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Zossen Die Beharrliche
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09:27 28.08.2013
Quelle: Aglaja Adam
Luckenwalde

Alice Löning will den Heimvorteil nutzen. Es ist kurz vor 17 Uhr, die ersten Pendler kommen am Luckenwalder Bahnhof an. „Wären Sie auch gerne in Woltersdorf ausgestiegen?“ lautet der Slogan auf den Zetteln, die sie selbst entworfen hat und nun noch schnell an die Fliesen der zugigen Bahnhofsunterführung klebt. Ein Thema, das die Menschen bewegt, glaubt Löning. Nur noch alle zwei Stunden hält ein Zug in Woltersdorf, wer nach Berlin pendelt, muss morgens nach Luckenwalde fahren. „Das regt mich auf“, sagt die 61-Jährige aus Gottsdorf, Gemeinde Nuthe-Urstromtal. Sie sieht sich als Sprachrohr für die Landbevölkerung.

Doch die hat gerade kein Ohr für die FDP-Politikerin. Der erste Schwung Pendler strömt durch die Unterführung dem Feierabend entgegen. Löning schnappt sich einen Stapel Flyer. Steuern, Bildung, Bürgerrechte: Für jeden Geschmack hat sie etwas dabei. „Darf ich Ihnen etwas mitgeben?“, fragt sie höflich jeden Vorbeieilenden. Doch viele beschleunigen schon, als sie den kleinen Stand in blau-gelb nur sehen. „Falsche Partei“, „ich bin kein FDP-Wähler“ und ein dutzendfaches „Nein danke!“ muss sich Löning anhören. Sie nimmt es gelassen. „Ich bin schon zu lange in der Politik, als dass ich das persönlich nehme“, sagt sie.

 Ausgerechnet bei den Grünen begann Alice Löning ihr politisches Engagement. Anfang der Achtziger war das, als sie in Heidelberg studierte, Soziologie und Psychologie. Eine Ausbildung zur Industriekauffrau und zur Wirtschaftskorrespondentin lagen da schon hinter ihr. Bei den Grünen lernte sie auch ihren Mann Markus Löning kennen, von dem sie inzwischen geschieden ist. Beide wechselten zur FDP. Markus Löning schlug eine politische Karriere ein, ist seit 2010 Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung. Alice Löning kümmerte sich um die drei Kinder. 1991 zog die Familie nach Nuthe-Urstromtal. „Ich wollte meine Kinder auf dem Land großziehen“, sagt Löning, die aus Lörrach in Baden-Württemberg stammt. 1994 stieg sie in die Kommunalpolitik ein, sie ist Gemeindevertreterin.

Natürlich habe es Vorbehalte gegen sie als „Wessi“ gegeben. „Ich kannte die Strukturen hier nicht und bin öfter ins Fettnäpfchen getreten.“ Doch inzwischen fühle sie sich wohl: „Das ist mein Zuhause.“
 Genauso schillernd wie ihr Lebenslauf ist ihr Äußeres. Biedere Hosenanzüge sind nicht ihr Stil, heute trägt sie quietschbunte Ohrringe. „Ich bin für Vielfalt“, sagt sie. Toleranz wünscht sie sich, für unterschiedliche Familienmodelle zum Beispiel. „Wer seine Kinder zu Hause betreut, sollte ebenso Anerkennung bekommen, wie eine Frau, die arbeiten geht.“ Dass es immer weniger Kinder gibt, der demografische Wandel, beschäftigt sie: „Das ist traurig.“

Löning sagt, was sie denkt. Sie redet ruhig und langsam, manchmal wird sie ein bisschen emotional. Das macht sie authentisch. Sie ist keine Politikerin mit großen Karriereplänen. Ihre Partei hat sie für den Wahlkreis als Direktkandidatin aufgestellt. Auf dem Parteitag habe sie 100 Prozent der Stimmen bekommen, berichtet sie nicht ohne Stolz. Löning ist auch auf der Landesliste, Platz 5. „Damit habe ich keine Chance. Das ist aber nicht schlimm.“

Der nächste Strom Menschen huscht an Löning vorbei. Mütter mit Kinderwagen, Geschäftsmänner im Anzug. Keiner will sich mit ihr unterhalten. „Wenn ich den Rösler nur sehe“, zischt einer. Mit ihrer Partei hat Löning es momentan schwer: „Bei vielen geht sofort die rote Lampe an.“ Doch sie hat ihre Zugehörigkeit nie bereut. Seit 2002 ist sie Parteimitglied, eine Rede von Westerwelle habe ihr so imponiert, dass sie den Schritt wagte. „Viele beschäftigen sich gar nicht mit unserer Politik, aber in Gesprächen merke ich, dass sie unsere Grundsätze gut finden.“

Der Mann, der über Philipp Rösler schimpfte, kommt noch einmal zurück. Ihn ärgere, wie lasch der Wirtschaftsminister gegen Steuerparadiese vorgehe. Überhaupt Politiker: „Die haben alle keinen Charakter!“ Löning lächelt ihn an. „Aber ich bin doch auch in der Politik und Sie kennen mich überhaupt nicht.“ Ein kluger Schachzug. Eine Unterhaltung beginnt. Er sei eben enttäuscht von „denen da oben“. Zehn Minuten lang schüttet der Mann sein Herz aus, über die Globalisierung und die Finanzkrise. Politiker sollten zuhören können, heißt es oft. Löning kann das. Zum FDP-Wähler macht sie den Passanten dennoch nicht. „Ich mache mein Kreuz trotzdem woanders.“ Doch fast schwingt Bedauern in seinem Tonfall mit.

Von Aglaja Adam

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