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„Unscharf oder eingeschränkt“

Interview zum Tag der Sehbehinderten „Unscharf oder eingeschränkt“

Am 6. Juni wird jährlich der Tag der Sehbehinderten begangen. Im MAZ-Interview spricht die Rehabilitationslehrerin Yvonne Müller von der Schule für Blinde und Sehbehinderte in Königs Wusterhausen über die in der Öffentlichkeit wenig wahrgenommene Behinderung.

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Yvonne Müller kann verschiedene Formen von Sehbehinderungen mit Brillen simulieren.

Quelle: Anja Meyer

Königs Wusterhausen. Yvonne Müller (45) ist Rehabilitationslehrerin an der Schule für Sehbehinderte und Blinde in Königs Wusterhausen. Im Einzelunterricht vermittelt sie Schülern lebenspraktische Fertigkeiten wie Kochen und schult sie darin, sich selbstständig in der Stadt zu orientieren.

Frau Müller, Sie unterrichten Blinde und Sehbehinderte gleichermaßen. Inwieweit unterscheidet sich der Unterricht?

Yvonne
Müller : Man kann das überhaupt nicht miteinander vergleichen. Sehbehinderte haben ja ganz andere Ausgangsbedingungen, um sich zurechtzufinden. Sie können sich visuell orientieren, aber eben nicht alles sehen. Sie sind quasi die Könige unter den Blinden. Jeder Sehbehinderte würde sich vehement dagegen wehren, als blind bezeichnet zu werden. Ich gehe aber immer ganz individuell auf jeden Schüler ein, weil sich jede Behinderung anders bemerkbar macht. Deswegen ist es auch so gut und wichtig, dass ich die Schüler einzeln unterrichten kann.

Wie oder was sehen Sehbehinderte genau?

Müller: Das kann man so gar nicht sagen. Manche sehen wie durch eine Milchglasscheibe, andere können in der Mitte des Blickfelds noch scharf sehen, aber am Rand nur noch verschwommen. Wieder andere nehmen permanent einen dunklen Fleck vor ihren Augen wahr. Die allgemeine Definition einer Sehbehinderung besagt, dass Betroffene unscharf oder eingeschränkt sehen.

Tag der Sehbehinderten

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es in Deutschland mehr als eine Million sehbehinderte Menschen.

Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) hat im Jahr 1998 einen Gedenktag eingeführt, um auf die speziellen Bedürfnisse von sehbehinderten Menschen aufmerksam zu machen.

Der Gedenktag findet jährlich am 6. Juni zu einem bestimmten Thema statt – in diesem Jahr zum Thema „Kontraste“.

Damit will der Verband darauf aufmerksam machen, dass die kontrastreiche Gestaltung öffentlicher Räume – wie etwa über schwarz-weiße Schilder – ein wichtiger Beitrag zum Abbau von Barrieren für sehbehinderte Menschen ist.

Was sind die Ursachen von Sehbehinderung?

Müller: Das kann entweder ein Problem der Augen oder aber auch ein neurologisches Problem sein. Um die Ursachen kümmere ich mich aber weniger, ich arbeite praktisch mit den Schülern. Dabei versuche mir vorzustellen, was sie noch sehen, und ich lasse die Kinder auch selbst erklären, wie sie ihre Umwelt wahrnehmen. Es ist hilfreich, wenn sie das können, denn andere Menschen bekommen so eine Vorstellung und dadurch auch ein besseres Verständnis. Wie eingeschränkt Blinde sind, können sich Menschen wahrscheinlich besser vorstellen, die sehen halt gar nichts mehr.

Wie wird das Sehvermögen Sehbehinderter erfasst?

Müller: Sie werden regelmäßig von unserer Orthoptistin untersucht, die den Visus berechnet, also die Sehschärfe. Anhand der Ergebnisse rechne ich mir dann um, ob die Schüler beispielsweise ein Auto aus einer Entfernung von 100 Metern erkennen können oder erst ab 20 Metern. Dann weiß ich, inwieweit ich ihr Gehör und Hilfsmittel wie den Stock in den Unterricht einbinden muss, damit sie sich irgendwann selbst zurechtfinden können.

Sehbehinderte können sich aber einfacher orientieren als Blinde, oder?

Müller: Nein, das kann man so nicht sagen. Es kommt immer auf die Schüler selbst an – vor allem auf ihr Selbstbewusstsein und ihre Angst. Ein ängstlicher Sehbehinderter wird deutlich mehr Schwierigkeiten im Alltag haben als ein mutiger Blinder. Menschen, die sich trotz ihrer Behinderung etwas trauen, nehmen ihre Behinderung weniger als Einschränkung wahr. Dasselbe gilt für die Außenwirkung: Wer sich nicht outen will, keine Hilfsmittel benutzt und sich nicht kennzeichnet, ist viel unselbstständiger.

Können sich Blinde und Sehbehinderte aussuchen, ob sie eine Armbinde tragen?

Müller: Eine Kennzeichnung ist laut Straßenverkehrsordnung vorgeschrieben. Die Leute auf der Straße wissen ja nicht, wie gut jemand sehen kann. Missverständnisse können zu sehr unangenehmen Momenten führen.

Zum Beispiel?

Müller: Sehbehinderte sind oft auf Hilfe angewiesen. Zum Mobilitätstraining gehört es auch, dass sie Menschen auf der Straße ansprechen. Sie müssen fragen, wann der Bus kommt oder ob sie in die richtige Linie gestiegen sind. Wenn ein Schüler sich nicht mit der Armbinde oder dem Anstecker als sehbehindert kennzeichnet, kann es passieren, dass er von einer Berliner Schnauze angeraunzt wird. ’Kannste nicht kieken oder was?’ Das ist für manche so unangenehm, dass sie sich anschließend gar nicht mehr zu fragen wagen. Andererseits muss man auch bedenken, dass wir es mit Schülern zu tun haben. Vielen ist es in der Pubertät unangenehm, sich zu kennzeichnen – später tun sie es dann doch.

Finden Sie einen ,Tag der Sehbehinderten’ überhaupt notwendig?

Müller: Auf jeden Fall! Eben weil Sehbehinderte auf die Unterstützung ihrer Umwelt angewiesen sind und es noch mehr Bewusstsein für ihre Bedürfnisse braucht, ist es gut, ihre Belange einmal im Jahr extra zu thematisieren. Es gibt so viel Unwissen, das merke ich auch beim Tag der offenen Tür an unserer Schule. Da sind die Besucher immer total erstaunt, wozu Sehbehinderte noch in der Lage sind. Mit einfachen Mitteln könnten sie sich im öffentlichen Raum sogar noch viel besser zurechtfinden.

Was würde Sehbehinderten am meisten helfen?

Müller: Kontraste. Egal ob es darum geht, etwas zu lesen oder den Lichtschalter im Treppenhaus zu finden – alles, was gute Kontraste aufweist, ist für Sehbehinderte leichter zu erkennen. Vor allem wäre ihnen geholfen, wenn öffentliche Gebäude mit kontrastreichen Schildern in Augenhöhe gekennzeichnet wären. Das wäre ein wichtiges Stück Barrierefreiheit für sie.


Von Anja Meyer

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