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„Wir haben allen Grund, stolz zu sein“

Ein Jahr nach der Grenzöffnung „Wir haben allen Grund, stolz zu sein“

Kirsten Gurske hat sich als Sozialdezernentin von Teltow-Fläming im vergangenen Jahr um kaum etwas anderes kümmern können als die Unterbringung und die Integration von Flüchtlingen. Gemeinsam mit dem Flüchtlingskoordinator Christian Rettig zieht sie im MAZ-Interview eine Zwischenbilanz – und die fällt positiv aus.

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Kirsten Gurske und Christian Rettig.

Quelle: Oliver Fischer

Luckenwalde. Kirsten Gurske (Linke) ist als Sozialdezernentin die zentrale Ansprechpartnerin für Flüchtlingsfragen in Teltow-Fläming. Gemeinsam mit dem Flüchtlingskoordinator Christian Rettig zieht sie Bilanz.

Frau Gurske, vor einem Jahr hat die Flüchtlingskrise mit der Grenzöffnung ihren Höhepunkt erreicht. Wie haben Sie die Situation erlebt?

Kirsten Gurske: Es gab damals Zeiten, da bin ich mit Gedanken an Flüchtlinge eingeschlafen und morgens wieder damit aufgewacht. Es gab auch Phasen, in denen ich Sorge hatte, dass wir als Landkreis diese riesige Aufgabe nicht schaffen. Aber wir haben sie in kleine Portionen aufgeteilt und uns nicht verrückt machen lassen.

Wie viele Flüchlinge kommen aktuell in den Landkreis?

Gurske: Ganz wenige, zuletzt gerade eine Familie. Der Druck ist raus. Wir können uns auf die Integration konzentrieren.

Stephan Loge, Landrat von Dahme-Spreewald, hat in diesem Zusammenhang von einer Herausforderung gesprochen, „die mit den zur Verfügung stehenden Mitteln kaum gelingen“ könne. Wie sehen Sie das?

Gurske: Optimistischer. Wenn man die Aufgabe in kleine Schritte zerlegt, ist es ein gangbarer Prozess. Nehmen wir den Arbeitsmarkt. Wir haben Firmen, die Fachkräfte suchen. Natürlich muss der Flüchtling dafür Deutsch sprechen. Das kann er aber in Kursen lernen.

Von den rund 1800 Menschen, die derzeit in den Unterkünften im Landkreis leben, sind aber erst ein Drittel anerkannt. Die anderen haben kein Recht auf Kurse.

Gurske: Das ist so nicht richtig. Auch Flüchtlinge mit ungewisser Perspektive dürfen arbeiten und können Kurse an der Volkshochschule belegen. Wir haben zudem viele Ehrenamtler, die guten Unterricht anbieten. Wer integrationswillig ist, der wird diese Möglichkeiten auch finden. Ich will es aber auch nicht schön reden. Die Flüchtlinge stehen unter einem enormen psychischen Druck, und sie empfinden es auch als Ungerechtigkeit, wenn zwischen Flüchtlingen mit guter und schlechter Bleibeperspektive unterschieden wird. Das ist auch für die Sozialarbeiter schwer zu vermitteln. Aber das gehört zur Herausforderung dazu. Wir müssen die Mühen der Ebene bewältigen.

Wie gut sprechen die Flüchtlinge, mit denen Sie in Kontakt kommen, schon Deutsch, Herr Rettig?

Christian Rettig: Mit den Kindern und Jugendlichen, die vor einem Dreivierteljahr gekommen sind, kann man sich praktisch normal unterhalten. Sie übernehmen inzwischen für ihre Eltern oft Dolmetscheraufgaben. Die Eltern verstehen viel, aber das Sprechen fällt ihnen merklich schwerer.

Wie ist nach einem Jahr die Stimmung in den Unterkünften?

Gurske: Das kann man nicht verallgemeinern. Natürlich nimmt die Lagermüdigkeit zu. Anderseits beobachten wir auch eine Entspannung, weil die Heime nicht mehr so eng belegt sind. Wir bekommen aber auch immer wieder Signale, dass sich Flüchtlinge mehr Kontakt zur Bevölkerung wünschen, und dass sie ihre Situation als psychisch belastend empfinden. Unsere Möglichkeiten, bei solchen Problemen zu helfen, sind gering. Da wird viel vom Ehrenamt aufgefangen.

Beobachten Sie Ermüdungserscheinungen bei ehrenamtlichen Initiativen?

Rettig: Nein. In den meisten Helferkreisen gibt es einen harten Kern. Die Gruppen funktionieren aber ganz unterschiedlich. Es gibt feste Gruppen wie in Jüterbog, es gibt aber auch Gruppen, die loser organisiert sind. Da werden dann über Facebook Umzugshilfen gesucht, und jemand meldet sich, der ansonsten vielleicht gar nicht stark eingebunden ist. Gerade jüngere Leute nehmen diese Art der Organisation eher an. Aber natürlich gibt es auch Frustrationspunkte.

Welche?

