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Vertrieben aus der Heimat

Trebbin Vertrieben aus der Heimat

Ihre Kindheit verbrachte Käte Schmidt in Schlesien. Zweimal wurde sie aus ihrer Heimat vertrieben. Es verschlug sie nach Trebbin. Heute erzählt sie Schülern von ihrem Leben.

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Käte Schmidt mit ihrer Ziehharmonika.

Quelle: Margrit Hahn

Trebbin. Wenn Käte Schmidt über ihr Leben erzählt, hören sogar die zu, die sich sonst nicht für Geschichte interessieren. Die Trebbinerin wird öfter als Zeitzeugin in die Heimatstube eingeladen, vor allem jetzt zur Ausstellung „Trebbin vor 70 Jahren“.

Sie kam als zehntes Kind von Gertrud und August Mikosch in Süßwinkel in Schlesien auf die Welt und gehörte zu denen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Letztlich verschlug es sie nach Trebbin. „Ich weiß nicht, wie wir das damals geschafft haben“, sagt sie. Ihre ersten Jahre in Schlesien waren schöne Jahre. Der Vater sorgte gut für die Familie. „Ein Schwein und Gänse waren immer im Stall“, berichtet Käte Schmidt. Von den Gänsefedern bekamen alle ein schönes Federbett. Die Nachbarn halfen beim Federnreißen. In der Waschküche wurde aus Zuckerrüben Sirup gekocht, gleich mehrere Eimer. Zuckerrüben gab es reichlich in der Gegend. Die Familie hatte eine kleine Wohnung im Gutshaus, zu der ein kleiner Garten gehörte. „Zum Plumpsklo mussten wir über den Hof, trauten uns aber oft nicht raus, wegen der Gänse und Ganter“, erinnert sich Käte Schmidt.

Als der Krieg begann, war Käte Schmidt noch ein Kind. Sie und ihre Geschwister bekamen anfangs nicht so viel mit. In der Großstadt wurden die Lebensmittel knapper. Lebensmittelkarten wurden eingeführt. Wer schlachtete, bekam weniger Fleischmarken und es wurde angeordnet, dass im Garten Obst und Gemüse angebaut werden.

Der Vater arbeitete in der Schnapsbrennerei als Vorarbeiter. „Wir Kinderreiche durften jedes Wochenende in der Brennerei duschen“, sagt sie. Mitten auf dem Dorfplatz stand ein Backofen, dort wurden Brote und Kuchen gebacken. Abwechselnd hatte eine Frau aus dem Dorf Backofendienst. Wenn Kätes Mutter an der Reihe war, spielten die Kinder solange auf dem Dorfplatz. „Manchmal nahm mich der Vater mit dem Fahrrad mit nach Breslau, dort bekam ich eine Tüte Eis“, erinnert sie sich.

Am 1. August 1943 wurde Käte eingeschult und bekam eine Schultüte. Es gab nur zwei Klassenräume. Die ersten bis vierten Klassen wurden zusammen unterrichtet. „Dann begann die schlimme Zeit.“ Ihr Vater war beim Volkssturm eingezogen worden. „Plötzlich kam der Befehl, wir müssen das Dorf verlassen“, berichtet Käte Schmidt. Der Vater war nicht da, die Mutter mit sechs Kinder allein. Die notwendigsten Sachen mussten gepackt, Betten und Wäsche in Säcke gestopft werden.

Jeder Bauer musste zwei Familien auf seinem Planwagen mitnehmen. Sie saßen gedrängt in der Kälte auf dem vollgestopften Wagen. Die Sirenen heulten, es gab Luftangriffe, immer wieder suchten sie in Luftschutzkellern oder Bunkern Schutz. Überall fielen Bomben und oft wurde der Treck geplündert.

Geschlafen wurde unterwegs in Schulen auf Stroh, auf Heuböden, im Stall oder Wald. „Wir trugen Wäsche aus Leinen, in denen sich die Kleiderläuse hielten. Auch die Kopfläuse wurden wir nicht los“, erzählt sie. Unterwegs mussten sie betteln, um zu überleben. Ihrer Schwester Gerda wurde auf einem Bauernhof der Zopf abgeschlagen.

Zum Kriegsende 1945 war die Flucht zu Ende, Mutter und Kinder kehrten nach Süßwinkel zurück. Der Vater erwartete sie dort. Inzwischen waren Russen, Polen und Franzosen dort eingezogen. Die achtjährige Käte hütete zusammen mit den Russenfrauen die Kälber. Warum ihre Eltern dann wieder in einer Nacht- und Nebelaktion die Heimat verlassen mussten, verstand die Sechsjährige damals nicht. 1946 erreichten sie ein Brandenburger Internierungslager. Rund um das Lager war Stacheldraht gezogen. Es durfte nicht ohne Genehmigung verlassen werden. Sie hausten in langen Baracken. Als Betten dienten lange Holzgestelle. Läuse, Wanzen, Flöhe und die Krätze kannten sie nur zu gut.

Der Hunger war ihr ständiger Begleiter. Die Familie zog nach Trebbin in die Baruther Straße. Dort hatten sie ein Zimmer mit einem Bett. Zum Glück fand der Vater auf dem Dachboden ein zweites Bett. Auf dem Schulgelände stand eine Baracke, sie diente als Hort und als Kindergarten. Die Verpflegung – eine Wassersuppe – brachten die Schüler von zu Hause mit. Jeden Donnerstag gab es ein Roggenbrötchen in der Schule. An diesem Tag fehlte kein einziges Kind. Eine Einkaufstasche diente als Schulmappe. Zum Nachhilfeunterricht nahm Käthe Holz und Kohlen mit.

„Wir Kinder besuchten die Ferienspiele in Kliestow. Dort gab es ein Mittagessen und zwei Paar Wurststullen. Unsere Eltern schickten uns immer dorthin, wo es etwas zu essen gab“, sagt Käte Schmidt. Am 15. April 1951 wurde sie in der Sankt Marienkirche in Trebbin eingesegnet. Auf dem Kaffeetisch standen nur Streuselkuchen und Malzkaffee. Ihr Geschenk: 15 Mark und ein paar frische Eier.

Am liebsten wäre Käte Schmidt Schneiderin oder Kindergärtnerin geworden. Doch daraus wurde nichts. Sie ging bei Fleischerfamilie König in Stellung, bekam dort auf dem Boden ein eigenes Zimmer und ihr erstes eigenes Bett. Sie half auf dem Feld, im Stall und im Haushalt und bekam dafür 60 Mark im Monat. Heute ist Käte Schmidt 79 Jahre alt, hat drei Kinder, sieben Enkel und acht Urenkel. Sie ist verheiratet und hat in diesem Jahr mit ihrem Mann Willi diamantene Hochzeit gefeiert. Trotz schlimmer Kriegserlebnisse ist sie eine echte Frohnatur.

Von Margrit Hahn

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