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Wolga und zurück: Geschichte der Russlanddeutschen

Auf der Suche nach Heimat Wolga und zurück: Geschichte der Russlanddeutschen

Nach der Wende erreichte die Welle der deutschstämmigen Aussiedler aus Osteuropa auch die Dahmeland-Fläming-Region. Tausende Russlanddeutsche kamen in der Hoffnung auf Perspektiven und auf der Suche nach einer neuen Heimat. Nicht alle haben sie gefunden.

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Ein Auftritt des Raduga-Chors beim Theatersommer in Altes Lager. Der Chor wurde von Russlanddeutschen gegründet.

Quelle: Uwe Klemens

Dahmeland-Fläming. Die Stadt Kusnezowsk im Nordwesten der Ukraine sah im Jahr 1993 etwa so aus, wie man sich eine postsowjetische Sattelitenstadt vorstellt. Größter Arbeitgeber war das örtliche Kernkraftwerk, Kühltürme ragten grau in die Luft, und die Siedlung in ihrem Schatten, erst 1973 gegründet, bestand im Wesentlichen aus schnurgeraden Wegen, Blumenrabatten und betonfarbenen Plattenbauten. In einem dieser Häuser saß damals ein junger Ingenieur für Strahlungssicherheit namens Alexander Rupp und füllte einen 52 Seiten langen Antrag aus. Es war ein Antrag auf Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland.

Rupp gab sich damals keinen Illusionen hin. Er hatte zwar einen deutschen Namen und er fühlte sich auch als Deutscher, aber seine Frau war Russin und sprach auch nur Russisch. Seine beiden Kinder hatten ebenfalls wenig Bezug zum Land ihrer Vorfahren. Und er selbst verstand zwar Deutsch, sprach es aber nur bruchstückhaft. Die Familie hatte kein Netzwerk in Deutschland, keine Freunde, keine Bekannten. Und was seine Berufserfahrung im Kernkraftwerk wert sein würde, wusste er auch nicht. „Uns war klar, dass uns in Deutschland niemand erwartet, und dass es nicht einfach wird“, sagt Alexander Rupp . Trotzdem füllte er Seite um Seite. Denn was wäre die Alternative gewesen?

„Die Kurve gekriegt“

„Die Kurve gekriegt“: Alexander Rupp.

Quelle: Oliver Fischer

Er war damals 30 Jahre alt. Die ersten 28 davon war er sowjetischer Staatsbürger deutscher Nationalität gewesen. Er hatte deshalb Repressalien erlebt, Konflikte durchlitten, er war ausgegrenzt worden. Und nun war diese Sowjetunion auch noch zerfallen. Rupp lebte in der Ukraine, und dort schien man noch weniger Wert auf Deutsche zu legen. „Ich musste mich entscheiden. Bevor ich mich ukrainisieren ließ, wollte ich lieber zurück zu meinen Wurzeln“, sagt Rupp. Zurück also in ein Land, das schon seine Eltern und Großeltern nur vom Hörensagen kannten, das aber immer eine zentrale Rolle für die Familie gespielt hatte.

Mehr als zwei Millionen kamen nach Deutschland

Rupp, heute Mahlower, 52 Jahre alt und Vorsitzender der „Landsmannschaft der Deutschen aus Russland“ von Berlin und Brandenburg, war einer von mehr als zwei Millionen Russlanddeutschen, die nach dem Fall der Mauer als Aussiedler oder Spätaussiedler in die Bundesrepublik übersiedelten. Die meisten kamen, wie die Rupps, zu Beginn der 90er Jahre – und zwar in großer Zahl. Auf dem Höhepunkt der Welle musste Deutschland rund 400 000 Aussiedler im Jahr unterbringen und versorgen. Die Ankömmlinge wurden – wie jetzt die Flüchtlinge – nach einem Schlüssel auf die Länder verteilt. In Brandenburg kamen in den ersten zehn Jahren etwa 70 000 an. Etwa ein Zehntel davon landete in der Region Dahmeland-Fläming.

Ihre Geschichten werden dieser Tage wieder häufiger erzählt, denn gerade jährte sich ein Ereignis zum 75. Mal, das einschneidend für die ganze Volksgruppe war: Am 28. August 1941, gut zwei Monate nach dem Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion, verfügte Stalin die Verschleppung der Wolga-Deutschen nach Sibirien. Das war der Startschuss einer großen Deportationswelle, in der rund eine Million Menschen aus Dörfern und Städten gerissen wurden, die ihre Vorfahren zum Teil selbst aufgebaut hatten. Auch die Rupps waren davon betroffen.

Familie kam aus Südhessen

Deren Familiengeschichte lässt sich zurückverfolgen bis ins Jahr 1765. Damals packte ein Bauer namens Johann Rupp seine Siebensachen, verließ seinen Hof in Südhessen und machte sich auf den Weg nach Russland. Seine Triebfeder dürfte Hoffnung gewesen sein, sagt sein Nachfahre Alexander Rupp. Hoffnung auf Neues und Versprochenes, Hoffnung, den Folgen des Siebenjährigen Krieges zu entkommen. Vielleicht hatte er Schulden, vielleicht zeigten auch die Kampagnen bei im Wirkung, die Katharina II. veranlasst hatte.

