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Wiedergeburt eines hässlichen Autos

Ludwigsfelde Wiedergeburt eines hässlichen Autos

Viele Autowerker sind noch heute froh, dass der hässliche L60-Prototyp nie Nachfolger des legendären W50 wurde. Doch Männer aus dem IFA-Versuch und dem Musterbau taten alles, das Fahrzeug zu finden und zu restaurieren. Heute glänzt es wie noch nie und steht wieder in Ludwigsfelde.

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In der Vereinswerkstatt bauten zum Teil die Männer das Fahrzeugwrack wieder auf, die es 1978 erstmals zusammengesetzt hatten; rechts vorn Bernd Franke, der ehemalige IFA-Versuchsleiter.

Quelle: Jutta Abromeit

Ludwigsfelde. Wer denkt, aus Ludwigsfelde können keine neuen Fahrzeuggeschichten mehr kommen, der irrt: Die Männer vom Verein Freunde der Industriegeschichte Ludwigsfelde (FIL) entdeckten einen verloren geglaubten L-60-Prototypen wieder. Es ist die hässliche, nie produzierte Variante vom Nachfolger der Lkw-Legende W50, wie sie 1978 mal aussehen sollte. Die Entdeckung erfolgte 2007 im Internet. Da stand der „F225“, wie die Autowerker das Fertigungsmuster nennen, bei einem Gebrauchtwagenhändler in Russland.

Manfred Blumenthal am „F225“, wie er jetzt glänzend im Stadt- und Technikmuseum steht

Manfred Blumenthal am „F225“, wie er jetzt glänzend im Stadt- und Technikmuseum steht.

Quelle: Jutta Abromeit

Fahrzeughersteller beginnen beim Serienstart eines Fahrzeugs mit der Entwicklung des nächsten. Das war auch in der DDR so. Nach dem ersten W50 aus Ludwigsfelde im Juli 1965 wurde ab Anfang der 1970er Jahre stufenweise der Nachfolger entwickelt. Mit einem „L“ als Anfangsbuchstaben für den Produktionsstandort Ludwigsfelde. Arbeitstitel L515 – fünf Tonnen Nutzlast, 150 PS starker Motor. Viele sind froh, dass er nicht in Serie ging. Das hat wenig mit seiner damals technisch guten Ausstattung zu tun, sondern mit seinem Aussehen. „Unmöglich“, nennt FIL-Vereinsmitglied Manfred Blumenthal das kastenförmige Fahrerhaus aus der Hand eines renommierten Designers.

Fast alle Prototypen wurden verschrottet

1978 war der Fünftonner serienreif, 28 Prototypen wurden gebaut. Vom Fertigungsmuster 225 gab es bereits die Werbefotos für den Verkauf. Doch seine Hässlichkeit kostete ihn offenbar „das Leben“. Die L-60-alt-Prototypen wurden verschrottet. „Bis auf den letzten“, sagt Blumenthal. Den F225 durften die Ingenieure der Versuchsabteilung mit Duldung von Kombinatsdirektor und Werkleiter Lothar Heinzmann in eine angemietete Scheune stellen, zu anderen nicht produzierte Fahrzeugen sowie Motorrollern und einen Geländewagen P3 aus dem Autowerk-Vorgänger IWL. Die Männer hofften schon damals auf ein Werksmuseum.

Der Zustand von 2008

Der Zustand von 2008

Quelle: Verein FIL

„Mit der Wende konnte die Scheune nicht mehr bezahlt werden“, erzählt Manfred Blumenthal. Die Scheunenbesitzer verkauften die Fahrzeuge: „Kleine Roller konnten wir retten. Und ein Verwerter sorgte dafür, dass vier Lkws nicht verschrottet wurden, darunter der F225.“ Als die Lkws im Freilandmuseum am Flugplatz Cottbus abgestellt werden, fehlt der F225. „Es hieß, ein Russe hätte ihn gekauft“, sagt Blumenthal.

Zoll machte Probleme

Akribisch, wie sie alles tun, suchen die Männer vom FIL, doch „ihr“ Fahrzeug finden sie nicht. Ihre Suche spricht sich in Fachkreisen rum. 2007 kommt der Tipp aus Dresden, mal auf die Seite eines russischen Gebrauchtwagenhändlers zu schauen. Sie tun’s. Und es war der F225. „Was dann losging, kann man sich kaum vorstellen“, sagt Blumenthal. Über den Moskauer Sohn eines Freundes versuchen die FIL-Männer die Kaufkonditionen zu erfahren, um als Deutsche nicht unnötig draufzuzahlen. 300 000  Kilometer soll das Fahrzeug in Kasachstan unterwegs gewesen sein. „Aber bestätigt ist das nicht“, so Blumenthal. Dann wollen sowohl der russische als auch der deutsche Zoll das Auto nicht als „Kulturgut“ akzeptieren, was weit preiswerter ist. Doch die Ludwigsfelder schaffen es: Am 3. März 2008 rollt das Wrack nach der Fährfahrt bis Kiel per Trailer bis Ludwigsfelde. In mehr als 4000 Werkstattstunden wird daraus wieder der F225.

Teils original, teils neu

„Zum Teil haben dieselben Leute, die ihn 1978 im Musterbau aufgebaut hatten, jetzt wieder in den Händen gehabt“, erzählt Manfred Blumenthal. „Jörg Lange zum Beispiel fertigte mit unendlicher Geduld Hilfswerkzeuge neu an, um die Stoßstange wieder herzustellen“. Original sind noch Motor, Getriebe, Achsen, Rahmen und Fahrerhausteile, neu sind Grundrahmen, Innenausstattung, Kabel, Schläuche, Brems- und Luftleitungen sowie Bremsventile. Geholfen haben Betriebe aus der Nachbarschaft im Industriepark oder Kollegen aus dem Ex-Motorenwerk Nordhausen. Nun glänzt der rote Lack mehr als bei der ersten Geburt: „Die Farbe stimmt, aber solchen Lack hatte die DDR nicht“, Blumenthal lacht.

Wer die ganze wundersame Geschichte des F225 hören will, hat nächste Woche Gelegenheit: Am Freitag, dem 18. November, geht es ab 18 Uhr im Stadt- und Technikmuseum Ludwigsfelde einen ganzen Abend lang um dieses Fahrzeug und die Männer vom Verein FIL, die es fanden und neu aufbauten. Selbst aus Koblenz sind bereits Fahrzeugfreaks angemeldet.

Von Jutta Abromeit

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