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Wendezeit bei MTU: Neustart mit Hindernissen

Ludwigsfelde Wendezeit bei MTU: Neustart mit Hindernissen

Kürzlich hat man im MTU-Werk in Ludwigsfelde das 25-jährige Bestehen gefeiert. Zu diesem Anlass hat der Betriebsratsvorsitzende Michael Winkelmann auf die Zeit nach der Wende in dem früher für die NVA tätigen Instandsetzungswerk zurückgeblickt und an den schwierigen Neustart erinnert.

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MTU-Mitarbeiterin Jana Miegel bei der Statormontage eines Flugtriebwerks vom Typ CF34, eines Antriebs für Regionaljets.

Quelle: MTU

Ludwigsfelde. Das MTU-Werk Ludwigsfelde hat vor kurzem sein 25-jähriges Bestehen gefeiert – doch kurz nach der Wende stand die Existenz des Betriebs auf Messers Schneide. Daran erinnerte bei der Jubiläumsfeier der hiesige MTU-Betriebsratsvorsitzende Michael Winkelmann. Er war bei der Feier einer der Redner, neben Werkleiter André Sinanian, Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) und MTU-Vorstandschef Reiner Winkler.

Winkelmann berichtete aus der Zeit nach dem Mauerfall im damaligen Instandhaltungswerk Ludwigsfelde, das vor allem für die NVA arbeitete. Dieses Wissen stehe in keinem Geschichtsbuch und könne deswegen in den nächsten Jahren verloren gehen, so Winkelmann. In den Monaten nach dem 9.November 1989 brach das sozialistische Wirtschaftssystem endgültig in sich zusammen: „Die von Hans Modrow gegründete Treuhandanstalt versuchte alles Mögliche, um vielen Betrieben das Leben zu retten“, sagte Winkelmann. „Jedoch: Der Westen brauchte unsere Betriebe eigentlich nicht und der Ostblock konnte sich nach der Währungsreform unsere Produkte schlichtweg nicht mehr leisten.“

Zunächst Arbeitnehmervertretung statt Betriebsrat

Am 6. April 1990, einem Freitag, sei er gebeten worden, den Vorsitz der Arbeitnehmervertretung zu übernehmen. Einen Betriebsrat gab es noch nicht. „Ich war ein junger Ingenieur und hatte keine Ahnung, was auf mich zukam. Und das war auch gut so.“ Er habe lernen müssen mit der noch sozialistischen Nomenklatura klar zu kommen, Reden zu schreiben und mit Politikern zu verhandeln.

Michael Winkelmann bei seiner viel beachteten Jubiläumsrede

Michael Winkelmann bei seiner viel beachteten Jubiläumsrede.

Quelle: MTU

Am 12. April wurde die frei gewählte DDR-Regierung vereidigt. „Das hieß für uns, der neue Minister für Abrüstung und Verteidigung musste erfahren, dass es einen Instandsetzungsbetrieb für Triebwerke in seinem Ressort gibt, der neue Aufträge benötigte. Denn Rainer Eppelmann wollte unseren größten Arbeitgeber, die NVA, abwickeln“, so Winkelmann. „Also fuhren wir nach Berlin und übergaben ihm in einem Husarenstück unsere Glückwünsche höchstpersönlich.“ Prompt sei die Einladung in die Volkskammer gefolgt, wo er vor dem Abrüstungsausschuss Rede und Antwort stehen musste. „Ich kleines Licht im großen Palast der Republik . . .“ – Winkelmann lachte.

Belegschaft drohte mit Streik

Der damalige Betriebsdirektor Günter Torka, bis 1988 Abteilungsleiter beim ZK der SED, sei rührig gewesen, besuchte führende Luftfahrtunternehmen in der alten Bundesrepublik und nutzte Treuhand-Kontakte. „Mit vollgetanktem Lada und 60 Litern Sprit in Kanistern ging es über die Zonengrenze“, erinnerte sich Winkelmann. „Er schaffte es, dass sich mehrere Firmen für uns interessierten.“ So die KHD Luftfahrttechnik, später BMW/Rolls-Royce, Lufthansa, der französische Triebwerkshersteller Snecma oder MTU, Triebwerkshersteller mit Hauptsitz in Friedrichshafen. „Jetzt wurde uns klar: Wir mussten unbedingt aus dem Kombinatsverbund entlassen werden.“

Der Ludwigsfelder MTU-Geschäftsführer André Sinanian (l)

Der Ludwigsfelder MTU-Geschäftsführer André Sinanian (l.).

Quelle:

Doch Kombinatsdirektor Generalmajor Siegfried Eschke habe die Perle des Kombinats Spezialtechnik Dresden an einen zwielichtigen Investor verscherbeln wollen ohne Rücksicht auf die Belegschaft. Die wollte nicht an einen Glücksritter geraten, der Betriebe kauft und ausschlachtet. „Da wurden die Belegschaft und ich doch etwas grob und drohten mit Streik“, sagte Winkelmann, zumal in der neuen DDR sowieso Wildwest angesagt gewesen sei.

Luftfahrttechnik GmbH Ludwigsfelde gegründet

Der Kombinatschef habe die Drohung der 900 Ludwigsfelder sehr ernst genommen, und so sei an Christi Himmelfahrt, am 24. Mai 1990, die Luftfahrttechnik GmbH Ludwigsfelde (LTL) gegründet worden. „Ob es ein Himmelfahrtskommando würde, konnte kein Mensch voraussagen“, erinnerte sich Winkelmann. Fortan ging es darum, das Image Rüstungsbetrieb los zu werden und Klinken zu putzen. Denn mit Einführung der Westmark am 1. Juli 1990 brach über Nacht das gesamte Ostblock-Geschäft weg. „Das hieß für den Betrieb Kurzarbeit ohne Ende“, so der Redner. Am Vereinigungstag, dem 3. Oktober 1990, wurde die NVA abgewickelt. „Und wir verloren den letzten Auftraggeber“ – Null-Stunden-Kurzarbeit.

Hintergrund

Heute hat das MTU-Werk Ludwigsfelde rund 700 Mitarbeiter.

Das Werk ist spezialisiert auf das Instandsetzen von Luftfahrtantrieben des unteren bis mittleren Schub- und Leistungsbereichs sowie als Kompetenzzentrum des Konzerns auf die Instandsetzung von Industriegasturbinen.

Betreut werden Triebwerke von Pratt & Whitney Canada und die CF34-Familie von General Electric. Außerdem wird das TP400-D6, der Antrieb für den Militärtransporter A400M, dort abschließend getestet.

 

Im Winter 1990/91 wollten BMW/Rolls-Royce und MTU die LTL übernehmen. „Man bot ganze 80 Arbeitsplätze an. Dafür hatten wir nun wirklich nicht gekämpft und gestritten“, erklärte Winkelmann. Dank eines Zufalls konnte er den damaligen IG-Metall-Vorsitzenden Franz Steinkühler sprechen, Mitglied im neu geschaffenen Verwaltungsrat der Treuhand. „Ich konnte ihn überzeugen, dass der Bieter den Zuschlag bekommt, der die meisten Arbeitsplätze erhalten wollte“, so der Betriebsratschef. Dann habe es Gerangel und Machtkämpfe um den Ludwigsfelder Betrieb gegeben: BMW wollte unbedingt den Prüfstand für neu zu entwickelnde Triebwerke, und MTU wollte BMW das Feld nicht kampflos überlassen.

MTU sicherte 350 Arbeitsplätze

Im Februar 1991 erhielt MTU den Zuschlag. Sie übernahm alle 50 Azubis in die Werke in Hannover, Friedrichshafen und München und sicherte 350 Arbeitsplätze. Winkelmann sagte, das hieß aber auch, dass 500 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz unwiederbringlich verloren hatten, 100 waren bereits in die DDR-Altersteilzeit geschickt worden. „Diesen radikalen Personalabbau in der Betriebsversammlung am 6. März ankündigen zu müssen, war eine meiner schwersten Stunden in meinem beruflichen Leben“, sagte Winkelmann.

Der Betriebsrat habe sich für eine Auffanggesellschaft engagiert. „Im April 1991 gelang es mir, in Brandenburg Arbeitsministerin Regine Hildebrandt ansprechen zu können“, erinnerte sich Winkelmann. Mit Hildebrandts Hilfe sei für 200 Kollegen eine mehrjährige Umschulung in zukunftsträchtigen Berufen auf dem MTU-Gelände etabliert worden.

Manfred Stolpe eröffnete das neue MTU-Werk

Ab März 1991 engagierte sich die MTU in der Ludwigsfelder Luftfahrttechnik. „Unser Urgestein Michael Wirt war einer der ersten, der die neue Arbeit kennenlernte. Und von da an ging es dem Betrieb immer ein bisschen besser“, erklärte Winkelmann. Die Kollegen schöpften Zuversicht, obwohl für DDR-Bürger alles neu war. „Alles, was mal was gegolten hatte, war über Nacht nichts mehr wert. Ob Sparkonten, Bildungsabschlüsse oder Eigentumsverhältnisse, die Bürger mussten in wenigen Monaten alles neu lernen und begreifen, wie der Westen so funktionierte.“ Am 2. Juli 1991 eröffnete dann Ministerpräsident Manfred Stolpe das neue MTU-Werk.

Von Jutta Abromeit

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