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Warum baggern tatsächlich eine Wissenschaft ist

MAZ macht mit Warum baggern tatsächlich eine Wissenschaft ist

MAZ-Reporter Oliver Fischer hat in seiner Kindheit zahllose Baggerwetten bei „Wetten dass ...?“ gesehen, von allen war er gelangweilt. Drei Jahrzehnte später ist er selbst zum ersten Mal ins Führerhaus eines Minibaggers gestiegen – und fand anschließend, dass seine Übungsstunden das Zeug für eine Fernsehsendung hätten.

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Die Kleckerprobe: Sand aus der Schaufel kippen – das ist nach einer Stunde Übung zu schaffen. Bis man den Bagger richtig beherrscht, dauert es laut Ausbilder Kai Censebrunn Monate.

Quelle: Gerlinde Irmscher

Großbeeren. Wer das Wort „Männerträume“ bei Google eingibt, wird nicht überrascht. Die Suchmaschine spuckt Fotos von weiblichen Kurven aus, es folgen ein paar Rennwagen, Motorräder und das Ortseingangsschild von Busendorf. Und dann kommt auch schon er: der große, gelbe Bagger.

Männer lieben Bagger

Es mag ein Klischee sein, aber das heißt nicht, dass es nicht stimmt. Männer lieben Bagger. Bagger tauchen in zahllosen Liedern und Geschichten für kleine und große Jungs auf, stets flankiert und bedient von kernigen und bauchigen Typen, die Bodo oder Bob heißen und den Greifer im Schlaf bedienen können. Auf Baustellen fahren meistens Männer die Bagger, und es sind auch Männer, die am Bauzaun stehen und den Baggerfahrern bei ihrer Arbeit zuschauen.

Bagger sind, was viele Männer gern wären: laut, stark und direkt. Sie geben sich nicht mit Zweideutigkeiten ab. Wer sie beherrscht, der kann mit ihnen erschaffen und zerstören, beides im großen Stil. Und mit spielender Leichtigkeit, so sieht es zumindest aus. Bagger sind das, was Männer im Baumarkt suchen, aber nie finden: das perfekte Werkzeug.

Kai Censebrunn erklärt Oliver Fischer die Funktion der Hebel

Kai Censebrunn erklärt Oliver Fischer die Funktion der Hebel.

Quelle: Gerlinde Irmscher

Mich hat es allerdings, das muss ich zugeben, bisher weder besonders zu Werkzeugen noch zu Baggern hingezogen. Vielleicht ist das Klischee ja doch Quatsch. Vielleicht bin ich auch kein typischer Vertreter meines Geschlechts. Manchmal braucht es womöglich aber auch erst den Moment der Erleuchtung. Als ich jedenfalls in der Fahrerkabine sitze und den Zündschlüssel drehe, glaube ich zu spüren, weshalb es Fernsehsender gibt, die sich fast ausschließlich mit großen Maschinen befassen. Es kribbelt ein bisschen im Bauch. Das könnte freilich auch daran liegen, dass die Baggerkabine nicht ganz so gut gedämmt ist wie mein Kleinwagen.

Üben bei der Lehranstalt für Gartenbau und Floristik

Aus der Kabine heraus hat man aber in jedem Fall einen besseren Blick als aus dem Autofenster. Vor mir sehe ich durch eine große Scheibe einen großen Sandkasten. Das ist das Maschinen-Übungsfeld der Lehranstalt für Gartenbau und Floristik in Großbeeren. Die Einrichtung ist, wie der Name schon sagt, eine Ausbildungsstelle, wo angehende Landschaftsgärtner unter anderem lernen, wie man mit Gabelstapler, Radlader und Bagger umgeht. Ihr Lehrgang dauert fünf Tage. Ich begnüge mich mit einem, und mir reicht auch der Bagger.

Graben im Graben

Graben im Graben.

Quelle: Gerlinide Irmscher

Das Gerät, das man mir anvertraut hat, ist ein 1,8 Tonnen schwerer Minibagger der Marke Yanmar. Ein solides japanisches Modell, mit dem sich vielleicht keine Häuser einreißen, aber doch prima Gartenteiche und Kabelgräben ausheben lassen. Das hat mir zumindest Kai Censebrunn versichert, der heute mein Ausbilder ist.

Er hat auch alle technische Fragen beantwortet, die mir einfielen: Der Bagger ist mit einem Grabenräumlöffel ausgestattet, der bis zu 200 Kilo Erde fasst. Er hat eine Hupe. Lüftung und Radio fehlen. Die Höchstgeschwindigkeit ist nicht bekannt, weil der Bagger keinen Tacho hat. Der Dieselverbrauch ist schwerlich zu beziffern. Immerhin: Es gibt zwei Gänge. Den Schildkröten- und den Hasengang. Ich soll lieber Schildkröte nehmen, sagt Kai Censebrunn. Also tucker ich los.

