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„Was der hinter dir denkt, ist ganz egal“

Fahrlehrer erzählt aus 25 Jahren Berufserfahrung „Was der hinter dir denkt, ist ganz egal“

Der 63-jährige Rainer Colberg hat vielen Menschen das Autofahren beigebracht. Jetzt hört der Fahrlehrer auf. Der MAZ hat er von seinen lustigsten und gefährlichsten Erlebnissen erzählt.

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Rangsdorf. Haben Fahrlehrer Nerven wie Drahtseile? Fürchten sie auf dem Beifahrersitz manchmal um ihr Leben? Rainer Colberg muss es wissen. Der Mellenseer, der in Rangsdorf und Zossen eine Fahrschule betrieben hat, steigt nach 23 Jahren aus dem Fahrschulauto aus.

Der 63-Jährige macht den Eindruck, als ob ihn so schnell nichts erschüttert. Seine ruhige dunkle Stimme hat wohl schon so manchen Fahrneuling ermutigt oder beruhigt . „Geduld und Fingerspitzengefühl muss man in diesem Beruf schon haben. Wer hinter einem Fahrschulauto wütend hupt, weil alles ein bisschen langsamer geht, der hat vergessen, dass er selbst mal Anfänger gewesen ist“, sagt der 63-Jährige.

Der gelernte Landmaschinen- und Traktorenschlosser und spätere Meister für allgemeinen Maschinenbau wollte gern Lehrmeister werden. Dann kamen die Wende und die Arbeitslosigkeit. Da zu DDR-Zeiten die durchschnittliche Wartezeit auf einen Fahrschulkurs fünf Jahre dauerte, war der „Stau“ groß. Rainer Colberg absolvierte eine Fahrlehrer- Ausbildung, arbeitete zwei Jahre als angestellter Fahrlehrer und machte sich im April 1994 selbstständig.

„Jungen Leuten etwas beizubringen, macht mir Spaß. Dabei bleibt man selber jung“, berichtet Colberg. Aber er habe natürlich auch älteren Menschen das Kutschieren beigebracht. Seine betagteste Fahrschülerin war 65. Sie hatte ihrem verstorbenen Mann versprochen, das gemeinsame Auto weiterhin zu nutzen. „Und sie hat’s geschafft, auch wenn sie wesentlich mehr Fahrstunden brauchte als Jugendliche“, erzählt der Ausbilder.

Brenzlige Situationen? „Ich war immer Herr der Lage“, behauptet Colberg, lässt sich dann aber doch ein paar Anekdoten entlocken. Zum Beispiel die, als ein Fahrschüler an der Kreuzung rechts abbiegen sollte, den rechten Blinker setzte, dann aber plötzlich das Lenkrad links einschlug. „Zum Glück kam weder von hinten noch von vorn was. Der war einfach zu aufgeregt. Da hakt das Gehirn schon mal aus.“

Oder der Motorrad-Fahrschüler, der während der Prüfung beim Bremsen stürzte, weil er die Regel der durchgedrückten Arme nicht beherzigt hatte. Der junge Mann verletzte sich leicht und bestand einige Wochen später. Oder die Dame, die im reifen Alter ein auf 25 Stundenkilometer zugelassenes Auto steuern wollte (dafür reicht der Moped-Führerschein) und ein paar Fahrstunden nahm. Rainer Colberg stieg als Beifahrer mit in das Mobil ein – und die Dame fuhr gegen den Zaun.

„Seitdem habe ich wirklich nur im Fahrschulauto unterrichtet“, erinnert sich Colberg schmunzelnd. Dort stehen ihm auch als Beifahrer Kupplung, Bremse und Gaspedal, zwei zusätzliche Außen- und zwei zusätzliche Innenspiegel zur Verfügung. „Dadurch kann ich das Fahrzeug jederzeit beherrschen.“ Notfalls fasse er auch ins Lenkrad: „Sieht von außen ein bisschen komisch aus, ist aber für Fahrlehrer ein Routinehandgriff.“

Zwei Unfälle erlebte Rainer Colberg in Fahrschulautos. Jedes Mal fuhr ein anderer Verkehrsteilnehmer hinten auf, weil der Fahrschüler völlig korrekt vor dem Rechtsabbiegen die Fußgänger passieren ließ.

Nicht selten musste der Fahrlehrer auch Seelsorger sein, wenn ein Häufchen Elend neben ihm saß. Jeder Neuling reagiere anders, mancher wird ganz still, mancher will unbedingt reden, weil ihm die Stille unheimlich sei. Mancher wird schwitznass, mancher macht sich sogar in die Hose. Rückwärtseinparken ist zum Beispiel so ein typisches Angst-Ding. Oft fürchten Fahranfänger auch die vermeintlich hämischen Blicke der anderen Verkehrsteilnehmer. „Was der hinter dir denkt, ist ganz egal. Du fährst nach den Verkehrsregeln“, sagt Colberg dann.

Die landläufige Vermutung, wonach der Prüfer gern mal Kandidaten durchfallen lasse, um noch einmal Gebühr kassieren zu können, quittiert der Fahrlehrer mit Kopfschütteln: „Nein. Die Anforderungen sind einfach höher geworden. 45 Minuten Fahrprüfung im heutigen Straßenverkehr – da gibt es eben mehr Durchfaller als noch vor zehn Jahren.“

Nach so langer Zeit kann er’s ja beichten: Ein Prüfer merkte, als er einmal (und nie wieder) einer Fahrschülerin verbotenerweise Zeichen gab, um ihr zu helfen.

Am 4.November hat der bisherige Chef die Fahrschule Colberg an seinen Mitarbeiter Holger Hieckmann übergeben. Nun ist es „Holger’s Fahrschule“.

Von Gudrun Schneck

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