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Brenzlige Situationen auf dem Platz

Erlebnisse der Schiedrichter in Oberhavel Brenzlige Situationen auf dem Platz

Temperament gehört zum Fußball dazu. Doch der Grat zwischen Emotion und Entgleisung ist fein, wie das Beispiel von Borussia Dortmunds Trainer Jürgen Klopp zeigt. Auch Schiedsrichter Jan Seidel hat auf dem Platz schon so einiges erlebt. Im MAZ-Interview erzählt er von seinem ersten Spiel und einer unglaublich brenzligen Situation in Brandenburg an der Havel.

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Mit viel Fingerspitzengefühl – Jan Seidel hat es als Schiedsrichterassistent bis in die Bundesliga geschafft.

Quelle: Enrico Kugler

Havelland/Oberhavel. MAZ : Herr Seidel, erinnern Sie sich noch an das erste Spiel, das sie gepfiffen haben?
Jan Seidel : Das war 1998 in der D-Junioren-Landesliga in Beelitz. Da war ich 13 Jahre alt. An den Gegner kann ich mich allerdings nicht mehr erinnern, ebenso wenig wie an das Ergebnis. Ich weiß nur noch, dass es eine klare Angelegenheit war. Ich war sehr froh, in meinem ersten Spiel eine erfahrene Schiedsrichterin an der Seite gehabt zu haben.
 
Was hat Sie damals bewogen, Schiedsrichter zu werden und sich damit freiwillig dem Zorn der Zuschauer auszusetzen?
Seidel : Ich habe damals noch selbst gespielt, aber die Mannschaft war zu gut für mich (lacht). Außerdem hatte ich auch keine Lust mehr, mich nach Niederlagen noch das ganze Wochenende zu ärgern. Als Schiedsrichter kann man Fehler machen, doch aus diesen lernt man und entwickelt sich weiter. Man kann jedoch nicht verlieren.
 
Das nicht. Trotzdem dürften Schiedsrichter nicht gerade zu den beliebtesten Menschen gehören. Immer wieder liest man von wüsten Beschimpfungen und Bedrohungen, und in den Niederlanden ist sogar ein Offizieller totgeprügelt worden.
Seidel : Die Geschehnisse auf dem Platz sind ein Spiegelbild der Gesellschaft. Krawalle gibt es ja nicht nur im Fußball. Man denke bloß an die prügelnden Jugendlichen in der Berliner U-Bahn oder auf dem Alexanderplatz.
 
Haben Sie auch schon einmal eine brenzlige Situation auf dem Fußballplatz erlebt?
Seidel : Einmal war ich als Schiedsrichterassistent bei einem Oberligaspiel in Brandenburg an der Havel im Einsatz. Im Stadion herrschte hitzige Stimmung, es flogen Bierbecher. Irgendwann merkte ich, dass die Zuschauer hinter mir mit ihren Schirmen nach mit gestochen haben. Sie haben mich zwar nicht erwischt, aber in dieser Situation ist mir schon ein bisschen mulmig geworden. Einen Kollegen hat es sogar noch schlimmer erwischt. Er wurde auf dem Spielfeld mit einem Ziegelstein angegriffen. Er hat die Partie dann richtigerweise abgebrochen. Das ist es nicht wert, sein Leben aufs Spiel zu setzen.
 
Sie kommen auch in der Bundesliga und in der Zweiten Liga zum Einsatz. Pfeift es sich dort schwerer als bei den Amateuren?
Seidel : Nein, finde ich nicht. Im Gegenteil: Auf den kleinen Plätzen sind die Zuschauer viel näher dran. Da versteht man jedes Wort, wenn sie reklamieren. Außerdem verstehen Amateurspieler die Spielregeln nicht so gut wie Profis, weshalb es leichter zu Protesten kommen kann. Je weiter unten ein Schiedsrichter amtiert, desto höher ist mein Respekt vor seinem Einsatzwillen.
 
Liegt das unflätige Verhalten womöglich auch daran, dass Prominente es nicht anders vormachen? Borussia Dortmunds Trainer Jürgen Klopp zum Beispiel. Er muss heute beim Champions-League-Spiel gegen Arsenal London erneut zuschauen, nachdem er bei der Partie gegen Neapel auf die Tribüne geschickt wurde, weil er den vierten Offiziellen anging.
Seidel : Jürgen Klopps Verhalten war sicher unangebracht. Jeder Trainer muss wissen, dass er das größte Vorbild im Verhalten für seine Spieler und auch für die Zuschauer ist. Er lebt es vor, sie machen es nach.
 
Hätten Sie ihn also auch vom Platz gestellt?
Seidel : Auf jeden Fall. Die Entscheidung des Schiedsrichters war absolut richtig. Auch dass er es nicht erst bei einer Ermahnung belassen hat, sondern ihn gleich auf die Tribüne geschickt hat.
 
Ähnlich wie der Trainer haben auch die Eltern eigentlich eine Vorbildfunktion. Trotzdem wundert man sich immer wieder, zu welchen Schmähungen sich die Erwachsenen am Rande von Nachwuchsspielen hinreißen lassen.
Seidel : In der Tat. Solche Situationen sind schwierig für Schiedsrichter, weil sie dagegen nicht viel unternehmen können. Pöbelnde Zuschauer können nicht des Platzes verwiesen werden, das sieht das Regelwerk nicht vor. Sie sind übrigens einer der Hauptgründe, weshalb so viele junge Schiedsrichter schon im ersten Jahr wieder aufhören. Stellen Sie sich vor, Sie sind zwölf oder 14 Jahre alt und müssen sich von einem Erwachsenen, der ihr Vater sein könnte, derart beschimpfen lassen. Da vergeht einem schnell die Lust.
 
