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Schulleiter Ziemer verabschiedet sich in den Ruhestand

Sportschule Potsdam Schulleiter Ziemer verabschiedet sich in den Ruhestand

Einmal muss Schluss sein. Nach 20 und einem halben Jahr als Schulleiter der Sportschule in Potsdam geht Rüdiger Ziemer in den Ruhestand. Er blickt zurück und schaut nach vorn.

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Zwei Turnväter: Rüdiger Ziemer war 20 Jahre Leiter der Sportschule Friedrich Ludwig Jahn in Potsdam.

Quelle: Foto: Peter Stein

Potsdam. „Gott sei Dank! Nun ist’s vorbei mit der Übeltäterei!“ Dieser zum Sprichwort gewordene Satz von Lehrer Lämpel aus „Max und Moritz“ von Wilhelm Busch steht auf der Einladung von Rüdiger Ziemer, der sich am Freitag (9.30 Uhr, Mensa der Sportschule) nach 20 Jahren als Leiter der Sportschule Friedrich Ludwig Jahn in den Ruhestand verabschiedet. „Das soll nicht nach Erleichterung klingen, sondern vielmehr symbolisieren, dass man alles nicht so ernst nehmen soll, diesen einschneidenden Moment ein bisschen mit Leichtigkeit betrachten“, sagt Ziemer beim Gespräch in seinem Arbeitszimmer, in dem auch viele Grüße mit Fotos und Karten vom guten Verhältnis zwischen Schülern und dem Schulchef künden.

Die Schüler herausfordern, nicht überfordern oder unterfordern

Zum Abschied meint der 65-Jährige: „Mir geht es da nicht anders als den Sportlern. Man soll aufhören, wenn man Wettkämpfe noch gewinnen kann.“ Sein Wettkampf sei es gewesen, „Schule zu einem lebendigen System zu machen, in dem junge Menschen mit Freude lernen und sportliche Erfolge erreichen, in dem Lehrer Spaß am Beruf haben“. Das funktioniere nur im Miteinander von Lehrer, Trainern, Erziehern und Schülern. „Wir sind Verbündete, keine Gegner.“ Sein Credo: „Wir dürfen die Kinder weder überfordern noch unterfordern, sondern müssen sie herausfordern, jeden Tag in der Schule und im Sport.“

Der Sohn eins Försters, der aus Serno (Sachsen-Anhalt) an der Grenze zu Brandenburg stammt, nach dem Abitur in Roßlau an der Humboldt-Uni in Berlin ein Lehrerstudium für Deutsch und Geschichte absolvierte, kam über Merseburg, Werder, die Uni Potsdam und die Position als stellvertretender Stadtschulrat 1996 an die Sportschule. Als Lehrer arbeiten zu können und dies mit dem Sport zu verbinden, sei ein Traum gewesen. „Ich hatte nie Stress mit Schülern. Ich habe immer gern unterrichtet. Das wird mir am meisten fehlen“, gibt er zu.

Einzelunterricht mit den späteren Olympiasiegerinnen

Ziemer hat früher Handball, Fußball, Basketball oder im Winter auf dem zugefrorenen Teich Eishockey gespielt. „Alles, was man im Dorf so gemacht hat damals, alles autodidaktisch.“ Später wurde er Läufer, nahm mehrfach am Rennsteiglauf teil. Natürlich nicht zu vergleichen mit den sportlichen Leistungen seiner späteren Schüler.

Gleich in seiner ersten 7. Klasse an der Sportschule saß eine gewisse Britta Steffen vor ihm auf der Schülerbank. „Ich habe sie vier Jahre lang in Deutsch unterrichtet. Als sie 2008 in Peking zweimal Gold gewann, bin ich früh morgens aufgestanden und habe vor dem Fernseher mitgefiebert. Das war großartig.“ Die Ausnahmeschwimmerin aus Schwedt schaute auch später öfter an der Sportschule vorbei und zeigte sich dankbar für die Zeit. Auch die spätere Kanu-Olympiasiegerin Fanny Fischer (jetzt Rauhe) oder die U23-Weltmeisterin und Olympiateilnehmerin von Rio, Triathletin Laura Lindemann, hatten Einzelunterricht in Deutsch beim Schulleiter, weil es sich anders mit dem Leistungssport nicht einrichten ließ. Ziemer hat viel für seine Schüler ermöglicht. Er hat es geschafft, dass die Kultusministerkonferenz der Potsdamer Sportschule als einziger in Deutschland ein additives Abitur ermöglicht, das heißt, Schüler können ihre Abiprüfungen über Jahre staffeln. „Nur so werden wir der sehr individuellen Entwicklung der Topsportler gerecht“, sagt der Schulleiter, der manchmal auch die Rolle als Ersatzvater annahm, „um zum Beispiel dem Sportler oder der Sportlerin nach einer Verletzung wieder über den Berg zu helfen“.

Legendäre Exkursionen nach Weimar

Unter seiner Ägide wurde Potsdam erste Eliteschule des Sports in Deutschland, erste Eliteschule für Frauenfußball und und und. Zwölf ehemalige und vier aktuelle Sportschüler nahmen 2016 an den Olympischen Spielen in Rio teil, kehrten mit fünf Gold-, zwei Silber- und einer Bronzemedaille in vier Sportarten heim. „So breit waren wir lange nicht aufgestellt“, gerät Ziemer ins Schwärmen und hat nicht nur die Kanuten, Ruderer, Leichtathleten, Fußballerinnen und Schwimmer im Blick, sondern auch die Modernen Fünfkämpfer, Triathleten oder Handballer.

Als legendär gelten unter den Elftklässlern die Exkursionen nach Weimar. Ziemer als Kenner von Deutsch und Geschichte sagt über die Stadt von Goethe und Schiller: „In Weimar kenne ich mich besser aus als in Potsdam.“ Dass den Schülern der Sinn nach Streichen à la Max und Moritz stand, statt nach deutscher Hochkultur, will er oft erst im Nachgang erfahren haben. Beispielsweise als die Schüler den Wettkampf ins Leben riefen, nachts nackt durch Weimar zu sprinten.

Vorfreude auf das Rentnerdasein

Mit dem Spaß vorbei war es allerdings, als vor Jahren der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs unter Sportschülern des Internats aufgeklärt werden musste. Das Lehrerkollegium entschied sich schließlich, die betreffenden Schüler nicht auszuschließen. „Das waren schwere Zeiten für mich“, gibt Ziemer zu, steht aber zu seinen Kollegen und Kolleginnen, sieht sich als Kapitän einer – und darauf liege die Betonung – Mannschaft aus 640 Schülern, 69 Lehrern, 30 Lehrertrainern (bei seinem Amtsantritt waren es nur vier), einem Dutzend Referendaren sowie 30 Erziehern.

Wenn er nun zum Halbjahresende den Staffelstab an die aus Brandenburg/Havel stammende Schulrätin Iris Gerloff weitergibt, freut sich der Familienvater – vier Kinder und vier Enkel – auf das Rentnerdasein. „Dann kann ich ruhig am Frühstückstisch sitzen und mir den Tag so einteilen, wie ich will. Ich hoffe auf mehr Balance. Ich werde sicher viel Sport treiben und an der Familiengeschichte schreiben.“ Wahrlich keine „Übeltäterei“.

Von Peter Stein

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