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Wenn ein Mittag in der Wärme zum Luxus wird

Leben in der Obdachlosenunterkunft Wenn ein Mittag in der Wärme zum Luxus wird

Ein bisschen Würde für vier Euro am Tag: In der Luckenwalder Obdachlosenunterkunft finden Wohnungslose ein Dach über dem Kopf. Oft haben sie schwere Schicksale erlebt. Die Wärme und ein Mittag: Das ist für viele Luxus. Wir haben die Unterkunft besucht und mehr über das Schicksal der Obdachlosen erfahren.

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Ein warmes Bett und frisch gewaschene Kleidung sind Luxus für den Obdachlosen Peter Lese.

Quelle: Anja Meyer (2)

Luckenwalde. Peter Lese hat es sich gemütlich gemacht im Luckenwalder Obdachlosenhaus. Er sitzt am Tisch des karg eingerichteten, knapp 15 Quadratmeter großen Gemeinschaftsraums und raucht eine Zigarette. Dazu hat er Kaffee gekocht und Schokoladenkekse vor sich auf der roten Tischdecke drapiert. Im Fernsehen läuft eine Serie, das Gerät ist hinter den dichten Rauchschwaden kaum zu erkennen. Für Peter Lese ist solch ein Mittag in der Wärme Luxus – am 3. November 2014 musste er seine Wohnung verlassen, der Vermieter hatte Eigenbedarf angemeldet. Seitdem ist er obdachlos.

Das vergangene Jahr verbrachte der 59 Jahre alte Luckenwalder auf der Straße. „Das war kein Leben mehr, das war ein Dahinvegetieren“, sagt der ordentlich rasierte Mann mit den kurz geschnittenen Haaren. Tagsüber fuhr Lese mit dem Fahrrad durch die Stadt oder schlief im Park. Ein Ledermantel spendete gerade so viel Wärme, dass er nicht erfror. Nachts putzte er an einer Tankstelle. So verdiente er sich Kaffee und aufgeplatzte Bockwürste. Und er durfte sich auf der Toilette waschen. „Ich gehe nicht betteln“, sagt er und grinst.

„Du kannst nicht ewig draußen bleiben“

Obwohl Peter Lese auf der Straße lebte, hatte er noch guten Kontakt zu seiner ehemaligen Nachbarin. Sie war es, die irgendwann sagte: „Du kannst nicht ewig draußen bleiben!“ Sie vermittelte Lese Ende des Jahres an Erika Konrad, die bei der Stadt Luckenwalde die Abteilung Wohnen und Soziales leitet. Die Beamtin vergibt Zuweisungen an Obdachlose, mit denen sie temporär im städtischen Obdachlosenhaus unterkommen. Seit Dezember stellt sie Peter Lese wöchentlich eine neue Zuweisung aus, er lebt jetzt in der Unterkunft.

Wie viele Menschen in der Region obdachlos sind, kann keine Behörde genau beziffern, die Daten werden an unterschiedlichen Stellen wie dem Jobcenter oder Hilfseinrichtungen gesammelt. Im Land Brandenburg sind Kommunen dazu verpflichtet, Wohnungslosen vorübergehend eine Unterkunft zu stellen. Laut Erika Konrad ist Obdachlosigkeit in Luckenwalde kein großes Thema. Die seit 1995 bestehende Einrichtung in der Schützenstraße hält 18 Betten für Männer und vier für Frauen bereit. „Das Haus ist nie voll ausgelastet“, sagt sie. Ein paar Menschen sind jedoch immer da.

Sucht, Arbeitslosigkeit, gescheiterte Beziehungen

Ein Mann, in Erika Konrads Unterlagen ist er als „sehr debiler Alkoholiker“ verzeichnet, lebt seit den 1990er Jahren im Haus. Er wurde siebenmal zwangsgeräumt, die Übernachtungspauschale von vier Euro übernimmt das Jobcenter für ihn. Manche Bewohner zahlen sie selbst. Wer einmal auf der Straße gelandet ist, findet so schnell keine neue Wohnung, sagt Erika Konrad. „Welcher Vermieter nimmt einen, der zwangsgeräumt wurde?“, fragt sie und die Antwort schwingt in ihrem Ton mit: keiner. Erika Konrad ist seit 2005 für die Unterkunft zuständig und hat viele Schicksale kennengelernt. Die Gründe für den Verlust der Wohnung seien vor allem Sucht, Arbeitslosigkeit und gescheiterte Beziehungen, erzählt sie.

