Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 1 ° Regenschauer

Navigation:
Jennifer Zietz macht Schluss mit Turbine

Urgestein hört auf Jennifer Zietz macht Schluss mit Turbine

Am Dienstag ist der letzte Arbeitstag von Fußballerin Jennifer Zietz beim 1. FFC Turbine Potsdam. Seit 1998 kickte die 31  Jahre alte Fußballerin bei dem Traditionsclub. Sechsmal wurde „Jenny“ mit den Turbinen deutscher Meister, dreimal Pokalsieger, und 2010 gewann sie mit Potsdam sogar die Champions League. Jennifer Zietz im großen MAZ-Interview.

Voriger Artikel
Anna Sarholz wechselt zu Babelsberg 03
Nächster Artikel
WM-Aus: Darum freut sich Bernd Schröder

Jennifer Zietz hört mit dem Fußball bei Turbine Potsdam auf.

Quelle: Jan Kuppert

Jennifer Zietz räumt ihren Spint: Seit 1998 kickte die 31  Jahre alte Fußballerin beim Traditionsclub 1. FFC Turbine Potsdam. Sechsmal wurde „Jenny“ mit den „Torbienen“ deutscher Meister. 2004, 2005 und 2006 holte die gebürtige Rostockerin den DFB-Pokal. Höhepunkt war 2010 der Gewinn der Champions League. Die 15-fache Nationalspielerin hat alle Höhen und Tiefen der letzten 17 Jahre miterlebt: Am 30. Juni geht sie von Bord.

