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"Wir werden die letzten Wochen genießen"

Interview zur Schließung des Jüterboger Jugendhauses "Wir werden die letzten Wochen genießen"

Nach 20 Jahren schließt das Freizeitzentrum „Full House“ Jüterbog. Einrichtungsleiterin Jessica Reuter leitete die Einrichtung seit 2007 und ist ab Januar Sozialarbeiterin an der Schollschule.

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Im "Full House" sind die letzten Jahre dokumentiert und akribisch in Ordner sortiert worden.

Quelle: Kathrin Burghardt

Jüterbog. Ihnen ging die Abschiedsfeier am Sonnabend sichtlich nahe. Wie geht es Ihnen?
Jessica Reuter: Heute kann ich wieder etwas aufatmen. Ich blicke auf einen sehr schönen Samstag zurück. Unser großer Wunsch ging in Erfüllung, das FZ noch einmal richtig voll zu sehen. Es tat gut, mit so vielen Ehemaligen ins Gespräch zu kommen und noch einmal allen danke sagen zu können.

Jessica Reuter

Quelle: Kathrin Burghardt

Am 15. November wird das „Full House“ endgültig geschlossen. Was geschieht in den letzten Tagen bis dahin?
Reuter: Wir werden wie gewohnt jeden Tag öffnen und gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen, die zu uns kommen, den Nachmittag verbringen, werden ihnen mit ihren Ängsten und Sorgen zuhören, und ihnen wie bisher zur Seite stehen. Auf jeden Fall wollen wir die letzten zwei Wochen – so gut es eben geht – gemeinsam genießen.

Traurige Mienen bei der "Full-House"-Abschiedsfeier

Bedrückte Mienen im Freizeitzentrum „Full House“ in Jüterbog. „Heute ist ein trauriger Tag“, sagte Bürgermeister Arne Raue beim Abschiedsfest am Sonnabend, „aber ich schaue nicht nur mit einem weinenden Auge auf die Schließung, sondern auch mit einem kleinen, lachenden. Denn wir schaffen wichtige Schulsozialarbeit an den Grundschulen.“ Ihre Tränen konnten viele Kinder und vor allem Einrichtungsleiterin Jessica Reuter dennoch kaum zurückhalten. Am 15.November wird das „Full House“ geschlossen.

Seit Jahren fordern die beiden Jüterboger Grundschulen die Einstellung von Schulsozialarbeitern. Da die Kommunalaufsicht der Stadt keine neuen Arbeitsplätze genehmigt, entschieden sich die Stadtverordneten im Sommer, das Personal anders einzusetzen – weg vom Freizeitzentrum, rein in die Schulen. Daran änderten auch wochenlange Proteste von Kindern und Jugendlichen nichts.

Doch die Kritiker melden sich weiterhin zu Wort. „Diese Entscheidung ist nicht richtig. Man kann Schulsozialarbeit nicht mit offener Jugendarbeit am Nachmittag vergleichen. Beides ist wichtig und spricht unterschiedliche Zielgruppen an“, sagte der erste Einrichtungsleiter (1993-2002) und ehemalige FDP-Stadtverordnete Carsten Egler am Sonnabend, „es wird nun zwar ein Loch gestopft, aber dafür eine große Lücke an anderer Stelle gerissen.“
Die Vorsitzende des Sozialausschusses, Gabriele Dehn (SPD) verteidigte den Beschluss indes: „Mit dem Jugendclub in Jüterbog II haben wir nach wie vor eine Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche, wo sie die gleichen Freizeitangebote finden“, sagte sie. Zudem werde intensiv an einer familienfreundlichen Nachnutzung für das bald leerstehende Objekt in der Goethestraße 8 gearbeitet.

Die Geschichte des „Full House“ ist als Foto-Chronik ausgestellt. Sie ist noch bis zur Schließung am 15. November zu sehen.

Wie nehmen die Kinder und Jugendlichen die Schließung auf?
Reuter: Die meisten haben es verstanden. Sie fragten uns häufiger zu den Gründen aus und wollten alles ganz genau wissen. Sie verstehen, dass wir ein freiwilliges Zusatzangebot der Stadt sind, das nun aus Sparzwängen geschlossen wird. Was die Kinder und Jugendlichen jetzt aber viel mehr beschäftigt, ist die ungewisse Zukunft. Sie fragen nicht mehr nach dem Warum, sondern was wohl als nächstes dran sein wird. Sie fürchten, dass ihnen nach und nach nicht mehr viel bleibt.
Und was bleibt Ihnen noch?
Reuter: Natürlich haben wir mit dem Jugendclub in JüterbogII noch unsere zweite Freizeiteinrichtung. Unser Team aus Jugendarbeitern wird dort Projekte, Ferienbetreuung und Freizeitangebote bieten, genauso, wie es das im „Full House“ bislang gab. Für einige jüngere Kinder ist das leider jedoch keine Alternative, da es für sie zu weit von zu Hause entfernt liegt. Nicht alle Eltern erlauben ihren Kindern so weite Wege. Einige setzen sich jetzt dafür ein, dass ihnen zumindest noch über die Wintermonate ein Raum als Treffpunkt in Selbstverwaltung im Freizeitzentrum geöffnet bleibt. Drei unserer Jugendlichen engagieren sich als Jugendvertreter außerdem in der Arbeitsgruppe zur Nachnutzung des Gebäudes. Sie wollen dafür kämpfen, dass ihnen ein Raum als Jugendtreff erhalten bleibt, wenn auch ohne Betreuer.
Sie haben inzwischen eine neue Aufgabe gefunden?
Reuter: Ja, keiner von unserem Team wird arbeitslos. Ich werde ab Januar als Schulsozialarbeiterin an der Geschwister-Scholl-Grundschule sein. Ich freue mich sehr auf diese neue Herausforderung und habe bereits viele Ideen für die künftige Arbeit. Es wird einen festen Beratungsraum geben und für die Schüler werde ich als Vertrauensperson jeder Zeit zur Verfügung stehen und Ansprechpartner sein.
Oft wird kritisiert, dass man Schulsozialarbeit nicht mit Jugendarbeit am Nachmittag vergleichen kann. Wie sehen Sie das?
Reuter: Beide pädagogischen Arbeitsfelder sind enorm wichtig, aber lassen sich aus meiner Sicht tatsächlich nicht miteinander vergleichen. Denn die Rolle des Sozialarbeiters an einer Schule ist eine völlig andere als am Nachmittag im Freizeitzentrum, wo die Kinder freiwillig sind. Sie können sich da frei entfalten, und zeigen oft eine ganz andere Persönlichkeit. In die Schule müssen alle gehen, dort sind Sozialarbeiter eine wichtige Schnittstelle zwischen Eltern, Lehrern, Hortnern und Schülern, das ist eine andere Arbeit, als die am Nachmittag.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Reuter: Ich hoffe, dass sich eine Möglichkeit finden lässt, das alte „Full House“ im Sinne der Kinder und Jugendlichen nachzunutzen. Auch wünsche ich mir, dass die Erwartungen an die Schulsozialarbeit in einem realistischen und umsetzbaren Rahmen bleiben.

Interview: Kathrin Burghardt

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