Fünf Minuten für 20 Meter Fahrt

Für die 20 Meter bis zu meinem Übungshaufen brauche ich etwa fünf Minuten. Auch im Hasengang, den ich später heimlich ausprobiere, bewegt sich das Fahrzeug nur unwesentlich schneller. Der Minibagger muss das langsamste motorgetriebene Gerät sein, das ich je gesehen habe. Geschwindigkeit spiele aber keine Rolle, sagt Censebrunn. Auf die Straße dürfe man damit ohnehin nicht, und auf der Baustelle kommt es auf zwei Minuten nicht an. Man soll damit ja keine Rennen fahren, man soll baggern. Verstehe ich. Ich frage mich nur, weshalb ich angeschnallt bin.

Am Haufen beginne ich mit dem Baggern, stelle aber innerhalb von wenigen Sekunden fest, dass es ein winziges Problem gibt. Der Bagger hat nur einen Arm, ich muss ihn aber mir zwei Joysticks steuern. Diese Koordination ist so in meinem Gehirn nicht angelegt.

Die Hand am Joystick bewegt den Baggerarm

Die Hand am Joystick bewegt den Baggerarm.

Quelle: Gerlinde Irmscher

Mit der rechten Hand kann ich den Ausleger heben und die Schaufel kippen. Mit der linken fahre ich den Arm ein und aus und schwenke ihn zur Seite. Ich probiere alles einmal aus, ramme die Schaufel aus Versehen in den Boden und drücke gleich mal den ganzen Bagger in die Höhe. Ich brauche drei Versuche, bis ich Erde aufgelöffelt habe und mindestens weitere drei, bis ich sie wieder los geworden bin. Ich hebe an, fahre aus, kippe ab, fahre ein, links vor, rechts zurück, rechts nach links, links nach rechts, ich drehe, senke und habe am Ende weder etwas erschaffen noch etwas zerstört.

Joystick bewegen – immer mit Gefühl

Kai Censebrunn lächelt gequält und sagt, das sei ja alles gut und schön, aber eigentlich sei ein Bagger dafür da, um präzise Gräben auszuheben und Flächen zu glätten. Dafür müsse man gleichzeitig den Arm ausfahren, die Schaufel ankippen, den Arm absenken, die Schaufel nachführen und den Arm schwenken. Das heißt: linke Hand schräg nach vorn, rechte Hand schräg nach hinten, den einen Joystick kommen lassen, den anderen drücken . . . oder ziehen? Und immer mit Gefühl.

Der Grabenräumlöffel

Der Grabenräumlöffel.

Quelle: Gerlindde Irmscher

Ich rühre mit beiden Händen im dreidimensionalen Raum, die Schaufel kratzt über den Boden, hebt und senkt sich völlig willkürlich. Einmal schwenke ich aus Versehen aus und bin froh, dass Kai Censebrunn einen Sicherheitsabstand hält. Die Baggerschaufel führt ein Eigenleben, und während ich sie zu bändigen versuche, komme ich mir vor wie ein lausiger Puppenspieler, der seine Marionette zum ersten Mal mit überkreuzten Händen spielt, obwohl er es schon richtig herum nicht beherrscht.

Erinnerungen an „Wetten dass . . .?“

Ich denke an die zahllosen Baggerwetten, die ich bei „Wetten dass .. .?“ gesehen habe. Ei aufschlagen, Feuerzeug anzünden, Socken aufhängen, Akkordeon spielen, Basketbälle werfen – alles mit dem Bagger. Was habe ich mich gelangweilt. Es sah alles zu einfach aus, zu hemdsärmelig, zu billig.

Beim Versuch, einen Quadratmeter Boden mit der Schaufel platt zu drücken, stampfe ich eine Kuhle in den Sand. Als ich wieder Erde zurück ins Loch schütten will, fällt alles daneben. Ich verwechsle links und rechts, oben mit unten. Manchmal macht der Bagger, was ich will, meistens nicht. Einen Graben ausheben mit Gefälle? Einen Teich modellieren, wenn der zahlende Kunde mit dem Maßband daneben steht? Im Leben nicht.

Youtube-Videos mit Baggerunfällen

Am Abend sitze ich vor meinem Rechner und schaue mir Videos auf Youtube an, die mir Manfred Wimmer, der stellvertretende Leiter der Ausbildungsstätte, empfohlen hat. „Geben sie mal ,Baggerunfälle’ ein“, sagte er. Ich sehe also Bagger, die Abhänge hinunterrutschen; Bagger, die einbrechen, weil sie sich selbst den Boden unter den Ketten weggegraben haben; Bagger, die mit einigen Tonnen Erde in der Schaufel das Gleichgewicht verlieren. Ich denke daran, wie ich selbst mit ausgefahrenem Arm herumgeschwenkt bin. Gott sei Dank war ich angeschnallt.

Dann gebe ich bei Google „Frauenträume“ ein. Ich sehe Schuhe.

Von Oliver Fischer

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