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Teltow-Fläming Folge 54: Verloren in Deutschland
Lokales Teltow-Fläming Folge 54: Verloren in Deutschland
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17:55 30.10.2018
Die Yassins: Mohammed, Meis, Hala, Rabiee und Mutter Rabiaa (v.l.). Quelle: Anja Meyer
Ludwigsfelde

Das Flüchtlingsheim im Birkengrund, Quergebäude, erster Aufgang, zweite Etage rechts. Dort leben die Yassins. Es ist Abend. Rabiha steht am Herd, Mohammed ist gerade von seinem Kurs gekommen. Die Kinder spielen mit Handys, ein Freund der Familie sagt etwas auf Arabisch. In der Luft hängt Zigarettenrauch, auf dem Tisch steht Reis, Rabiha rührt im Salat, im Ofen zieht die Pizza. Das ist Alltag bei den Yassins – und inzwischen auch Alltag für mich. Ich erlebe es so oder ähnlich alle zwei Wochen.

Seit Februar 2016 leben die Yassins in dieser Heim-Wohnung, von Beginn an haben wir ihre Geschichten Woche für Woche in der MAZ erzählt: kleine Begebenheiten, große Einschnitte, was auch immer geschah. Nun ist ein Jahr um, es ist Zeit für eine Bilanz. Ich habe mir deshalb ein paar Fragen zurechtgelegt, die man in solchen Fällen stellt. Ich beginne mit der nach den schönsten Erinnerungen aus dem vorigen Jahr und schaue Rabiha an.

Zwei gute Momente

Natürlich könnte jeder aus der Familie antworten, aber das passiert so gut wie nie. Die großen Kinder Rabi und Hala sind mit sich selbst beschäftigt. Die kleine Meis kann noch nicht reden, und ihr Vater Mohammed ist ein introvertierter Schweiger. Bei den Yassins redet Mutter Rabiha, und die überlegt jetzt lange. Dann sagt sie, dass sie sich nur an zwei gute Momente erinnern kann: Die Erleichterung darüber, dass Rabi seinen Verkehrsunfall glimpflich überstanden hat und die Mitteilung, dass die Familie nicht abgeschoben wird. „Der Rest war eine Katastrophe, du weißt das“, sagt Rabiha.

Ich nicke. Wir haben diese Gespräche so oft geführt, sie hat immer wieder von ihrer Müdigkeit gesprochen, den Ängsten und Enttäuschungen. Anfangs war ich nur als Reporterin dort, die Fragen stellt nach den Umständen des alten und des neuen Lebens. Längst aber bin ich mehr als das. Ich bin eine Freundin, der Rabiha das Innerste anvertraut. „Like family“, wie sie oft sagt.

Es ist schwer, Vertrauen zu Fremden aufzubauen

Dass es soweit kommen würde, konnten wir uns im Dezember 2015 nicht vorstellen. Die Redaktion hatte damals die Idee zur Serie entwickelt. Es sollte um Flüchtlinge gehen, möglichst um eine Familie. Es war der Höhepunkt der Flüchtlingsbewegung. Wir hatten das Thema beleuchtet aus Sicht der Verwaltungen, der Ehrenamtler, der Sozialarbeiter, der Deutschlehrer, der Sicherheitsdienste – aber nie aus Sicht der Flüchtlinge. Weil es schwer ist, Vertrauen aufzubauen zu Menschen, deren Sprache und Kultur einem fremd sind. Aber das Problem hatten ja nicht nur wir, das hatte jeder.

Deshalb wollten wir einer Familie näherkommen und der Öffentlichkeit erzählen, was die Familienmitglieder wollen, was sie fühlen, wie sie über Deutschland und die Deutschen denken. Auf der Suche nach geeigneten Protagonisten stießen wir bald auf die Yassins.

Ich kann mich noch gut an das erste Treffen erinnern. Es fand in einem 15 Quadratmeter großen Zimmer statt, in das die Familie wenige Tage zuvor einquartiert worden war. Wir erwarteten, dass der Mann mit uns sprechen würde, aber es redete nur Rabiha. Es war die erste Lektion von vielen, die wir über die Syrer lernten: Rabiha mag ein Kopftuch tragen, aber sie ist kein Heimchen, sie ist die Chefin. Sie managt das Leben der Familie, sie ist diejenige, die mit den Wichtigen spricht, am liebsten direkt.

