernsdorf lebenden Malers in Berlin gezeigt. Es gilt als wichtige Arbeit der Nachkriegszeit. Mit einer Röntgenaufnahme wird auf der Schau gezeigt: Unter dem Werk befindet sich ein Hitler-Porträt, das Hahs übermalte.

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Erwin Hahs malte „Großes Requiem“ 1944/45.

Quelle: Jörg P. Anders/SMB/bpk

Zernsdorf. Das Gemälde „Großes Requiem“ von Erwin Hahs, der ab 1956 und bis zu seinem Tod 1970 in Zernsdorf lebte, ist derzeit in der Ausstellung „Die schwarzen Jahre. Geschichten einer Sammlung. 1933-1945“ im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen. Das allein wäre schon eine Nachricht, denn dort wird der selbst in seiner späten Heimat noch immer kaum bekannte, gleichwohl herausragende Künstler verdient in einer Reihe mit berühmten Zeitgenossen präsentiert. Nun wurde das Bild aber außerdem noch geröntgt. Und eine alte Vermutung bestätigte sich: Unter Erwin Hahs’ „Großes Requiem“ befindet sich ein Porträt von Adolf Hitler.

Iris Hahs-Hofstetter, die Ehefrau des Künstlers, hatte sich später daran erinnert, dass ihr Mann, der zu jener Zeit, 1944, Kunsterzieher am Winckelmann-Gymnasium in Stendal war, für die Schule ein solches Hitler-Bild anfertigen sollte. „Ein gespenstisches Bild“, sagte sie, „im Hintergrund in roten Flammen stehende Häuser.“ Schnell wurde es entfernt, und Hahs erhielt die Leinwand zurück.

Dieter Scholz, der Kurator der Ausstellung, vermutet im Katalog zur Schau, dass jenes auf dem Röntgenbild phänomenal deutlich erkennbare Hitler-Porträt wohl ein nach einer Fotografie entstandenes Bild sein könnte. Hitlers Mantel ist auf die Schultern gelegt, der Kragen steht hoch, es sieht aus, als ob er Hut und Handschuhe in den Händen hält. Knöpfe, Gürtel, Eisernes Kreuz – alles ist sichtbar durch die Röntgenstrahlen. Diffus bleibt allerdings, ob sich die in jener Erinnerung benannten brennenden Häuser wirklich auf dem Bild befunden haben mögen. Der hallesche Künstler Sven Großkreutz, der kürzlich in Halle und Königs Wusterhausen Ausstellungen zu Hahs mitkuratierte, hatte noch Zeitzeugen dazu befragt, einen ehemaligen Schüler etwa, doch sämtliche Erinnerungen blieben ungenau, erzählt er.

Für ihn ist das wenig später über das Hitler-Porträt gemalte „Große Requiem“ ein Schlüsselwerk jener Zeit: „Ein wichtiger Beitrag für die deutsche Kunst zwischen Agonie und Stunde Null“, sagt er. Hahs selbst stellte sich das Bild zunächst so vor: „Ein Jüngling steht groß im Bilde, er beherrscht den Vordergrund. Er löscht eine Fackel auf einem Opferstein. Ihn umgibt ein domartiger Raum mit zerstörten Wänden.“ Vorbild für den jungen Mann war die antike römische, nun im Madrider Prado aufbewahrte Ildefonso-Gruppe. Wie aus Hahs’ Tagebuch hervorgeht, beschäftigte er sich just damals intensiv mit einer von Nicolas Poussin angefertigten Zeichnung jener zwei Männer, mit starken, atmosphärischen Schattierungen, wie eben auch Hahs das effektvoll inszeniert hat. Die beiden Frauen im Hintergrund muten an wie bei einer mittelalterlichen Klageszene. Modell für den Mann stand ihm der befreundete Arzt Otto Schmidt, der während der Arbeit am Bild starb. Die nackte, verzweifelte Frau wurde dargestellt von dessen Gattin, der Schauspielerin Lotte Schmidt, und erweckt ebenfalls Assoziationen zu antiken Skulpturen. Sven Großkreutz assoziiert den Fackel löschenden Mann gar als Totengott Thanatos und verweist dabei auch auf die Ruhe der Konzentration, die diese Figur auf Hahs’ gemalter Totenmesse ausstrahlt. Er erkennt Hahs’ tiefe Auseinandersetzung mit den Werken Hans von Marées, aber auch der Antikenrezeption Johann Joachim Winckelmanns.

„Die Alliierten haben die deutsche Grenze überschritten – ich habe ein großes Bild angefangen – Requiem 1944“, notierte Erwin Hahs am 21. September 1944 in seinem Tagebuch. Immer wieder, berichtet Großkreutz, habe Hahs an dem Bild gearbeitet, bis in die 1960er-Jahre hinein. Auf Ausstellungen gezeigt wurde es dennoch bereits ab 1946. Der Sohn der beiden Modelle, Thomas Schmidt, der nach 1953 als „Der kleine Muck“ durch Wolfgang Staudtes Defa-Verfilmung des Hauff-Märchens berühmt werden sollte, hatte später eigene Erinnerungen und die von Hahs’ Frau an das ursprünglich auf der Leinwand befindliche Bild notiert. Er hatte ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu dem alten Künstler und seiner Familie. Die lebt nach wie vor zum Teil in Zernsdorf. Hahs’ jüngere Tochter Gabriele Winter und ihr Mann Jürgen Winter bemühen sich darum, die Erinnerung an den Künstler und seine Frau, die ebenfalls Malerin und Grafikerin war, lebendig zu halten.

In der Berliner Ausstellung nun scheint das „Große Requiem“ mit den neuesten Erkenntnissen durch das Röntgenbild geradezu zu einer visuellen Zusammenfassung der Sammlungsgeschichte der Nationalgalerie zur NS-Zeit geworden zu sein. Ausgewählt wurden für die Schau Werke, die ab 1933 entstanden sind oder erworben beziehungsweise beschlagnahmt wurden.

Ausgerechnet die Zuordnung innerhalb der Ausstellung irritiert jedoch; denn Hahs’ Requiem wird präsentiert im Kapitel „Kunst im Dienst des Nationalsozialismus“. Hier wird das verschwundene, nur durch die Röntgenaufnahme kenntliche Hitler-Porträt in den Vordergrund gerückt. Hahs’ sicherliche Abscheu, jenes Bild malen zu müssen, seine überdeutliche Reaktion mit dem Requiem darauf prädestinierten ihn eigentlich für den Künstlerreigen auf der anderen Seite des Ausstellungsraumes, dem der Opposition, denn er gehörte nicht zu jenen, die willentlich willfährig wurden. Dass der Druck der Röntgenaufnahme der Originalgröße des verdeckten Bildes entspricht, erhöht diese Diskrepanz – einerseits. Aber natürlich ist es ungemein faszinierend, so direkt vergleichen zu können, im heutigen Gemälde nach Spuren des darunterliegenden Bildes zu suchen, den markanten Bart im Schattengewölk am Oberarm des jungen Mannes zu entdecken beispielsweise. Und es führt zu bestechenden Wahrnehmungen aufgrund der Ausstellungskonzeption, denn durch Skulpturen von Arno Breker oder Georg Kolbe ergeben sich immer wieder faszinierende Perspektiven auf den Hahs und die vordringliche Körperlichkeit seiner Figuren.

Info: Die Ausstellung „Die schwarzen Jahre. Geschichten einer Sammlung. 1933-1945“ ist bis zum 31. Juli im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin-Tiergarten zu sehen. Weitere Infos unter www.smb.museum

Von Karen Grunow

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