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Teltow-Fläming Folge 44: Weihnachtsstimmung bei den Yassins
Lokales Teltow-Fläming Folge 44: Weihnachtsstimmung bei den Yassins
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01:16 01.11.2018
Meis hat den weihnachtlichen Bademantel von einer deutschen Freundin der Familie geschenkt bekommen Quelle: Foto: Anja Meyer
Ludwigsfelde

Weihnachten – ein rein christliches Fest, das keinen Platz im Flüchtlingswohnheim hat? Von wegen! Schon an der Wohnungstür zum kleinen Ludwigsfelder Domizil der Yassins erkennen die Besucher, dass die muslimische Familie sich wie alle anderen auf das Weihnachtsfest eingestellt hat. Dort hängt ein selbstgebastelter Tannenbaum aus grüner Pappe, das Innere der Wohnung ist festlich dekoriert: Tannenzweige auf der Fensterbank, daneben ein Weihnachtsstern im goldenen Topf, kleine Lichter und Kugeln an den Wänden. Weihnachten ist eben nicht nur ein christliches Fest, sondern vor allem ein populäres – in den verschiedensten Ländern und Kulturkreisen.

Für die Yassins ist Weihnachten jedenfalls kein Fest, das sie erst in Europa kennengelernt haben. „In Syrien haben wir das schon immer gefeiert“, erzählt Rabiha. Gerade in ihrer Heimatstadt Latakia, in der viele Christen lebten, gehörte Weihnachtsdekoration im Dezember einfach dazu. Und auch in anderen Städten wurden vor dem Krieg große Tannenbäume auf Straßen und Plätzen aufgestellt und mit vielen Lichtern geschmückt. Rabiha hat diese feierliche Stimmung immer gemocht, „Jetzt hat Assad alles zerstört“, sagt sie. Prunkvolle Weihnachtsbäume gibt es in den kriegszerstörten Städten nicht mehr. Wobei Rabiha auf Facebook gerade gesehen hat, wie die Bewohner der Stadt Hama einen Baum schmückten. Das habe sie gerührt, sagt sie.

Rabiha kann sich noch gut daran erinnern, wie sie als kleines Mädchen zusammen mit ihrer Schwester einen eigenen Tannenbaum hatte. „Wir haben ihn mit unserem Vater von draußen geholt und dann lange geschmückt“, erzählt sie. Der Vater erklärte den Kindern damals schon, dass Weihnachten eigentlich ein christliches Fest ist und warum die Menschen es feiern. „Das habe ich schon früh verstanden“, so Rabiha.

Die Sache mit dem Weihnachtsmann, der in Syrien den französischen Namen „Papa Noel“ trägt, hatte sie zu dem Zeitpunkt noch nicht verstanden, sagt Rabiha. Lange habe sie daran geglaubt, dass es ihn tatsächlich gibt und er ihr am Heiligabend die Geschenke bringt. Später dann, als Erwachsene, gab sie den Weihnachtsmännern aus ihrer Straße Geschenke für die Kinder befreundeter Familien mit.

In dem Moment kommt Hala herein und schnappt ein paar Sätze des Gesprächs auf. Die Sache mit dem Weihnachtsmann – daran scheint sie nun langsam auch zu zweifeln. „Gibt es den Papa Noel jetzt oder nicht?“, fragt sie. Rabiha lächelt, eine Antwort gibt sie nicht. Hala und ihr Bruder Rabi haben in den vergangenen Tagen viel von deutscher Adventsstimmung mitbekommen. Von ihnen stammen die meisten Weihnachtsbasteleien in der Wohnung. Und auch ein paar deutsche Weihnachtslieder habe sie gelernt, erzählt Hala stolz. Schon stimmt sie das Lied „Alle Jahre wieder“ an.

Weihnachten feierten die Yassins in Syrien am 24. Dezember – so wie in Deutschland. Der eigentliche Feiertag ist der 25. Dezember, an dem die Menschen Familie und Freunde besuchen. Heiligabend gingen die christlichen Syrer gegen 20 Uhr in die Kirche, dann zum Essen ins Restaurant oder zu Freunden. Um Mitternacht wünschten sich alle eine frohe Weihnacht, Feuerwerke wurden gezündet. „In die Kirche sind wir als Muslime nicht mitgegangen“, sagt Rabiha. Aber zum Essen begleitete die Familie befreundete Christen. In Syrien waren viele Freunde der Yassins Christen – traditionelle Feste wurden zusammen gefeiert. „Unsere Freunde besuchten uns beim Fastenbrechen im Ramadan genauso“, sagt Rabiha.

Dieses Jahr wollen die Yassins Heiligabend ruhig verbringen. In der Adventszeit besuchten sie verschiedene Weihnachtsfeste in Ludwigsfelde: Hala hatte im Hort eine Weihnachtsfeier, bei der sich die Kinder festlich verkleideten. Die ganze Familie war auf der Weihnachtsfeier im Klubhaus und mit einer deutschen Freundin beim Weihnachtssingen in der Kirche. „Das alles hat eine sehr schöne Stimmung verbreitet“, sagt Rabiha.

Seit ihrer Flucht aus Syrien vor vier Jahren ist es das erste Mal, dass die Yassins wieder Weihnachtsstimmung erleben. Im türkischen Reyhanlı, wo die Familie zunächst drei Jahre lebte, wurde Weihnachten nicht gefeiert. Im vergangenen Jahr waren die Yassins in Belgien, wo sie kurz Mohammeds Bruder besuchen wollten und dann gegen ihren Willen in einem Asylbewerberheim untergebracht wurden. „Damals hatten wir so viele Sorgen, da habe ich die Festtage gar nicht richtig wahrgenommen“, so Rabiha.

Die Yassins sind vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen und leben seit 45 Wochen in einer Flüchtlingsunterkunft in Ludwigsfelde. Die MAZ begleitet die Familie auf ihrem Weg und berichtet wöchentlich über ihr Leben.

Von Anja Meyer

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