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Teltow-Fläming „Zehn Meter sind für mich keine Höhe“
Lokales Teltow-Fläming „Zehn Meter sind für mich keine Höhe“
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00:17 15.02.2017
Der Diedersdorfer Jürgen Müller hat 25 Jahre lang als Gerüstbauer gearbeitet. Quelle: Anja Meyer
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Diedersdorf

Jürgen Müller (55) aus Diedersdorf hat 25 Jahre lang als Gerüstbauer gearbeitet. Seit zwei Jahren konzentriert er sich auf Fassadenarbeiten. Im Interview spricht er über Schwindel, Gefahren und Klischees im Gerüstbau.

Herr Müller, sind Sie schwindelfrei?

Das war ich die meiste Zeit meines Lebens. Zumindest bis zu einer gewissen Höhe – sonst hätte ich nicht 25 Jahre lang als Gerüstbauer arbeiten können. Bis zu etwa 20 Metern hatte ich selten Probleme mit Höhenangst oder Schwindel. Mittlerweile ist mir ab zehn Metern schon häufiger mulmig zumute.

Wie können Sie dann noch als Gerüstbauer arbeiten?

Der Gerüstbau ist nicht mehr mein Hauptgeschäft. Nach der Winterpause vor zwei Jahren haben meine beiden Kollegen und ich entschieden, keinen Gerüstbau mehr für andere zu betreiben. Die Arbeit ist körperlich hart, ich bin 55 Jahre alt, meine Kollegen sind nicht viel jünger. Unsere große Zeit des Rüstens ist vorbei, das sollen die Jüngeren jetzt mal machen. Und für ein bisschen Gerüstbau nebenbei ist die Berufshaftpflichtversicherung einfach zu teuer. Wir konzentrieren uns nun auf Fassadenarbeiten, für unsere eigenen Aufträge rüsten wir aber immer noch selbst. Denn jeder darf sein eigenes Gerüst aufbauen.

Warum ist die Berufshaftpflicht für Gerüstbauer so hoch? Weil der Job so gefährlich ist?

Ja, genau. Gerüstbauer und Dachdecker gelten im Handwerk als die gefährlichsten Berufe. Ist ja auch klar, wenn man ungesichert in solchen Höhen arbeitet. Wenn da mal etwas passiert, dann passiert auch gleich richtig was.

Ist das schon einmal vorgekommen?

Ja, zweimal. Zum Glück ist es nie tödlich ausgegangen und wir konnten beweisen, dass es nicht unsere Schuld war.

Was ist passiert?

Vor etwa zehn Jahren ist ein Fassadenarbeiter auf unserem Gerüst durchs Geländer gerutscht und aus sechs Metern Höhe auf den Betonboden geknallt. Der Mann hatte richtig Glück, seine Wirbel waren gebrochen, aber er kann sich wieder normal bewegen. Als das passierte, stand sofort die Kripo vor meiner Tür. Ich wurde wegen Körperverletzung verklagt und später freigesprochen – das Gerüst war korrekt aufgebaut, der Fassadenarbeiter trug die Schuld daran, dass er durchs Geländer rutschte. Beim zweiten Unfall ist ein Wartungsarbeiter auf einem um einen Kessel gebauten Gerüst nicht durch den Durchstieg nach unten gegangen, sondern aus Faulheit außen heruntergeklettert und gestürzt. Da war sofort klar, dass es seine eigene Schuld war.

Das heißt, als Gerüstbauer tragen Sie auch immer die Verantwortung dafür, was andere mit dem Gerüst machen?

Nein, nicht wirklich. Dafür ist die Abnahme da. Sobald wir ein Gerüst aufgebaut hatten, wurde es geprüft und dann erst sind die Bauarbeiter draufgegangen. Damit waren wir eigentlich raus. Die Befürchtung, dass etwas schiefgeht, schwingt trotzdem immer mit. Manchmal ist mir richtig schlecht geworden, wenn ich beim Vorbeifahren zufällig gesehen habe, was Arbeiter mit meinen Gerüsten gemacht haben. Einige haben sogar die Absturzsicherung abgenommen. Wenn es zu schlimm war, habe ich angehalten und das Gerüst gesperrt – auch wenn das eigentlich nicht mehr in meiner Verantwortung lag. Aber das hätte ich nicht ertragen.

Wollten Sie schon immer Gerüstbauer werden?

Nein, ich bin da eher zufällig reingerutscht. Nach der Wende habe ich einen Vertreter von Hochdruckreinigern kennengelernt. Darüber fing ich an, in Diedersdorf Hochdruckreiniger zu verkaufen und damit Fassaden zu reinigen. Das erste Mal habe ich solch einen Reiniger an der Autobahnmeisterei in Rangsdorf vorgeführt. Da war noch Tarnfarbe vom Krieg dran, die ich weggeputzt habe. Der Auftrag ging an mich – aber es war kein Gerüst da. Dann haben wir uns eben selbst eines gebaut. So sind wir über die Fassadenreinigung zum Gerüstbau gekommen. Hier in der Region haben wir lange Zeit den Kleinkram gemacht, den größere Gerüstbaufirmen aus Berlin nicht machen wollten. Davon konnten wir recht gut leben.

