Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -5 ° wolkig

Navigation:
Von Wagner, Chemie und Leidenschaft

Mahlow Von Wagner, Chemie und Leidenschaft

Der Mahlower Dieter Reuscher wirkte 50 Jahre lang erfolgreich als Opernregisseur und -intendant. Nun hat er beschlossen, aufzuhören. Mit Händels Oratorium „Belshazzar“ verabschiedete er sich kürzlich von der Bühne, die ihn seit seiner Kindheit begleitete und leitete.

Voriger Artikel
Tänzer aus Griechenland zum Brückenfest erwartet
Nächster Artikel
Anhaltende Leere in Erstaufnahmeeinrichtung

Dieter Reuscher unternimmt viele Ausflüge in die Region. In Mahlow lebt er seit 2002.

Quelle: Karen Grunow

Mahlow. Neulich war er mal wieder in Bayreuth, in Richard Wagners Festspielhaus. Die gefeierte Sopranistin Ricarda Merbeth hatte ihn eingeladen. Die beiden kennen sich seit den Anfangsjahren ihrer Karriere, als sie in Magdeburg engagiert war. Der Mahlower Dieter Reuscher wirkte damals dort als Operndirektor. Seitdem sind die beiden nicht nur eng befreundet, sondern einander auch Ratgeber und Wegbegleiter.

Mit Reuscher über Musik oder aktuelle Inszenierungen zu plaudern, ist stets eine Freude. Mit großer Klugheit, enormem Wissen und gern auch treffend-harter Ironie lobt oder schimpft er. Mittlerweile ist Dieter Reuscher 75, dennoch inszenierte er bis vor kurzem, zuletzt Händels „Belshazzar“ in München. Ein markanter Schlussstrich unter eine beeindruckende Karriere.

Schon als Kind auf der Bühne

Dieter Reuscher ist in Schwerin aufgewachsen, seine Mutter war Sekretärin am Theater, der Stiefvater Opernsänger. Schon als Kind stand Reuscher auf der Bühne, war im Kinderchor. Trotzdem schlug er nach dem Abitur zunächst einen ganz anderen Weg ein: „Das war eben noch die Erziehung des 19. Jahrhunderts, dass man macht, was zu Hause gewünscht wird“, sagt er.

Vor dem Studium absolvierte Reuscher ein Praktisches Jahr beim Geologischen Dienst, wirkte nebenher als Statist am Theater, dann begann er ein Chemie-Studium in Rostock. Zwei Semester hielt er durch, bevor er zum Regiestudium an die Berliner Musikhochschule „Hanns Eisler“ wechselte. „Von Kationen und Anionen zur Oper“, sagt Reuscher und lacht.

Reuschner wird Oberspielleiter am Hans-Otto-Theater

1966 dann darf er – noch als Student – Telemanns „Pimpinone“ inszenieren für den Park Sanssouci. Danach kommt er ans Potsdamer Hans-Otto-Theater. „Eine sehr kleine Bühne zwar, aber ein sehr leistungsfähiges Ensemble“, erinnert er sich. Reuscher wurde Oberspielleiter, blieb zwei Jahre am Haus, bevor er in seine Heimatstadt Schwerin ging. „Mein altes Haus“, sagt er, „es gab noch viele Kollegen, die mich schon als Kind kannten.“

In den drei Jahren als erster Spielleiter fehlte ihm Berlin. Er ging zurück und lehrte ein Jahr an der Hochschule. Dann kam ein Ruf nach Greifswald. Die erste Chefstelle. „Meine richtig brauchbaren Arbeiten begannen dort“, sagt Reuscher heute. Er hatte freie Hand. „So konnte ich endlich Mozart machen.“ Fünf schöne Jahre seien das gewesen. Auch wenn sein Alltag sonst wenig privilegiert war: „Parterre-Wohnung mit Plumpsklo im Garten.“

Zwölf Jahre Operndirektor

Mittlerweile kamen Anfragen von anderen Häusern, so aus Cottbus. Zwölf Jahre war Reuscher dort Operndirektor. „Cottbus war auch meine wichtigste Zeit“, betont er. Mit dem von ihm inszenierten „Rosenkavalier“ wurde das Jugendstil-Theater nach langer Restaurierung 1986 wiedereröffnet. „Die letzte A

Für seinen persönlichen Karriereweg war das keine Zäsur, denn auch international war er gefragt. Schon zu DDR-Zeiten gastierte Dieter Reuscher an der Staatsoper in Danzig, an der Semperoper in Dresden, oder in Leipzig. Und immer unterrichtete er außerdem an bedeutenden Musikhochschulen.