Wie viele junge Schiedsrichter verlieren Sie auf diese Weise jedes Jahr?
Seidel : Im Fußballkreis Havelland-Mitte hören jedes Jahr etwa 30 bis 35 Schiedsrichter auf, darunter viele, die gerade erst angefangen hatten. Das sind in etwa so viele, wie wir jedes Jahr neu ausbilden. Die Gesamtzahl nimmt somit zwar nicht ab, aber sie steigt eben auch nicht.
 
Wie viele Schiedsrichter pfeifen denn zurzeit im Fußballkreis Havelland-Mitte?
Seidel : Aktuell 178.
 
Ein häufig geäußertes Vorurteil ist, dass zum Schiedsrichter nur derjenige wird, der als Fußballer nicht gut genug war.
Seidel : Da ist etwas Wahres dran. Auch ich selbst habe schnell begriffen, dass ich es als Schiedsrichter weiter bringen kann als als Kicker. Andere Kollegen konnten nach einer Verletzung nicht mehr spielen, wollten aber dem Fußball verbunden bleiben.
 
Sportlich fit muss man ja auch als Unparteiischer sein.
Seidel : Genau, schließlich können wir nicht ausgewechselt werden. Ein Bundesliga-Schiedsrichter läuft pro Spiel zum Teil mehr als die Spieler, bis zu 13 Kilometer. Wer fit aussieht, hat automatisch eine andere Autorität und bietet Kritikern weniger Angriffsfläche – im wahrsten Sinne des Wortes.

Was machen Sie, um in Form zu bleiben?
Seidel : Ich jogge, gehe auf den Tennisplatz und spiele im Betrieb mit den Kollegen verschiedenste Ballsportarten. Zudem haben wir ein wöchentliches Schiedsrichter-Training, bei dem wir uns fit halten.
 
Ganz schön viel Aufwand für das bisschen Geld, das der Mann mit der Pfeife bekommt. Wie viel verdient ein Schiedsrichter genau?
Seidel : Beim Kleinfeld sind es 12 Euro pro Partie, auf Kreisebene 20 Euro, im Land etwa 30 Euro – jeweils zuzüglich der Fahrtkosten. Selbst in der Bundesliga gibt es einen festen Satz.
 
Irgendwie ist das ja schon unfair. Die Spieler verdienen Millionen und die Offiziellen, ohne die die hochbezahlten Stars gar nicht spielen könnten, bekommen eine solch lausige Bezahlung.
Seidel : Schiedsrichter wird man nicht, um reich zu werden. Es ist ein Hobby, für das man sogar noch ein bisschen Geld bekommt. Deshalb wird es wohl auch niemals einen Streik der Schiedsrichter geben – dafür haben wir alle einfach viel zu viel Spaß an der Sache. Trotzdem ist es natürlich begrüßenswert, dass es seit letztem Jahr zumindest in der Ersten und Zweiten Liga zusätzlich zu den Einsatzhonoraren eine fixe Summe gibt, die jeder Schiedsrichter bekommt. Auf diese Weise ist man abgesichert, auch wenn man sich verletzt. Aber noch einmal: Niemand macht das des Geldes wegen.
 
Sondern?
Seidel : Schiedsrichter zu sein entwickelt die eigene Persönlichkeit.
 
Inwiefern?
Seidel : Man lernt Führung zu übernehmen, sich durchzubeißen und mit Kritik umzugehen. Das hat mich beruflich und auch privat vorangebracht. Die Schiedsrichterei ist eine Schule fürs Leben. Ich finde so etwas ist mit Geld nicht aufzuwiegen.
 
Lesen Sie nach einem Spieltag, was über Ihre Leistung als Schiedsrichter geschrieben wurde?
Seidel : Grundsätzlich schon, auch wenn es nach Fehlentscheidungen, von denen man weiß, dass sie falsch waren, vielleicht nicht so klug ist, alles noch einmal haargenau nachzulesen. Ich schaue mir aber schon die Zusammenfassung des Spiels im Fernsehen an.
 
Und wenn der Kommentator einen Pfiff kritisiert, von dem Sie felsenfest überzeugt sind, dass er richtig war?
Seidel : Dann bin ich selbstbewusst genug, darüber hinwegzuhören. Schließlich bin ich der Profi auf meinem Gebiet und der Reporter auf seinem.

Interview: Philip Häfner

BUNDESLIGADEBÜT AUF SCHALKE

Jan Seidel wurde am 10. Oktober 1984 in Berlin geboren. Mittlerweile wohnt er in Hennigsdorf (Oberhavel). Er leitet den Lehrstab des Schiedsrichterausschusses im Fußballkreis Havelland-Mitte und ist dort für die Aus- und Weiterbildung der Offiziellen zuständig.

Als Schiedsrichter pfiff Jan Seidel selbst Partien bis zur Dritten Liga. Als Assistent hat er sogar den Sprung in die Erste und Zweite Liga geschafft. Meist ist er dort gemeinsam mit Schiedsrichter Daniel Siebert (Berlin) unterwegs.

Sein erstes Spiel im Oberhaus war am 1. September 2012 die Partie FC Schalke 04 gegen den FC Augsburg (3:1). Inzwischen hat Jan Seidel 18 Erstliga- und 40 Zweitligaspiele absolviert. Ende August 2013 feierte er beim Europa-League-Spiel zwischen dem FC Sevilla (Spanien) und Slask Wroclaw (Polen) sein internationales Debüt. 

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