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Weinlese für Frühaufsteher

MAZ macht mit: Weinlese Weinlese für Frühaufsteher

Seit 2006 bewirtschaftet ein Verein in Baruth den Weinberg am Rand der Stadt. MAZ-Reporter Danilo Hafer hat sich mit Gartenschere und Eimer in die Rebstöcke begeben und bei der diesjährigen Weinernte geholfen.

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MAZ-Reporter Danilo Hafer versuchte sich als Helfer bei der Weinlese.

Quelle: G.I.

Baruth. Die Vorstellung, in guter Gesellschaft gemütlich auf einer Sommerterrasse zu sitzen, den Sonnenuntergang zu beobachten und dabei ein oder zwei Gläser eines guten Weins zu trinken, gehört für viele Menschen zum Sinnbild eines guten Lebens oder zumindest eines sinnvoll verbrachten Abends. Auch ich könnte mir das jetzt gut vorstellen.

Weinlese beginnt früh am Tag

Doch stattdessen stehe ich an einem Freitag um acht Uhr morgens auf dem Mühlenberg in Ba­ruth, um bei der Weinlese zu helfen. Viel zu früh, wenn es nach mir geht. Aber die Trauben müssen zu möglichst früher Stunde gelesen werden, erklärt mir Ragna Haseloff vom Institut zur Entwicklung des ländlichen Kulturraums (i-ku), das den Weinberg am Rande von Ba­ruth bewirtschaftet. „Wir müssen so früh anfangen, da die Trauben noch am gleichen Tag zum Winzer gebracht werden müssen“, sagt Ragna Haseloff. Also hielten wir uns auch nicht lange auf und legten sofort los. Denn auf mich und die rund zehn anderen Helfer warteten unzählige Rebstöcke.

Ragna Haseloff zeigt den richtigen Schnitt

Ragna Haseloff zeigt den richtigen Schnitt.

Quelle: G.I.

„Du musst nicht viel beachten, einfach mit der Schere abschneiden und fertig. Es kann alles runter“, erklärt mir Ragna Haseloff. Auch wenn mal ein paar rosinenartige Trauben dabei wären, sei das kein Problem. „Zehn Prozent Edelfäule ist in Ordnung und schadet dem Wein nicht“, sagt sie.

Der Anfang war nicht schwer

Okay. Also einfach alles abschneiden. Kann ja nicht so schwer sein. Ich suche mir eine eigene Reihe, setze die etwas stumpfe Gartenschere an und schneide die erste Traube ab. Behutsam lege ich die Trauben nach und nach in den Eimer. Mit der Zeit werde ich immer schneller. Die einzige Schwierigkeit besteht darin, keine Traube zwischen den vielen großen Blättern zu übersehen und die Trauben auch aus dem Rebstock herauszubekommen. Denn teilweise sind diese etwas in den Draht hinein gewachsen oder haben sich mit anderen Trauben zu einer Riesen-Traube vereinigt, die kaum zu halten ist. Durch die frühe Uhrzeit brannte die Sonne glücklicherweise noch nicht so sehr und es war im Schatten der Bäume, die am Rande des Weinbergs stehen, angenehm kühl. Irgendwann begannen die Trauben dann regelrecht zu funkeln, weil die aufsteigende Sonne durch sie hindurch schien. Ein schöner Anblick, den ich allerdings nicht allzu lange genießen konnte, denn die beiden Eimer waren stets schnell gefüllt.

Unzähligen Male mussten die vollen Eimer den Berg nach oben gebracht werden

Unzähligen Male mussten die vollen Eimer den Berg nach oben gebracht werden.

Quelle: G.I.

Oben auf dem Weinberg steht ein Anhänger mit zwei großen Boxen. Rund 450 Kilogramm passen jeweils in eine der beiden Boxen. Darin werden die Trauben gesammelt. Als ich mit meinen Eimern, von denen jeder gut 15 Kilogramm wiegt, ankomme, merke ich das schon deutlich in den Armen und auch der steile Aufstieg ist nicht ohne. Einen kurzen Moment verschnaufen und den Blick über den Weinberg schweifen lassen. Das genügt. Wieder runter zu den Rebstöcken. Die nächsten eineinhalb Stunden arbeite ich allein vor mich hin. Traube suchen, anfassen, Schere ansetzen und ab in den Eimer. Immer und immer wieder. Ehrlich gesagt habe ich nach gut einer Stunde schon keine Lust mehr, doch das Ende der Rebstockreihen ist nicht mehr weit. In allen Reihen sind jetzt Helfer unterwegs. Jeder nimmt sich immer eine Seite vor, und geht dann von unten nach oben einmal komplett durch. Und so sind wir schon nach knapp zwei Stunden mit der Lese fertig. Gut, denke ich, dann komme ich wieder pünktlich in die Redaktion. Doch ich sollte mich täuschen.