Neue berufliche Erfahrungen statt Ruhestand

Magdeburg folgte auf Cottbus. Die Zäsur der neuen Zeit empfand Reuscher eher inhaltlich. „Eine neue Art, Theater zu spielen, kam“, sagt er. Einige Jahre zog er mit, erlebte das Nachwende-Gerangel an den wichtigen Häusern der ehemaligen DDR. Der frühere Cottbuser Intendant Johannes Steurich, mittlerweile in Eisenach tätig, fragte ihn, ob er nicht einen Kollegen wisse, der nach Eisenach kommen würde. Dieter Reuscher ging einfach selbst. Es war kein Rückschritt, diese Entscheidung für das kleinere Haus war eine bewusste. „Da konnte ich machen, was ich mochte“, sagt er. Zuletzt hatte er auch die Intendanz inne. „Sieben Jahre ging es gut, dann drohte die Schließung“, sagt Reuscher. Zu der Zeit lebte er bereits in Mahlow, 2002 war er dorthin gezogen.

Nach Eisenach sollte der Ruhestand folgen– eigentlich. Doch diese Zeit wurde für Dieter Reuscher nochmal zu einer ganz neuen beruflichen Erfahrung. Er begann mit Off-Ensembles zu arbeiten. „Das ist eine Atmosphäre, die man am Theater nicht hat, weil die Laien begeistert sind“, sagt er. Vier Produktionen realisierte Reuscher für die Opernfestspiele in Bad Hersfeld, unter anderem 2007 Monteverdis „L’Orfeo“. Als Bariton brillierte damals Thomas Gropper, der in München den Kammerchor Arcis-Vocalisten leitet und bis 2014 auch den Philharmonischen Chor Fürstenfeld. Mit ihm und seinen Chören verwirklichte Reuscher in München und Fürstenfeldbruck zahlreiche Inszenierungen barocker Werke, aber auch „Zar und Zimmermann“ oder „Die Perlenfischer“.

Engagiert im Wagner-Verband

Wenn er davon berichtet, schwärmt er für die Ensembles und deren leidenschaftlichen Einsatz für die Musik. Das Budget war oft knapp, so ging der Regisseur schon mal einkaufen für das Bühnenbild. „Stoffballen stapelten sich in der Mahlower Küche.“ Wieder lacht er.

Lange engagierte sich Reuscher außerdem intensiv im Wagner-Verband Berlin-Brandenburg, regelmäßig hielt er Vorträge und analysierte Wagners Werk. Wer ihn solcherart referieren und dazu am Klavier erleben konnte, schwärmt von der Lebendigkeit und stets lehrreichen Interpretation. Persönlichkeiten wie die Komponistin Ruth Zechlin hätten ihn geprägt, aber auch Russland, wohin er vom Lohn für seine allererste Inszenierung erstmals reiste, und dann natürlich Wagner, sagt Reuscher.

Erstmals nach Bayreuth ging es 1986

Sein „Wagner-Spleen“, Dieter Reuscher sagt das schmunzend, entstand früh: „Meine Großeltern haben es mir erzählt wie ein Märchen“, erinnert er sich. Nach Bayreuth durfte er 1986 zum ersten Mal, quasi als Dienstreise. Denn er sollte für Magdeburg den „Ring des Nibelungen“ inszenieren. „Das war noch abenteuerlich. Ich bekam Geld, 1000 Mark West, aber keine Karten“, erzählt Reuscher. Die sollte er sich selbst organisieren. Er schrieb also einfach an Erna Pitz, die legendäre Assistentin Wolfgang Wagners. „Ich habe dann dort eine Woche wie in Trance gelebt. Es war sonnig und schön, alles klappte“, so Reuscher.

„Der Zauber dieser ersten Stunde ist komischerweise in Bayreuth nie verwischt“, so Reuscher. Auch bei seinem Besuch kürzlich empfand er das, wenngleich er Katharina Wagners „Tristan und Isolde“-Inszenierung nicht viel abgewinnen konnte. „Der ,Holländer’ aber war gut“, sagt er. Da sang auch Ricarda Merbeth die Senta.

Von Karen Grunow

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Teltow-Fläming
57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg