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Wenn das Geld nicht für die Kinderzeitschrift reicht

MAZ-Serie: Fachgespräch Wenn das Geld nicht für die Kinderzeitschrift reicht

Ramona Helmer ist seit 1994 als Zeitschriftenverkäuferin im Geschäft Eckert im Bahnhof Königs Wusterhausen angestellt. Mittlerweile ist sie die Filialleiterin. Im Fachgespräch verrät sie, wie man an nicht mehr aktuelle Zeitschriften herankommt, was mit den unverkauften Blättern passiert und warum einigen Kindern in ihrem Geschäft die Tränchen kommen.

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Ramona Helmer ist seit 1994 Zeitschriftenverkäuferin bei Eckert im Bahnhof Königs Wusterhausen.

Quelle: Josefine Kühnel

Dahmeland-Fläming. Ramona Helmer (44) arbeitet seit 1994 im Zeitschriftenladen Eckert im Bahnhof Wusterhausen. Obwohl das Geschäft sehr gut besucht ist, nimmt sie sich zwischendurch immer wieder Zeit für die Interviewfragen im MAZ-Fachgespräch.

Welche Zeitschrift haben Sie heute am häufigsten verkauft?

Die „Superillu“. Die kommt immer am Donnerstag raus und da ist der Ansturm dann auch am größten.

Lesen Ihre Kunden noch genauso gerne Zeitschriften wie früher?

Die älteren Kunden kaufen nach wie vor jede Woche ihre Lieblingszeitschrift. Da ist die „Superillu“ das beste Beispiel. Die Jüngeren prüfen da schon eher, ob die Themen in den Zeitschriften sie wirklich interessieren, bevor sie sie kaufen.

Welche Zeitschrift könnten Sie mir denn für meine Großmutter empfehlen?

Diese Frage höre ich hier oft. Nun sind natürlich nicht alle Leute gleich, aber grundsätzlich lesen die Älteren gern Adels-Geschichten, da würde ich zum Beispiel die „Neue Post“ oder „Das neue Blatt“ empfehlen. Wieder andere rätseln lieber, das finde ich auch super, denn das hält den Kopf fit. Die Geschmäcker sind ja auch verschieden, nicht nur altersbezogen, sondern auch von Mann zu Frau.

Kennen Sie denn alle Zeitschriften?

Nein, dafür gibt es einfach zu viele.

Können Ihre Kunden eine alte Ausgabe nachbestellen?

Ja, das geht. Wir können die Ausgaben des aktuellen Jahres bestellen, die sind dann etwa in einer Woche da. Das gilt übrigens auch für Bücher: Wer bei uns bis 17 Uhr eins bestellt, hält es schon am Folgetag in den Händen.

Gibt es die Zeitschriftenladen-Berufskrankheit?

Also da fällt mir jetzt nichts ein. Das lange Stehen ist anfangs vielleicht anstrengend, aber da gewöhnt man sich schnell dran.

Und was passiert mit den Zeitschriften, die nicht gekauft werden?

Die schicken wir an die Verlage zurück. Dort werden sie recycelt. Dafür bekommen wir dann eine Gutschrift.

Gibt es eine Regel, wie lange ein Kunde durch eine Zeitschrift blättern darf?

Das würde mich auch mal interessieren! Die Kunden dürfen sich natürlich ansehen, was so drin steht. Aber spätestens, wenn jemand die Artikel liest, sagen wir dann was. Und was wir auf den Tod nicht ausstehen können, sind Kunden, die einfach ohne zu fragen die Artikel fotografieren.

Apropos Fotos. Gehen Erotikzeitschriften noch gut?

Ja, absolut! Einige legen die Hefte ganz selbstbewusst auf den Tresen und denken sich nichts weiter dabei. Aber andere gucken dabei leicht verschämt zu Boden. Und das ist dann wirklich niedlich. Da weiß ich dann schon Bescheid und packe die Zeitschrift gleich in eine Tüte.

Was mögen Sie an Ihrem Job?

Die Abwechslung. Ich lerne jeden Tag neue Leute kennen. Zum Beispiel meinen Freund.

Ach und was hat der damals gekauft?

Eine Zeitung, eine Schachtel Zigaretten und die blauen Airways-Kaugummis. Mittlerweile raucht er aber nicht mehr.

Haben Sie eine Lieblingszeitschrift?

Ja, die Closer! Da kenne ich dann den neuesten Klatsch und bin immer auf dem Laufenden.

Ihr Kennenlernen klingt fast wie aus einem Romantik-Roman. Die verkaufen Sie hier auch. Gehen die gut?

Das stimmt. Ja, eine Kundin zum Beispiel kauft jede Woche die Cora-Romane für ihre Mutter. Und eine ältere Dame, die weit weg wohnt, fährt ein Mal im Monat mit dem Bus hier her, weil es die Kelter-Heimatromane nur bei uns gibt.

Was ärgert sie so richtig?

Ein Kunde las hier jeden Tag ein Buch und knickte immer die Seite, auf der er mit dem Lesen aufgehört hatte, ein. Das war frech. Am dritten Tag verwiesen wir ihn des Ladens. Was mich eher traurig macht als ärgert, sind Eltern, die mit ihren Kindern herkommen und nicht viel Geld haben. Wenn das nicht für eine Kinderzeitschrift für drei, vier Euro ausreicht und vielleicht noch Tränchen bei den Kleinen fließen, ist das schon sehr traurig.

Das klingt, als würde es Ihnen auch manchmal zu bunt?

Wer hier arbeitet, ist alles: Hundesitter, Babysitter, Gepäckaufbewahrung, Psychologe. Man ist Mädchen für alles, aber ganz klar im positiven Sinne. Das ist manchmal etwas skurril, aber macht umso mehr Spaß. Ein Mal war hier ein junger Mann, der hatte sich das Herz ausgeschüttet, weil er solchen Liebeskummer hatte. Ich denke, unser Gespräch hat ihn aufgebaut. Dafür bringen vor allem Ältere als Dankeschön manchmal eine Tafel Schokolade mit. Da freue ich mich dann immer, dass meine Arbeit anerkannt wird.

Bei Ihnen kann man auch Lotto spielen. Werden ihre Kunden bei großen Jackpots Lotto-verrückt?

Ja, tatsächlich! Da kommen dann auch viele Leute, die noch nie in ihrem Leben Lotto gespielt haben. Und lustigerweise gewinnen dann häufig genau die etwas. Aber eben kleine Preise.

Spielen Sie selbst auch?

Nur, wenn der Jackpot hoch ist. Und auch in einer anderen Filiale, in der eigenen dürfen wir nicht spielen.

Schon mal was gewonnen?

Ja, aber das ist mindestens 20 Jahre her. Da gab’s 100 Mark, über die hatte ich mich gefreut wie ein kleines Kind.

Was passiert, wenn jemand einen großen Gewinn hat?

Gewinne bis zu 499 Euro darf ich im Geschäft auszahlen. Über diesem Betrag läuft die Gewinnvergabe über eine Zentralgewinnanforderung. Der Kunde muss dann seine Kontodaten angeben und bekommt das Geld überwiesen.

Und wenn er das nicht macht?

Nach zwei Jahren verfällt der Gewinnanspruch.

Bekommen Sie auch mal eine Belohnung, wenn jemand etwas gewinnt?

Ab und zu bekomme ich dann einen Euro geschenkt, weil ich den Kunden Glück gebracht habe.

Wenn Sie den Sechser im Lotto gewinnen würden, würden Sie dann weiter im Laden arbeiten?

Ganz ehrlich: Ja! Mir macht der Job einfach zu viel Spaß, um damit aufzuhören. Allerdings nicht in Vollzeit, damit ich etwas mehr Zeit für mich hätte.


Von Josefine Kühnel

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