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Viel Hilfe und freundliche Menschen

MAZ-Serie "In der neuen Heimat" Viel Hilfe und freundliche Menschen

Woche vier bringt für die syrische Familie Yassin in Ludwigsfelde vor allem positive Gefühle: Zuversicht und Gelassenheit. Man hat sich eingelebt in der Unterkunft, man hat sich angefreundet mit der kleinen Industriestadt. Die Menschen sind freundlich, sagt Mohamed Yassin, das ist viel wert. Aber ob das Leben jemals wieder so wird, wie in der alten Heimat?

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Mit grünem Kopftuch und hoffnungsvollem Lächeln: Rabiha Yassin und ihr Mann Mohamed.
 

Quelle: Oliver Fischer

Ludwigsfelde.  Als es ans Foto geht, bittet Rabiha um eine Minute Pause. Sie muss zwei Dinge tun: ein neues Kopftuch umbinden, weil das grüne besser zur Bluse passt, und ein fröhliches Gesicht aufsetzen. Vor drei Wochen, als das erste Foto aufgenommen wurde, schaute sie noch finster drein. Alles war unklar. Die Wohnung, die Stadt, was sollte nur werden aus ihr, ihrem Mann und vor allem ihren Kindern? Aber jetzt fühle sie sich besser, sagt sie. Die Dinge fügen sich. Es sieht aus, als finde sich die Familie langsam ein in diesem Land.

Seit vier Wochen im Heim am Birkengrund

Seit vier Wochen lebt Familie Yassin jetzt in der Unterkunft am Ludwigsfelder Birkengrund. Ihre Wohnung ist nach hiesigen Vorstellungen noch immer nicht schön. Die Tapete vergilbt, die Küche müsste dringend renoviert werden. Die Möbel sehen aus, als seien sie aus Armeebeständen. Das Ehepaar schläft in Kinderbettwäsche.

Aber immerhin: Es ist eine Wohnung. Und draußen, in der Stadt, begegnet man ihnen freundlich. Die Kinder finden Freunde in der Schule. Im Krankenhaus, im Supermarkt, überall seien die Leute hilfsbereit. Keine Nazis, von denen man in Flüchtlingskreisen immer wieder hört. Mehr könne man sich kaum wünschen, sagt Vater Mohamed. Von einer Stadt jedenfalls, die nicht Latakia heißt.

Flucht aus einem einstigen Schmelztiegel der Religionen

 Ihre Heimatstadt Latakia war natürlich ein anderes Kaliber. 400 000 Einwohner, westlich geprägt, ein Schmelztiegel der Religionen, aufgeschlossen – zumindest vor dem Krieg. Sie hatten ein Haus, vier Zimmer, Balkon, die Großeltern wohnten um die Ecke. Großvater, ein Friseur, hatte ihnen das Grundstück geschenkt. Er habe alles für sie getan, und für die Enkel sowieso, sagt Rabiha.

Als Frau habe man es gut gehabt in Syrien. „Es gab keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Frauen wurden respektiert“, sagt Rabiha. Sie studierten, arbeiteten. Rabiha konnte selbst wählen, ob sie Schleier tragen will oder nicht. Sie musste sich zwar allein um die Kinder kümmern, weil Mohamed, der Seefahrer, oft in der Weltgeschichte unterwegs war. Aber wann immer er nach Hause kam, sei es nur um sie gegangen. „Wenn mir in einem Schaufenster etwas gefallen hat, ein Kleid oder ein Ring, dann hat er es mir gekauft. Egal, was es war, egal, ob ich protestiert habe“, erzählt sie. „I was the queen.“ Ich war die Königin. Als sie das sagt, fängt sie an zu weinen.

Leben unter Hartz-IV-Niveau

Mohamed würde ihr auch jetzt, in Ludwigsfelde, gerne Geschenke machen, aber das geht natürlich nicht. Sie müssen mit 1200 Euro im Monat auskommen, das sind 200 Euro weniger als der Hartz-IV-Satz. Sie kaufen Lebensmittel, Windeln, Schulsachen, Fahrkarten, Telefonguthaben, da bleibt nichts für Geschenke. Die Zeit der Königin ist vorerst vorbei.

Und sie wird sobald nicht wieder kommen. „Auch wenn der Krieg jetzt zu Ende wäre, würden wir nicht zurückkehren“, sagt Rabiha. Syrien sei viel zu gefährlich, allein die Waffen. Vor dem Krieg waren selbst Messer in der Öffentlichkeit verboten. Aber als die Kämpfe anfingen, hielten Lkw auf den Marktplätzen, voll beladen mit Gewehren. Jeder konnte nehmen, was er wollte. Männer, Frauen, vor allem Kinder griffen zu. Das Land sei verroht. Ein Land, in dem Kinder mit Kalaschnikows hantieren, das sei nicht mehr ihr Syrien, sagt Rabiha.

Hoffen auf eine dauerhaften Bleibe

Nur: Die kleine Wohnung wird auch kein dauerhaftes Zuhause werden. In zwei Monaten müssen sie wieder raus. Wenn es gut läuft, können sie sich dann eine andere Wohnung mit einer Familie teilen. Wenn nicht, werden sie in einem Zelt einquartiert. Die Zelte sind eigentlich Hallen, in denen jeweils ein paar Quadratmeter Wohnfläche mit Bauplanen abgegrenzt sind. 60 Mann leben in einem Zelt. Es soll kalt sein dort, nachts gibt es oft Streit. Die Polizei kommt öfter. Rabiha will nicht ins Zelt. Niemand will das. Aber als sie das grüne Kopftuch umgebunden hat, grinst sie trotzdem breit. Es besteht ja Hoffnung. Und Hoffnung ist alles.

Info: Die syrische Familie Yassin ist vor dem Bürgerkrieg geflohen. In der MAZ erzählen sie wöchentlich über ihr neues Leben in Deutschland.

Von Oliver Fischer

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