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Wie eine Prostituierte der Sexsklaverei entkam

Junge Rumänin erzählt Wie eine Prostituierte der Sexsklaverei entkam

Elviras Leidensgeschichte beginnt mit Verheißungen von Liebe, Familie und einem besseren Leben in Deutschland. Stattdessen wird die junge Rumänin jahrelang von einer skrupellosen Zuhälterin in Knechtschaft gehalten. Der MAZ hat die junge Frau ihre bewegte Lebensgeschichte erzählt.

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Oft werden die jungen Frauen mit Drohungen gefügig gemacht.

Quelle: Foto: dpa

Dahmeland-Fläming. Die Angst zu überwinden, das war wohl der schwierigste Schritt bei Elviras Selbstbefreiung aus der Knechtschaft. Würden ihre Peiniger die Drohungen wahr machen? Ihr und ihrer Familie in Rumänien Gewalt antun? Heute weiß die schöne junge Frau, dass sie vor eineinhalb Jahren die richtige Entscheidung traf, als sie zur Polizei ging und alles erzählte.

Elvira existiert wirklich, aber ihr Name und ihre biografischen Details müssen im Dunkeln bleiben. Der Prozess gegen die Menschen, die sie jahrelang festhielten, zur Prostitution zwangen und misshandelten, läuft noch. Niemand darf erfahren, wer sie wirklich ist und wo sie jetzt lebt.

Ein Mann schwärmte von Deutschland – Elvira fiel drauf rein

Elviras Leidensweg begann mit Verheißungen von Liebe, Familie und einem besseren Leben in Deutschland. Sie war noch nicht volljährig, als sie in ihrer rumänischen Kleinstadt einen Mann kennenlernte, der ihr all das versprach. Seine Schwester wohne in Deutschland, verdiene dort gutes Geld als Putzfrau und mit Jobs in der Gastronomie. Elvira solle zu ihr gehen, er selbst werde bald nachkommen. Doch die vermeintliche Schwester entpuppte sich schon bald nach Elviras Ankunft als skrupellose Zuhälterin.

„Am Anfang war noch alles in Ordnung, wir haben uns gut verstanden und abends zusammen gegessen“, erzählt Elvira bei einem Treffen in den Räumen des In-Via-Vereins in Königs Wusterhausen. Der katholische Frauenverein, finanziert vom Brandenburgischen Innenministerium, hilft Frauen wie Elvira beim Ausstieg aus der Prostitution, beim Umgang mit den Behörden, sucht Anwälte oder Schuldnerberater, leistet medizinische Betreuung oder hilft bei der Rückreise ins Heimatland. Aber das ist für Elvira vorerst keine Option: „Diese Leute gehören ins Gefängnis und ich will mit meiner Aussage helfen, dass sie bestraft werden.“

Sie wurde isoliert, sollte nichts mit anderen zu tun haben

Sechs Jahre lang wurde Elvira festgehalten und verdiente mit ihrer Sexarbeit den Lebensunterhalt für Zuhälterin, deren Mann und deren Tochter. „Irgendwann fing sie an, mir abends mein ganzes Geld abzunehmen, nur fünf Euro durfte ich behalten“, sagt Elvira. Sie wurde isoliert, sollte nichts mit anderen zu tun haben. Ihre Papiere nahm die Frau ihr ab, freie Tage oder Urlaub gab es nicht, während ihre Zuhälter-Familie sich mit Elviras Geld ein schönes Leben machte. Aber das Schlimmste für die junge Frau war, dass sie ihre Mutter nicht mehr sehen und sprechen durfte.

„Einmal war meine Mutter zu Besuch, ganz am Anfang“, sagt Elvira. „Aber ich konnte ihr nichts erzählen, die Frau war die ganze Zeit dabei.“ Es war das letzte Mal, dass Elvira ihre Mutter sah. Die ist inzwischen verschollen, niemand weiß, was aus ihr geworden ist. Elvira kommen Tränen, wenn sie darüber spricht.

Sie durfte keinen Arzt besuchen

Das Leben mit ihren Peinigern verschlimmerte sich. Ihre Zuhälterin wurde immer aggressiver, machte aus jeder Kleinigkeit einen Anlass für Streit und Schläge. 16 Stunden Sexarbeit jeden Tag, „zu Hause“ musste sie auf dem Boden schlafen, einen Arzt durfte sie nicht besuchen.

Elvira war fertig, aber aus Angst vor den Drohungen hielt sie still. Sie wisse ja nicht, mit wem sie es zu tun habe, man werde sie mit Chlor verätzen, sie und ihre Familie umbringen, hieß es. „Aber irgendwann dachte ich, so kann es nicht weitergehen. Ich riskiere es, auch wenn sie mich umbringen“, sagt Elvira. Sie wandte sich an die Betreiber des Bordells, in dem sie arbeitete. Bei der Polizei packte sie schließlich aus.

Frauen werden oft mit psychischer Gewalt gezwungen

„Elviras Geschichte ist keine Ausnahme“, sagt Sarah Michel, Elviras sozialpädagogische Betreuerin bei In Via. „Bei vielen Frauen und Mädchen fängt es mit einer Liebesgeschichte an, irgendwann verschwimmt die Grenze zwischen Freund und Zuhälter.“ Loverboy nennt sich die Methode, junge Männer bringen Frauen und Mädchen dazu, sich in sie zu verlieben. Dann werden sie anschaffen geschickt. Und das funktioniert nicht nur in den vergessenen Gegenden Europas, die meisten Klientinnen von In Via stammen aus Deutschland. „Aber es stehen nicht immer mafiöse Strukturen hinter der Ausbeutung. Solche Drohungen werden zwar häufig ausgesprochen, aber nur selten umgesetzt“, sagt Sarah Michel. Viel häufiger sei dagegen die psychische Gewalt gegen die Frauen: „Das ist einfacher, wirksamer und hinterlässt keine körperlichen Spuren“, erklärt die Betreuerin.

Elvira will nun ein neues Leben beginnen

Elvira hat inzwischen wieder Mut gefasst, die Chancen stehen nicht schlecht, dass ihre Peiniger verurteilt werden – dank ihrer detaillierten Aussage. „Ich fühle mich wie ein neuer Mensch und bin ja auch noch jung,“ sagt Elvira. Seit zwei Monaten besucht sie einen Deutschkurs, neue Papiere von der rumänischen Botschaft hat sie schon. Demnächst will sie die Schule nachholen, dann eine Ausbildung anfangen, gern etwas mit Computern. Vielleicht klappt es ja auch mit dem guten Mann und der Familie. Noch arbeitet Elvira als Prostituierte, aber sie tut es selbstbestimmt und kann ihr Geld behalten. Sie hat Freunde und führt ein normales Leben. „Und vor diesen Leuten habe ich keine Angst mehr.“

Von Martin Küper

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