Im August 1765 jedenfalls kamen Johann Rupp und seine Familie in einem gerade von Deutschen gegründeten Dorf namens Huck nahe der Wolga an. Zwei Jahre später ließ sich auch Familie Heckmann in der Region nieder – Alexander Rupps Vorfahren mütterlicherseits. Beide Familien blieben dort, sie erarbeiteten sich einen gewissen Wohlstand, lebten nach deutschen Sitten, man sprach ausschließlich deutsch, pflegte den hessischen Heimatdialekt aus dem 18. Jahrhundert. Deutsche heirateten Deutsche – und vermehrten sich rasant. Auf eine Familie kamen im Schnitt zehn Kinder. Viele hatten mehr.

Mit der Deportation 1941 sei dieses Gefüge zerstört worden, sagt Rupp, der sichtlich bewegt von diesem Teil der Geschichte erzählt – obgleich er, Jahrgang 1963, die Qualen der Arbeitslager nur aus Erzählungen seiner Großeltern kennt. Er habe aber die späteren Ausgrenzungen am eigenen Leib zu spüren bekommen – etwa, als man ihm aufgrund seiner Abstammung ein Studium der Kernphysik verwehrte, oder als es nach dem Uni-Abschluss Absagen aus fast allen Betrieben hagelte.

Standansicht von Kusnezowsk, dem ukrainischen Wohnort von Alexander Rupp vor seiner Aussiedlung nach Deutschland

Standansicht von Kusnezowsk, dem ukrainischen Wohnort von Alexander Rupp vor seiner Aussiedlung nach Deutschland.

Quelle: Privat

Die meisten Russlanddeutschen haben in der Sowjetunion und den Folgestaaten Vergleichbares erlebt. So ist es kein Wunder, dass die Zahl der Ausreiseanträge geradezu explodierte, als die Regierung Gorbatschow die Ausreisebestimmungen lockerte. Die Bundesregierung auf der anderen Seite nahm relativ unkompliziert jeden Aussiedler auf, der seine deutsche Nationalität nachweisen und glaubhaft machen konnte, dass deutsche Kultur und deutsche Sprache dauerhaft in der Familie gepflegt wurden.

Die ersten Monate nach der Ankunft in Deutschland waren für die Aussiedler trotzdem häufig genug ernüchternd. Erst war man in Aufnahmelagern untergebracht, von dort wurde man Übergangsheimen zugewiesen, die von den Landkreisen Hals über Kopf eingerichtet wurden.

In Dahme-Spreewald gab es Heime in Luckau, Zeuthen, Schulzendorf, Görsdorf oder Lübben, wo bald Aussiedler aus allen Teilen der früheren Sowjetunion lebten. „Da waren viele Großfamilien dabei, und je nach Herkunft und Alter sprachen sie unterschiedlich gut deutsch, manche Schwäbisch, manche Plattdeutsch, viele Jüngere auch nur Russisch“, erinnert sich Birgit Kaselow, die als Leiterin des Jugendmigrationsdienstes beim Diakonischen Hilfswerk Russlanddeutsche in ihren ersten Monaten betreut hat.

Altes Lager und Wünsdorf-Waldstadt wurden Zentren

In Teltow-Fläming konzentrierte sich vieles auf den früheren Armeestandort Wünsdorf-Waldstadt und auf Altes Lager, wo ein Investor eine ganze Siedlung für Russlanddeutsche plante und anfangs nur Mennoniten, später auch andere Spätaussiedler gezielt anwarb.

Alexander Rupp erinnert sich mit Grausen an die ersten Monate in einem Berliner Übergangsheim, wo die Familie mit bosnischen und kroatischen Kriegsflüchtlingen untergebracht war. „Die Zeit war schrecklich und hat mir viele unruhige Nächte beschert“, sagt er. Sie sei geprägt gewesen von der verzweifelten Suche nach Perspektiven.

In Berlin gab es für einen Kernkraftspezialisten wie ihn immerhin noch Möglichkeiten. In Brandenburg aber war die Arbeitslosenquote schon unter den Deutschen gigantisch. Entsprechend schlecht waren die Aussichten für Russlanddeutsche, die bestenfalls eigentümliches, zumeist aber fast gar kein Deutsch sprachen.

Der Osten bot wenig Perspektiven

Probleme hätten sich daraus ergeben, dass Arbeitszeugnisse und Abschlüsse nicht anerkannt wurden, sagt Alexander Rupp. Viele Russlanddeutsche hätten deshalb in Putzkolonnen oder als Lkw-Fahrer arbeiten müssen, obwohl sie andere Qualifikationen hatten. „Es ist viel Potenzial verschenkt worden.“ Schätzungsweise die Hälfte zog aufgrund von Perspektivlosigkeit weiter in den Westen. Die Siedlung in Altes Lager hatte zwar schnell 1000 Einwohner. Zeitzeugen berichten aber von einem großen Kommen und Gehen, um 2002 lag die Einwohnerzahl nur noch bei etwa 600.

Die, die geblieben sind, gelten aber als auffällig gut integriert. In Studien zur Integration belegen Aussiedler den zweiten Platz hinter EU-Bürgern. Experten erklären das mit der Bildungsnähe der Familien, die auch in der Sowjetzeit immer da war. Wenn Russlanddeutsche eine Chance bekamen, ergriffen sie sie.

Rupp ist ein gutes Beispiel. Er bekam eine Anstellung im öffentlichen Dienst in Berlin. Nach sieben Jahren in der Hauptstadt kaufte er ein Grundstück in Mahlow und baute dort ein Haus. Seine Tochter arbeitet als Ärztin in Potsdam, sein Sohn studiert in Berlin. „Wir haben die Kurve gekriegt“, sagt er. „So wie die meisten.“

Von Oliver Fischer

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