Gurske: Wenn sich Helfer um eine Wohnung bemüht haben und der Flüchtling sagt dann: „Vierte Etage? Nein danke!“ Oder man hat sich monatelang um eine Familie gekümmert, und die zieht dann nach Essen. Das ist dann fast wie Liebeskummer. Es gibt für die Helfer auch vereinzelt Fortbildungen, wo sie lernen, damit umzugehen. Da wird auch über Unterschiede in der Mentalität gesprochen. Gastfreundschaft wird im arabischen Raum anders gehandhabt als hier. Es ist dort selbstverständlich, dass man Fremde bewirtet, ihnen hilft und ein Bett anbietet. Gerade weil Hilfe so selbstverständlich ist, kann es sein, dass der Dank nicht so ausfällt, wie die Helfer das angemessen fänden.

Vier Wochen Fasten im Ramadan sind aber gesellschaftlich auch gewöhnungsbedürftig.

Rettig: (lacht) Interessant wurde für uns eher die Frage, wie viele Tage man den Kindern nach dem abschließenden Fest schulfrei gibt. Das wird in den arabischen Ländern unterschiedlich gehandhabt.

Gurske: Verständnis ist wichtig, aber ich bin aber auch kein Freund davon, dass man sich immer nach den Gepflogenheiten in den Herkunftsländern richtet. Wir hatten viele Diskussionen darüber, ob man in den Unterkünften Hocktoiletten einbauen sollte. Ich finde das unnötig. Wenn die Flüchtlinge in eine Wohnung ziehen, haben sie auch keine Hocktoilette.

Wie viele Flüchtlinge sind bereits aus Unterkünften in eigenen Wohnraum gezogen?

Gurske: Das lässt sich schlecht sagen, weil sie dann nicht mehr in unsere Zuständigkeit fallen oder vielleicht auch den Landkreis verlassen haben. Derzeit leben in den Unterkünften 420 Menschen, die anerkannt sind und eine eigene Wohnung haben könnten.

Gibt es so viele Wohnungen im Landkreis?

Gurske: Grundsätzlich ja. Der korrespondiert nur nicht mit den Arbeitsstätten und dem Wunsch der meisten Flüchtlinge, in der Nähe ihrer Heime zu bleiben. Wenn ich 500 Menschen in Blankenfelde-Mahlow untergebracht habe, werde ich dort nicht für alle auch Wohnungen finden. Die gibt es vielleicht in Zossen, Wünsdorf oder im Süden des Landkreises. Man muss also Gespräche führen und Erwartungen dämpfen.

Rettig: Man darf auch nicht vergessen, dass die Leute ja in der Regel Hartz IV beziehen. Manche Wohnungen sind dafür zu teuer.

Bei den Einwohnerversammlungen im vorigen Jahr haben Anwohner viele Ängste geäußert. Es ging häufig um Sicherheit und um Müll. Was davon hat sich bewahrheitet?

Gurske: Wir haben mit der Landrätin alle Unterkünfte bereist und dabei auch mit Nachbarn gesprochen. Das Feedback war grundsätzlich positiv. Ich will nicht behaupten, dass aller Frust weg ist und immer alles zur Zufriedenheit läuft. In Hennickendorf haben sich Bürger über die Unordnung rund ums Heim beklagt. Das haben wir in den Griff bekommen. Aber in Mellensee beispielsweise gab es anfangs auch laute Stimmen, dass man auf keinen Fall Balkanflüchtlinge wolle. Wochen später saßen Leute aus dem Ort beim Bürgermeister und wollten unbedingt die Abschiebung genau dieser Balkanflüchtlinge verhindern. Sie hatten sie kennengelernt. Das ändert vieles. Natürlich gibt es auch Kleinkriminalität in Supermärkten und Probleme mit Alkohol. Aber nicht in dem Umfang, den viele befürchtet hatten.

Wie gehen die Flüchtlinge mit den Unterkünften um?

Gurske : Der Verschleiß in den Gemeinschaftsräumen ist hoch, aber das hat etwas mit den Standards und der Vielzahl der Menschen in den Unterkünften zu tun. Je mehr Personen sich eine Küche teilen, desto schneller nutzt sie sich ab. Aber es ist auch Aufklärungsarbeit zu leisten. Viele trocknen Wäsche auf den Zimmern, lüften aber nicht. Darauf müssen wir immer wieder freundlich hinweisen.

Rettig: Genau wie auf den Wasserverbrauch oder die Kosten für die Heizung. Wir haben zahlreiche Handzettel in den Heimen liegen, die geben Hinweise. von der Mülltrennung bis zur Klobenutzung.

Im vorigen Jahr gingen viele davon aus, dass die Flüchtlinge nicht in Brandenburg bleiben wollen und werden. Ist dem tatsächlich so?

Gurske: Das glaube ich nicht. Wir wissen zwar von vielen, dass sie lieber in die westdeutschen Großstädte wollen. Aber im Leben geht es für uns alle häufig nicht nach den Wünschen. Und mit neuen Gesetzen ist das Weggehen auch deutlich schwerer.

Rettig: Viele haben inzwischen auch die Vorteile von Brandenburg erkannt. Sie wissen, dass sie in Luckenwalde oder Jüterbog leichter Wohnungen finden, dass sie von dort aber auch innerhalb einer halben Stunde in Berlin sind. Die große Landflucht können wir jedenfalls nicht feststellen.

Kann man zusammenfassend sagen, dass Sie mit dem Stand der Integration bisher zufrieden sind?

Gurske: Ja. Angesichts der Herausforderung, vor der wir vor einem Jahr gestanden haben, haben wir allen Grund, stolz zu sein.


Von Oliver Fischer

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