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„Wir brauchen den Glauben an ein Jenseits“

MAZ-Serie „Religion in der Region“ „Wir brauchen den Glauben an ein Jenseits“

Als der Mensch im Laufe seiner Entwicklung begann, für die Zukunft zu planen, wurde er sich seiner Sterblichkeit bewusst und stürzte in eine Sinnkrise. Im MAZ-Interview erklärt der Hirnforscher Robert-Benjamin Illing, wie sich aus dieser Erfahrung das Bedürfnis nach einem Jenseits entwickelte – und warum Menschen auch in modernen Zeiten noch an einen Gott glauben wollen.

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Der Hirnforscher Robert-Benjamin Illing.

Quelle: Privat

Dahmeland-Fläming. Robert-Benjamin Illing (62) ist Professor für Neurobiologie an der Universität Freiburg. Der bekannte Wissenschaftler hat sich mit der Entstehung von Religiosität im Laufe der Evolution beschäftigt und gibt Vorlesungen zur Philosophie der Hirnwissenschaften.

Was passiert im Gehirn religiöser Menschen, wenn sie beten, meditieren oder gemeinsam singen?

Robert-Benjamin Illing: Man darf sich nicht vorstellen, dass wir im Gehirn ein Zentrum für Religiosität hätten. Bei solch komplexen Handlungen spielen immer ganz verschiedene Hirnareale zusammen, sprachliche, emotionale und visuelle Aspekte spielen eine Rolle. Es gibt bei bestimmten religiösen Handlungen tatsächlich ein Belohnungsprinzip, das aber auch dann aktiv ist, wenn wir uns glücklich fühlen oder das Bild eines geliebten Menschen anschauen. Andererseits werden religiöse Handlungen auch aus Sorge vollzogen, dann ist auch kein Belohnungsareal im Gehirn aktiv.

Ist Religiosität von Vorteil für den Einzelnen?

Illing: Ja, unbedingt, wenn wir die kognitive Evolution des Menschen betrachten. Irgendwann vor vermutlich über 50 000 Jahren begann der Mensch, sich Gedanken über die Zukunft zu machen. Das zeigen Grabbeigaben und andere Funde. Wenn ich ein Werkzeug baue oder ein Feld bestelle, plane ich ja für eine Zukunft, die anders sein soll als meine Gegenwart. Diese Entwicklung von einem zyklischen zu einem linearen Zeitverständnis führte jedoch gleichzeitig zur Entdeckung der eigenen Sterblichkeit. Wenn ich anfange, mein Leben in die Zukunft zu projizieren, dann erkenne ich meine Endlichkeit.

Da kann der Glaube an ein Weiterleben im Jenseits dann sehr tröstlich sein.

Illing: Genau, nachdem wir in eine katastrophale Sinnkrise geraten sind: Wofür mache ich das alles, wenn eines Tages ohnehin alles vorbei ist? Der Eindruck der Sinnlosigkeit muss ein dramatischer Demotivator gewesen sein. Eine Weile konnte sich der Mensch vielleicht mit den Reflexen der Jungenaufzucht retten, aber wie soll man auf Dauer umgehen mit einer Angst, vor der man nicht weglaufen, vor der man sich nicht verstecken und die man nicht im Kampf besiegen kann?

Aber diese Angst ist ja heute genauso in den Menschen vorhanden, trotzdem hat die Religiosität zumindest in Europa stark abgenommen.

Illing: Die Hoffnung, dass eine transzendente Instanz, ein Gott, angesichts der ganzen drohenden Sinnlosigkeit letzten Endes doch für Sinn und Gerechtigkeit sorgt, diesen Ausweg haben wir immer noch. Religion ist meines Erachtens noch immer das dominierende Modell, aber es gibt natürlich Ersatzmodelle. Wir können versuchen, das Gefühl der Sinnlosigkeit durch Konsum, esoterische Vorstellungen, Ideologien oder unseren Fußballverein zu überspielen. Das alles sind kleine Ersatzhandlungen. Es geht schließlich immer darum, diesem Gefühl nicht nachzugeben und unseren Lebenswillen nicht zu verlieren. Ich bezweifle allerdings, dass diese Modelle über Generationen hinweg tragfähig sind.

Ist Religiosität eine Frage der Veranlagung oder kann man sie erlernen?

Illing: Das Bedürfnis nach Transzendenz – so meine These – muss angeboren sein. Wenn wir die Idee eines Göttlichen nicht fassen könnten, wären wir der Sinnkrise ausgeliefert, unsere Lebensfähigkeit würde unterhöhlt. Wir brauchen den Glauben an ein irgendwie geartetes Jenseits und eine höhere Instanz. Ich denke, das ist die Wurzel aller Religionen, von den Naturreligionen bis zu den monotheistischen Religionen, die es weltweit seit Jahrtausenden gibt.

Da werden jetzt einige Leute sagen, tut mir leid, aber bei mir bringt Gott leider nichts zum Schwingen.

Illing: Dann fragen Sie diese Menschen einmal, was sie sich für morgen erhoffen, für sich und ihre Kinder. Im Judentum etwa ist der Glaube ganz wesentlich, dass man in seinen Kindern weiterlebt und so eine Art Unsterblichkeit erreicht. Das ist doch ein legitimer Gedanke, der das Bedürfnis nach einer Existenz über den eigenen Tod hinaus befriedigt und dem Leben einen Sinn gibt. Sofern man sich selbst davon überzeugen kann, das ist ja immer eine individuelle Entscheidung.

Wie halten Sie es selbst mit dem Glauben?

Illing: Ich würde mich nicht als Atheisten bezeichnen, da ich weiß und spüre, wie wichtig die Dimension des Transzendenten für uns Menschen ist. Mit dem Begriff Gott kann ich allerdings nur in einem abstrakten Sinne etwas anfangen, aber das ist viel mehr als nichts und hilft mir, Lebensfreude und Lust auf Zukunft zu finden.


Von Martin Küper

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