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Vom Kampf gegen eine Ungerechtigkeit

Ute Lauterbach setzt sich für geschiedene Frauen ein Vom Kampf gegen eine Ungerechtigkeit

Frauen, die sich zu DDR-Zeiten scheiden ließen, müssen damit rechnen, als Rentnerin schlechter dazustehen. Seit acht Jahren kämpft Ute Lauterbach aus Schulzendorf (Dahme-Spreewald) gegen diese Ungerechtigkeit.

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Früher Vereinsvorsitzende, heute Opfervertreterin bei der Uno: Ute Lauterbach vertritt Interessen in der DDR geschiedener Frauen.

Schulzendorf. Der Kaffee wird kalt. Ute Lauterbach greift immer wieder nach ihrer Tasse, doch findet sie keinen Moment, um am Getränk zu nippen. Zu wichtig sind ihr die Dinge, die sie zu erzählen hat. Die 73-Jährige spricht von Armut und Isolation, von Unrecht und Diskriminierung – sie spricht von Frauen, die zu DDR-Zeiten geschieden worden sind.

„Im Grundgesetz steht, dass Frauen und Männer gleich sind. April, April“, sagt Ute Lauterbach zynisch. Sie kämpft seit acht Jahren dafür, dass geschiedene Ostfrauen die gleiche Alterssicherung genießen können, wie andere Frauen im Land. Bisher ist das nicht der Fall. 1992 verabschiedete der Bundestag ein Gesetz, das Männer der DDR davon freisprach, ihren Ex-Frauen einen Versorgungsausgleich zu zahlen. Damit schmolzen die Rentenanwartschaften der Frauen zusammen – oder gingen ganz verloren.

Noch heute leiden rund 300.000 geschiedene Frauen unter den Folgen dieser Entscheidung. „Viele bekommen nur 500 oder 600 Euro Rente. Es gibt aber auch Fälle, die noch viel weniger haben“, sagt Ute Lauterbach. Auch die Ehe der gelernten Kindergärtnerin und späteren Kita-Leiterin ging noch zu DDR-Zeiten zu Bruch. Über ihr eigenes Schicksal will sie keine Worte verlieren. „Es gibt viel drastischere Fälle als mich“, sagt die 73-Jährige.

Wenn sie von Frauen berichtet, die in einfachsten Verhältnissen leben, weder Geld für Kinokarten, Medikamente oder Geschenke für ihre Enkel haben, mischt sich Wut in ihre Stimme. „Viele Frauen sind unverschuldet in die Armut geschickt worden.“ Die Betroffenen stammen aus allen Schichten – von der Facharbeiterin bis zur Akademikerin. „Diese Frauen haben stets in dem Selbstbewusstsein gelebt, dass sie allein klarkommen. Im Alter stellen sie fest, das geht nicht mehr. Sie sind plötzlich niemand mehr“, klagt die Seniorin.

Seit das Rentenüberleitungsgesetz 1992 verabschiedet worden ist, versuchen die Betroffenen, sich zur Wehr zu setzen. Zunächst kämpften sie im Alleingang, 1999 gründete sich der „Verein der in der DDR geschiedenen Frauen“. Als Ute Lauterbach 2006 auf ihn aufmerksam wurde, war der fast am Ende seiner Kräfte; 2008 sollte der Verein aufgelöst werden. Damit war der Kampfgeist der Schulzendorferin (Dahme-Spreewald) geweckt, sie machte es sich zur Aufgabe, die Gruppe wiederzubeleben, leitete bis 2009 als Vorsitzende deren Geschicke.

„Wir dürfen nicht nur Bittbriefe schreiben, wir müssen uns zeigen und Forderungen stellen“, war und ist das Motto der 73-Jährigen, schließlich profitiere Deutschland auch von den geschiedenen DDR-Frauen: „Wenn man davon ausgeht, dass wir im Durchschnitt zwei Kinder hatten, haben wir 1,6 Millionen Kinder in die kinderarme BRD mitgebracht, die heute Einzahler ins Renten- und Sozialsystem sind.“

Binnen der vergangenen Jahre versuchten Ute Lauterbach und ihre Mitstreiter Politik und Gerichte auf das Thema aufmerksam zu machen. Doch weder in Berlin, noch in Karlsruhe erfuhren sie Unterstützung – eine Beschwerde am Bundesverfassungsgericht wurde abgelehnt.

Seit 2010 liegt dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eine Klage vor und auch die Vereinten Nationen prüfen den Fall. „Wir warten nun alle sehnsüchtig auf eine Antwort aus Genf“, sagt Ute Lauterbach, die heute Opfervertreterin bei der Uno ist. Die 73-Jährige weiß, dass viele Betroffene den Mut verloren haben oder schlicht nicht mehr in der Verfassung sind, für ihr Recht einzutreten. Die Schulzendorferin aber wird kämpfen. „Wenn ich keine Hoffnung hätte, bräuchte ich auch nicht weitermachen.“

Hintergrund

1992 wurde in Deutschland das Rentenüberleitungsgesetz verabschiedet. Dieses entbindet Männer der DDR vom Versorgungsausgleich gegenüber ihren geschiedenen Frauen. Nach DDR-Recht gab es bei einer Scheidung in der Regel keine solche Verpflichtungen zwischen den Eheleuten.

Zwar war der Großteil der Frauen in der DDR berufstätig, viele blieben aber auch mehrere Jahre für die Erziehung ihrer Kinder Zuhause. Ging eine Ehe zu Bruch, haben die Frauen heute nur einen sehr geringen Rentenanspruch.
Als das Gesetz in Kraft trat, waren rund 800.000 Geschiedene betroffen, heute sind es noch etwa 300.000 Frauen.

Seit 1999 kämpft der „Verein in der DDR geschiedener Frauen“ für die Gleichberechtigung der Rentnerinnen. Nachdem in Deutschland alle juristischen Mittel ausgeschöpft sind, laufen derzeit Verfahren beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg und bei den Vereinten Nationen (UNO) in Genf.

Bei der UNO prüft der Ausschuss für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau (CEDAW), ob die aktuelle Rechtssprechung die Gleichberechtigung von Frauen in Deutschland verletzt.

Betroffene und Interessierte können sich unter www.verein-ddr-geschiedener-frauen.de  oder bei Ute Lauterbach, Tel. 033762/822558, informieren.

Von Nadine Pensold

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