Nach zwei Stunden waren wir so schlau wie vorher

Als sie uns am ersten Abend von ihrer Überfahrt im Schlauchboot erzählte, hätte sie auf Arabisch reden können, wir hatten Übersetzer dabei, aber sie sprach zu uns in englischem Kauderwelsch, von dem wir wenig verstanden. Nach zwei Stunden waren wir kaum schlauer als vorher. Weshalb waren sie geflohen? Als was hatten sie gearbeitet? Wie kamen sie nach Ludwigsfelde? Wir begriffen nur, dass es eine Mammutaufgabe werden würde.

Im Wechsel mit meinem Kollegen Oliver Fischer besuchte ich fortan die Familie, ließ mir immer wieder Details erklären, aber die Geschichten blieben lange schwammig. Mohammeds Weigerung, sich einer Regionalmiliz anzuschließen, seine Verhaftung, Rabihas politische Arbeit, die Jahre in dem türkischen Exil, der Besuch in Belgien, der der Familie ein Dublin-Verfahren einbrachte. Das alles schienen Geschichten aus einer Parallelwelt zu sein, sie entwirrten sich erst nach und nach.

So kam es auch zu Missverständnissen. Nach Monaten registrierten wir, dass die Schreibweisen ihrer Namen, die sie uns gegeben hatten, nicht mit den amtlichen übereinstimmten. Rabiha wird Rabiaa geschrieben, ihr Sohn Rabi heißt Rabiee. Für sie machte das keinen Unterschied, wir wollen aber von jetzt ab bei diesen Schreibweisen bleiben.

Von Rabiha zu Rabiaa

Irgendwann eröffnete uns Rabiaa auch, dass ihr Nachname gar nicht Yassin ist, sondern Ghomeira. In Syrien habe jede Familie eine Nummer, erzählte Rabiaa. Wenn eine Frau heiratet, werde ihr die Familiennummer des Mannes zugeordnet, ihren Namen aber behält sie. Ich schaute überrascht, Rabiaa lachte. „It’s different in Syria“, sagte sie. In Syrien machen wir das anders.

Das gilt auch für unzählige andere Dinge. Einmal erzählte sie, dass es in Syrien keine Postboten gibt. Man werde angerufen, wenn ein Brief bei der Post liegt. Ein anderes Mal bat sie mich, Löschkalk mitzubringen für Kürbismarmelade, so als wäre es das Normalste der Welt. Sie staunte darüber, dass die Deutschen so wenig Kinder haben und so spät heiraten, dass sie wenig rauchen und dass sie Fahrrad fahren, obwohl sie Autos besitzen.

In fast jedem Gespräch entdecken wir Seltsamkeiten aneinander. Abseits davon aber erlebe ich die Yassins als Familie, die liebt, lebt und lacht wie wir. Die aus einem hoch entwickelten Land kommt, wo sie ein Leben im Wohlstand führte, und die jetzt, da alles verloren ist, eine Zukunft sucht, von der niemand weiß, wie sie aussieht.

Aufenthaltstitel, Wohnung, Arbeit

Ich weiß noch, dass ich Rabiaa bei unserem ersten Treffen fragte, was sie in einem Jahr erreicht haben will. Damals dachte sie nicht lange nach, sie zählte schnell auf: Aufenthaltstitel, Wohnung, Arbeit. „Und ich werde Deutsch sprechen“, sagte sie und strahlte.

Nichts davon ist eingetroffen. Die Familie hat ein Dublin-Verfahren hinter sich, sie lebt immer noch im Heim, statt Deutschkursen und Arbeitsangeboten gab es lange Zeit Absagen und Warteschleifen. Es sei ein verlorenes Jahr gewesen, sagt Rabiaa heute. Sie spricht noch immer ihr krudes Englisch, in das sie jetzt aber viele deutsche Wörter einbaut. Ich verstehe sie, und ich finde, dass schon deshalb von einem verlorenen Jahr keine Rede sein kann.

Und auch wenn das Jahr jetzt vorbei ist, werden wir sie weiter besuchen, weiter über sie berichten. Nicht mehr jede Woche, aber oft genug, um zu sehen, was das Leben mit ihnen vorhat.

Von Anja Meyer

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