Sie haben sich ein Gerüst aufgebaut, ohne es gelernt zu haben?

Ich bin gelernter Landmaschinen- und Traktorenschlosser. Daher war es für mich kein Problem, Regale oder Sortieranlagen zusammenzubauen. Dagegen war ein Stecksystem für Gerüste relativ einfach. Das ist kein Zauberwerk. Anfang der neunziger Jahre konnte man das so noch machen. Mittlerweile ist Gerüstbauer ein Ausbildungsberuf.

Wo haben Sie überall gerüstet?

Vor allem an Einfamilienhäusern in der Region. In den 1990er Jahren haben wir viele Klinkerbauten in Wahlsdorf, Petkus und Heinzdorf gereinigt. Und die Fassaden gemacht. Unser größter Auftrag waren die AWG-Blöcke in Blankenfelde. Da brauchten wir 2500 Quadratmeter Rüstung, die Arbeiten konnten wir in mehreren Etappen erledigen.

Wie baut man ein Gerüst auf?

Man steckt die Rohre ineinander, da kann eigentlich gar nicht viel schiefgehen. Wenn das Grundgerüst steht, legt man die Gerüstbohlen auf, auf denen die Arbeiter später stehen und laufen können und verschraubt das ganze sicher.

Und wie kommen die Stangen und die Bohlen nach oben?

Die heben wir Gerüstbauer hoch. Über den Kopf nach oben, wie die Gewichtheber im Fitnessstudio.

Alles per Hand?

Ja, klar. Wir haben es hier ja nur mit kleinen Gerüsten zu tun, bis zu 22 Metern. Das kann man alles so machen. Mehr braucht man bei uns in der Region auch nicht, da gibt es ja fast nur Einfamilienhäuser und kaum hohe Bauten. In Berlin, wo es auch Hochhäuser gibt, da werden die Bohlen und Stellrahmen auch mit einem Aufzug angereicht.

Wie schwer sind denn solche Bohlen und Stangen?

Die Stellrahmen wiegen um die 35 Kilogramm und Bohlen so 20 bis 30 Kilo. Wenn man die täglich hebt, braucht man kein Fitnessstudio mehr. Wenn man nach dem Winter wieder anfängt, wird es schwer, da muss man erstmal reinkommen. Das ist eine reine Trainingssache, aber wenn ich abends nach Hause kam, bin ich von der Couch nicht mehr hochgekommen. Ich war zu knülle.

Ist der Beruf bei den Jüngeren noch beliebt?

Nachwuchs zu finden, ist überall im Handwerk schwer. Und der Gerüstbau ist noch mal eine ganz spezielle Sache. Das traut sich nicht jeder, da meterhoch herumzuturnen. Wir hatten schon Arbeiter, die bei uns mit einsteigen wollten und dann nicht in den Höhen arbeiten konnten. Ich kann das auch verstehen, immerhin hantiert man da oben mit schweren Gegenständen und ist von außen nicht weiter abgesichert.

Sie hatten damit nie ein Problem?

Doch, solche Situationen gab es auch. Zehn Meter sind für mich keine Höhe, das geht noch gut. Aber ich erinnere mich an einen Arbeitstag, an dem ich an einem Schornstein stand und gezittert habe, weil es mir plötzlich zu wacklig wurde. Das waren so um die 15 Meter, aber ich konnte nicht mehr. Dann haben wir die Arbeit für den Tag abgebrochen, das hätte keinen Sinn mehr gemacht. Es ist wichtig, so etwas zu erkennen. In unserer Branche sagt man: Übermut kommt vor dem Fall. Und diejenigen, die übermütig waren, die gibts jetzt nicht mehr.

Ist es gefährlich, bei Regen zu rüsten?

Wenn es kein sehr starker Regen ist, geht es. Bei Schnee und Eis darf man nicht aufs Gerüst gehen, das ist zu gefährlich. Aber da ab November im Gerüstbau sowieso Winterpause ist, kommt das kaum vor. Starker Wind ist gefährlich. Wir hatten mal in Mitten

Wären Sie noch einmal jung: Würden Sie wieder Gerüstbauer werden?

Ja, ich hatte die 25 Jahre eine gute Zeit. Zwar sind die Arbeitszeiten mit Verlaub gesagt beschissen, da man immer als Erster und als Letzter auf die Baustelle muss. Aber gleichzeitig hat man jeden Tag Erfolgserlebnisse. Morgens fängt man an und abends ist das Haus eingerüstet, das hat mich motiviert. Und ich hatte immer viel Spaß mit meinem Team. Ich könnte nicht den ganzen Tag im Büro arbeiten.

Von Anja Meyer

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