MAZ: 17 Jahre Turbine Potsdam, eine lange Zeit. Können Sie sich noch an Ihr erstes Training in Potsdam erinnern?
Jennifer Zietz: Klar. Bei der ersten Torschussübung habe ich den  Ball gleich mal in die Havel geschossen. Meine Eltern hatten mich damals nach Potsdam gefahren. Wir haben auf dem Werferplatz unten am Wasser trainiert, nicht im Stadion. Den Käfig gab es auch noch nicht. Ich wusste eigentlich auch gar nicht, auf was ich mich da einlasse. Mit 15 Jahren. Nachdem mir alle Spielerinnen ihre Namen gesagt haben, dachte ich mir so: Gut, die kann ich mir sowieso vor lauter Aufregung  nicht alle merken.
Wer war damals alles dabei?
Zietz: Jana Schadrack, Conny Pohlers und Ariane Hingst. Aber ich wusste damals  gar nicht so richtig, wer das war. Klar habe ich hin und wieder in Rostock auch Bundesliga geguckt, aber ich konnte mit der Liga erst einmal nicht so viel anfangen. Da bin ich dann eher so reingewachsen.
Und wie! Ihre Visitenkarten sind voll mit Titeln. Welche Höhepunkte sind Ihnen in Erinnerung?
Zietz: Die erste Meisterschaft und der erste Pokalsieg 2004. Dann  natürlich der Champions-League-Titel in Madrid 2010. Das ganze Drumherum in Spanien. Das Gefühl, was wir als Mannschaft dort hatten, war unbeschreiblich. Davon erzähle ich noch heute gerne: Von den vielen Situationen und Geschichten, die wir in Getafe erlebt hatten. Und natürlich dann auch das Finale dort. Das war Wahnsinn. Der Moment, als ich bei der Siegerehrung den Pokal  hochgehalten habe, war gigantisch. Ein toller Abend. Ich habe ja auch den  Ball vom Endspiel mitgenommen.
Wo liegt der Ball jetzt?
Zietz: Der ist bei mir zu Hause. Man sieht es sogar im Video: Alle rennen unserer Torfrau Anna Sarholz hinterher, die gerade den entscheidenden Elfmeter gehalten hatte. Ich hingegen biege in die andere Richtung ab und hole mir den Ball, auf den ich ganz scharf war. Darauf bin auch   stolz. Die Feier danach war  ein wenig schleppend, weil wir alle so müde waren.
Sie haben während Ihrer Zeit bei Turbine viele  Spielerinnen kommen und auch wieder gehen  sehen. Gibt es Kickerinnen, mit denen sie besonders gern zusammengespielt haben?
Zietz: Mit  Anja Mittag. Wir sind echte Freundinnen geworden. Ich habe dann aber auch verstehen müssen, dass sie hier nicht mehr glücklich gewesen ist.  Ich bin froh, dass es ihr jetzt wieder  gut geht. Auch mit  Aferdita Podvorica habe ich gern zusammengespielt.  Ich habe selten so ein Schlitzohr gesehen. Sie und Conny Pohlers sind meine absoluten Top-Kandidaten für das Schlitzohr in der Liga. Mit Lira Bajramaj, die heute Alushi heißt,   natürlich auch. Sie hat so eine unheimliche Spielfreude ausgestrahlt, die sich dann auch auf die ganze Mannschaft übertragen hat.
Und noch andere?
Zietz: Die Zeiten mit dem Champions-League-Gewinn 2010 waren super: Mit Nadine Keßler, Josephine Henning, Babett Peter,  Viola Odebrecht und den  Kerschowski-Schwestern. Das waren schon zwei, drei Jahre, die  sehr, sehr schön waren.
Sie waren immer die treue Seele der Mannschaft, waren das Verbindungsstück zwischen den Spielerinnen und dem Trainer Bernd Schröder. Sie hatten oft ein Ohr für die Probleme der Mitspielerinnen. Was hat Turbine ausgezeichnet?
Zietz: Früher war es auf jeden Fall Familie, Ehrlichkeit und Charakterstärke. Dass man auch zu seinen Fehlern gestanden hat. Leidensfähigkeit natürlich sowieso. Man hat nicht viel hinterfragt, man hatte einfach eine Freude am Spielen. Tempofußball würde ich es nennen. Es war einfach warmherziger als heute. Früher waren es echt familiäre Strukturen. Ich glaube, dadurch, dass der Trainer mitbekommen hat, wie seine Spieler heranwachsen, ist ein besonderes Verhältnis entstanden.
Heute ist das anders?
Zietz: In den letzten Jahren ist aufgrund der Entwicklung im Frauenfußball eine Professionalität gefragt, die man natürlich als Verein  mitgehen muss. Dadurch ist er viel größer geworden. Die Mannschaft verändert sich regelmäßig. Wobei darunter auch die familiäre Atmosphäre und Warmherzigkeit leiden. Es ist einfach schwer, zu Spielerinnen eine Bindung aufzubauen, wenn sie als ältere Spielerinnen hierher kommen,  nicht in der Schule hier waren und den Verein nicht so genau kennen.  Man kann dann auch nicht verlangen, dass sie mit vollem Herz und Leidenschaft für den Verein kämpfen. Und genau das ist in den letzten Jahren auch auf der Strecke geblieben.
Trainer Bernd Schröder konnte immer auf Sie zählen. Warum ist jetzt Schluss?
Zietz: Ich hatte ein sehr gutes Gespräch mit dem Verein, aber danach gab es Phasen, in denen ich mir nicht mehr hundertprozentig sicher war.
Wie meinen Sie das?
Zietz: Ich hatte Zeit, die letzten zwei Jahre Revue passieren zu lassen. Leute aus meinem engeren persönlichen Umfeld konnten mir keinen triftigen Grund nennen, warum der Aufwand auch dem Nutzen entsprechen würde. Den Einsatz, den ich jeden Tag auf dem Platz gebracht habe und das, was ich letztendlich rausbekommen habe. Da war in den letzten Jahren  die ein oder andere Enttäuschung dabei. Ich habe für mich entschieden, selber aufrecht vom Platz zu gehen und nicht eventuell runter getragen werden zu müssen.
Also sportliche Gründe waren es nicht?
Zietz: Sportlich gesehen habe ich – auch wenn andere das vielleicht  anders sehen –   keine Probleme gehabt. Ich konnte das komplette Training mitziehen, und hatte eine hohe Trainingsbeteiligung gehabt. Bis zum Abschluss des Studiums war ich bei jedem Training dabei, habe alles mitgemacht. Da denke ich, kann man mir nichts vorhalten. Klar waren die Belastungen nicht mehr so einfach, so als wenn man 16 Jahre alt ist. Aber ich war motiviert und diszipliniert.
Sie absolvieren gerade ein Praktikum bei der AOK im Bereich ­Marketing. Wie sieht die Zukunft aus?
Zietz: Ich habe mein Sportstudium abgeschlossen, das war mir sehr wichtig. Dabei hat mich auch der Verein immer unterstützt. Ich wollte bei der AOK, die Sponsor ist von Turbine, reinschnuppern. Ich habe mich dort beworben und man hat mich sehr nett aufgenommen. Was nicht selbstverständlich ist. Ich konnte erste berufliche Erfahrungen sammeln und es macht mir Spaß. Ich hoffe, dass ich dort noch länger bleiben kann.
Morgen beginnt Turbine Potsdam mit der Vorbereitung auf die neue Saison. Zum ersten Mal  ohne Jennifer Zietz. Wie geht es Ihnen bei diesem Gedanken?
Zietz: Es fühlt sich noch immer so an, als hätte ich mit jemandem Schluss gemacht. Ich habe mich schon sehr schlecht gefühlt, nachdem ich dem Verein mitgeteilt habe, dass ich aufhören werde. Vor allem meiner Mannschaft gegenüber. Die Möglichkeit, woanders zu spielen, gab es. Aber innerhalb der Liga war es für mich auch vom Herzen her einfach nicht möglich. Dann hätte ich gegen Turbine gespielt. Es wird schon komisch werden ohne sie. Ohne meine Mannschaft. Man hat sie ja alle lieb gewonnen  – mit allen Macken.

Interview: Sebastian Morgner

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Turbine Potsdam
Turbine Potsdam: Kader für die Saison 2014/15

Das Saisonziel für Turbine Potsdam ist klar: Zurück nach Europa! Viele junge Talente und drei U-20-Weltmeisterinnen im Team sollen den Weg an die Spitze der Champions League ebnen. Die MAZ zeigt den Kader der Saison 2014/2015.

MAZ Sportbuzzer