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Vom Gefühl, ein Flüchtling zu sein

MAZ-Serie „In der neuen Heimat“ Vom Gefühl, ein Flüchtling zu sein

Ihre elfte Woche in Ludwigsfelde verbringt die syrische Familie Yassin mit großen Sorgen um die Zukunft. Gegen den Abschiedebescheid nach Belgien haben sie eine Klage eingereicht. Jetzt heißt es weiter warten.

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Rabiha macht sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder Hala und Rabi.

Quelle: Anja Meyer

Ludwigsfelde. Bevor es ans Foto geht, versucht Rabiha noch schnell, ihren sorgenvollen Blick zu überspielen und ruft Hala und Rabi zu sich in die Küche. Nicht nur auf dem neuen Familienporträt will sie optimistisch aussehen. Vor allem ihre beiden ältesten Kinder sollen so wenig wie möglich mitbekommen von der Ungewissheit, die an ihr und Mohamed nagt. Es ist die Ungewissheit, ob sie in Ludwigsfelde bleiben können, ob Hala und Rabi in ihren Schulklassen weiterlernen dürfen, ob sie hier als Familie wirklich einmal richtig ankommen werden.

Seit mehr als zwei Wochen herrscht bei der syrischen Familie Yassin aus Ludwigsfelde absoluter Ausnahmezustand. Zu diesem Zeitpunkt haben sie den Brief mit dem Abschiebebescheid nach Belgien bekommen. Nun können sie nur warten und hoffen, dass ihr Berliner Anwalt Benjamin Düsberg helfen kann.

Mit ihm haben sich Rabiha und Mohamed in dieser Woche noch einmal getroffen und gegen den Bescheid geklagt. Benjamin Düsberg hat zudem einen Antrag auf „Anordnung der aufschiebenden Wirkung der Klage“ gestellt. Solange der nicht abgelehnt ist, dürfen die Yassins nicht abgeschoben werden. Eine Entscheidung fällt laut Düsberg frühestens in drei Wochen.

Rabi will nicht noch eine neue Sprache lernen

Rabiha und Mohammed sind fertig mit den Nerven. „Wir essen wenig und schlafen kaum noch“, erzählt Mohamed. Den Kindern erzählen die Eltern, dass der Anwalt sich kümmert und alles gut wird. Irgendwie. Doch die beiden Kleinen sind clever und bekommen natürlich mit, dass es jetzt ernst ist. „Rabi hat mir gesagt, dass er nicht schon wieder eine neue Sprache lernen und neue Freunde finden mag“, sagt Rabiha. Der zwölfjährige Rabi hat neben seiner Muttersprache Arabisch schon Türkisch und Englisch gelernt. Auf Deutsch kann er sich mittlerweile gut unterhalten. Genauso wie seine Schwester.

Das Wort „Flüchtling“ belastet

Die derzeitige Misere ist nicht die einzige Situation, in der Rabiha ihre wahren Gefühle vor der Familie versteckt. Seit der Flucht vor dem Krieg in der syrischen Heimat vor knapp vier Jahren fühlt sie sich oft schlecht. Seitdem sind die Yassins Flüchtlinge. „Dieses Wort klingt so schrecklich“, sagt Rabiha. „Die Leute sehen mich dadurch als eine ganz andere Person.“ Sie denkt, dass hier in Deutschland mit Flüchtlingen oft Menschen assoziiert werden, die schlecht ausgebildet sind und nichts machen. Am schlimmsten ist es für die junge Frau, wenn sie hört, dass jemand Angst vor ihr hat. Vor ihr, der Frau mit dem großen Herzen.

Rabiha half Flüchtlingen in Latakia

Rabiha kennt Flüchtlinge selbst aus einer anderen Perspektive: Vor dem Krieg suchten viele Palästinenser in Syrien Asyl, auch aus den Krisenregionen Iraks und Afghanistans flüchteten Menschen in das wohlhabende Land im Nahen Osten. Die Familie von Rabiha war schon immer sehr engagiert dabei, diesen Flüchtlingen zu helfen. Als sie noch ein kleines Mädchen war richteten ihre Eltern eine Wohnung für palästinensische Flüchtlinge ein. Ihre Cousine, eine Ärztin, untersuchte Flüchtlinge kostenlos und Rabiha selbst half geflüchteten Frauen in Latakia bei Behördengängen und versorgte sie mit Kleidung und etwas Geld. „Das war nur eine kleine Hilfe“, sagt sie. „Aber so konnte ich wenigstens etwas tun.“

Nach Hause gelaufen

Ihr ist es sichtlich unangenehm, darüber zu reden. „Das hat nichts mit meiner Situation jetzt zu tun, ich erwarte nichts dafür“, sagt sie. In Ludwigsfelde gebe es zum Glück auch viele Menschen mit einem großen Herzen. Aber es gibt auch die, die sie komisch anschauen oder ihr bestimmte Sachen unterstellen. So wie neulich, als der Busfahrer Rabiha den noch gültigen Fahrschein einfach aus den Händen riss, ihn zerknüllte und vor ihren Augen auf den Boden warf. Der Fahrer hatte keine Lust, sich den Nachweis für ihre Ermäßigung überhaupt anzuschauen. „Das war so ein entwürdigendes Erlebnis“, erzählt Rabiha. Sie ist wieder ausgestiegen und knapp 40 Minuten zu Fuß nach Hause gelaufen. „Ich wollte nicht, dass jemand im Bus sieht, wie ich weine.“

Weinen, das tut sie manchmal. Aber nur, wenn sie alleine ist. „Dann bin ich soft“, sagt sie über sich. Für ihre Familie ist Rabiha hingegen immer stark und kämpft um einen Weg. So wie jetzt. Und deshalb lächelt sie freundlich in die Kamera.

 Info: Die Yassins sind vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen und leben seit zwölf Wochen in einer Flüchtlingsunterkunft in Ludwigsfelde. Die MAZ begleitet die Familie auf ihrem Weg und berichtet wöchentlich über ihr Leben in Deutschland. Alle Folgen sind zu findnen unter: www.maz-online.de/Brandenburg/Eine-syrische-Familie-hofft-auf-einen-Neustart

Von Anja Meyer

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