Nach zwei Stunden noch immer kein Ende

„Ging ja doch schneller als gedacht“, sage ich zu einem der anderen Helfer. „Ja, aber das ist ja noch nicht alles gewesen“, antwortet er und legt die Hände in die Hüften. Wie noch nicht alles? Habe ich irgendwas übersehen? Als ich sehe, dass sich die anderen Helfer vom Weinberg entfernen und über einen kleinen Hügel gehen, dämmerte es mir bereits. Ich folge ihnen und sehe schnell was da noch vor uns liegt: Noch einmal die gleiche Fläche. Doch an den Rebstöcken hängen diesmal deutlich mehr Trauben. Und die schlechteste Nachricht: Die Sonne steht nun schon so weit oben, dass weit und breit kein schattiges Plätzchen mehr zu finden ist. Na gut. Da muss ich jetzt durch. Ich ziehe meine Jacke aus und mache weiter.

In großen Boxen wurden die Trauben gesammelt

In großen Boxen wurden die Trauben gesammelt.

Quelle: G.I.

„Hier müssen wir jetzt ganz genau hinschauen“, sagt Horst Heinisch. Auch er ist i-ku-Vereinsmitglied, trägt einen Hut und scheint den Weinberg ganz genau zu kennen. Das Problem: Auf dieser Seite des Weinbergs wurden die Sorten bei der Pflanzung vermischt. Dass heißt, es gibt nicht eine Reihe mit Solaris, die Sorte, die heute gelesen werden soll, und dann wieder Reihen mit anderen Sorten, sondern in jeder Reihe wächst alles durcheinander. Na toll. Jetzt muss ich mir doch noch Gedanken machen. Einfach alles abschneiden geht jetzt nicht mehr. Doch Horst Heinisch geht auf Nummer sicher und markiert einige Reihen. „Bis hierhin ist Solaris, danach bitte nichts mehr abschneiden“, ruft er. Die Firma, die die Rebstöcke damals gepflanzt hatte, sei überfordert gewesen. „Der Herr hatte einen Leihtraktor und Zeitdruck, irgendwann hat er dann einfach nur die Pflanzen in den Boden gehauen, egal, welche Sorte“, erklärt mir Horst Heinisch. Daher müssen jetzt alle bei der Lese etwas genauer hinschauen.

Rebstöcke brauchen Zuwendung

Allerdings fällt mir noch etwas auf. Viele Rebstöcke sind sehr klein und sehen zum Teil vertrocknet aus. „Wir sind einfach zu wenig Leute, um uns wirklich intensiv um den Weinberg kümmern zu können“, sagt Horst Heinisch. Die Rebstöcke sollten zehnmal im Jahr Zuwendung bekommen, erklärt er mir. Tatsächlich schaffen es die Vereinsmitglieder aber nur rund dreimal. Deshalb kann auch Unkraut unter den Rebstöcken wachsen, das den Trauben die Nährstoffe stiehlt.

Die Sorten erkennt man an ihren Blättern

Ich bin ziemlich verunsichert. Ist das jetzt Solaris oder schon Johanniter, eine Sorte, die hier ebenfalls gepflanzt wurde? Ich schaue mich ratlos um. Was schneiden die anderen ab? Hmm. Das hilft mir nicht wirklich. Ich frage noch einmal Ragna Haseloff um Rat. „Der Solaris hat große Blätter und beim Johanniter sind große Einkerbungen zu erkennen, die das Blatt dritteln“, sagt sie. Ich schaue mir jetzt also jedes Mal genau das Blatt an, bevor ich loslege. Sicher ist sicher. Allerdings bin ich nicht gerade ein Experte im Blattlesen. Doch ich bin nicht der einzige, der unsicher ist. Immer wieder fragen Helfer aus den anderen Reihen, um welche Sorte es sich denn nun handle.

Nach drei Stunden schwinden die Kräfte

Inzwischen ist es elf Uhr. Die Sonne leistet ganze Arbeit und die Hände kleben. Denn immer wieder zerplatzt auch mal eine Traube und der Saft legt sich über die Finger. Langsam verlassen mich auch die Kräfte. Es ist warm und das regelmäßige Eimer schleppen ist nicht gerade angenehm. Aber was noch viel schwerer wiegt, ist die schwindende Lust. Es macht nach drei Stunden schlichtweg keinen Spaß mehr, die Trauben von den Rebstöcken zu schneiden. Ich merke auch, wie ich zum Ende hin immer langsamer werde. Da kommt es mir gerade gelegen, dass ich jemanden sage höre: „Wir sind ja gleich durch“. Endlich. Vier Stunden und damit deutlich länger als gedacht, hat es gedauert. „Sonst hatten wir noch einige Helfer mehr und da waren wir natürlich schneller“, berichtet Horst Heinisch. Dennoch ist er zufrieden. Jetzt bleibt für ihn noch eine kurze Pause, bevor er die drei vollen Behälter zu einem Winzer nach Sachsen-Anhalt fährt. Dort werden sie noch am gleichen Tag verarbeitet.

Ein Flasche Wein als Dankeschön

Das Ergebnis erhalten Vereinsmitglieder dann im nächsten Jahr. Ich bekomme schon heute, nach getaner Arbeit eine Flasche der letztjährigen Lese. Diese werde ich mir dann wohl in naher Zukunft, irgendwo auf einer Terrasse genehmigen.

Von Danilo Hafer

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