Peter Lese (l) und Michél Schütt beim gemeinsamen Kaffeetrinken

Peter Lese (l.) und Michél Schütt beim gemeinsamen Kaffeetrinken.

Quelle: Meyer

Das bestätigt auch Marion Meisel. Sie ist Sozialarbeiterin beim Diakonischen Werk Teltow-Fläming und vertritt die Hauswartin der Obdachlosenunterkunft. Marion Meisels Büro liegt im Erdgeschoss des von außen unscheinbar wirkenden Hauses mit den schmalen Fluren. Bei ihr müssen sich die Bewohner mit der Zuweisung melden, dann teilt sie ihnen ein Bett zu.

Marion Meisel ist froh, dass an diesem Vormittag wieder Ruhe im Haus eingekehrt ist. In der Nacht hatte dort ein psychisch kranker Mittzwanziger übernachtet, der aus einer psychiatrischen Einrichtung in Jänickendorf geflogen ist. Er wollte zu seiner Bewährungshelferin in Luckenwalde. Weil die noch im Urlaub war, musste die Stadt ihn unterbringen. „Der Mann war sehr aggressiv, wir konnten ihn nicht hierbehalten“, sagt Meisel. Aggressives Verhalten ist ein Problem, mit dem sie im Haus hin und wieder zu tun hat.

Wer stänkert. muss erst einmal gehen

„Wer herumstänkert, muss tagsüber draußen bleiben und darf erst am späten Nachmittag wiederkommen“, erklärt sie die Regeln. Alkohol sei in der Unterkunft tabu. Wer besoffen ankomme und ruhig sei, dürfe aber bleiben. „Hier in Luckenwalde sind die Regeln lockerer als in Berlin“, sagt Meisel. Dort müssten alle die Unterkunft am Tag verlassen. Marion Meisel ist ein respektvoller Umgang mit den Bewohnern wichtig. Das bekomme sie auch zurück. Heute hat Peter Lese sie sogar mit einer Blume überrascht – als Dankeschön für ihr Engagement.

Peter Lese ist in der Obdachlosenunterkunft beliebt. „Wer mich gut behandelt, zu dem bin ich auch nett“, sagt er. So nett, dass sogar Michél Schütt freiwillig noch einmal einen Fuß in das Obdachlosenhaus setzt, das ihm während seines dreimonatigen Aufenthaltes so verhasst war. Schütt ist trockener Alkoholiker, er hat seine Wohnung während eines Klinikaufenthaltes nach einem Rückfall verloren. Seit einem Monat hat er eine kleine Wohnung – der 39-Jährige ist nur vorbeigekommen, um Peter Lese zu besuchen.

„Ich hatte endlich jemanden zum Reden“

„Die erste Woche hier war der absolute Absturz“, erinnert sich Schütt. Alles war dreckig, ein Messie hatte die gesamte Küche zugemüllt. So sehr, dass ein Entrümplungsdienst kommen musste. „Als Peter einzog, hatte ich endlich jemanden zum Reden“, sagt er. Die beiden haben täglich zusammen gekocht. „Ich habe 20 Kilo zugenommen“, erzählt Lese. „Bei mir waren es neun“, sagt Schütt.

Michél Schütt war jeden Tag damit beschäftigt, eine Wohnung zu finden. „Ich wollte hier unbedingt raus.“ In der Unterkunft konnten ihn auch die beiden kleinen Töchter nicht besuchen. Mit Hilfe von Erika Konrads Tipps zur Wohnungssuche hat er es geschafft. Im Nachhinein sagt er, dass ihn die Zeit im Obdachlosenhaus verändert hat. „Ich habe dadurch gelernt, die kleinen Dinge im Leben viel mehr zu schätzen.“

Peter Lese ist auch auf Wohnungssuche. Noch hat er keine günstige gefunden, aber er hat es ohnehin nicht eilig. „Bis es so weit ist, bleibe ich hier und spare mir meine kleine Rente für neue Möbel zusammen.“

Von Anja Meyer

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