Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 8 ° Sprühregen

Navigation:
Potsdamer Ruderfamilie entzweit

Zu Hause in... Potsdam West Potsdamer Ruderfamilie entzweit

Jahrzehntelang fischten die Ruderer aus Potsdam bei internationalen Regatten Edelmetall. Olympiasieger und Weltmeister gaben sich am „Seekrug“ die Klinke in die Hand. Doch die goldenen Zeiten sind vorbei, die Zukunft des Ruderstützpunktes am Templiner See ungewiss.

Potsdam West 52.3905689 13.0644729
Google Map of 52.3905689,13.0644729
Potsdam West Mehr Infos
Nächster Artikel
Robert Harting startet Mission Titelrückeroberung

Ein Bild aus besseren Tagen: Die Olympiasiegerinnen Kathrin Boron (l.) und Kerstin Kowalski beim Training vorm Seekrug am Templiner See.

Quelle: Olaf Möldner

Potsdam West. Wer nach einem Spaziergang am schönen Havelufer oder durch den nahen Forst im „Seekrug“ einen Kaffee trinken möchte, wird bitter enttäuscht. Das im Oktober 1937 eröffnete Restaurant am Templiner See ist geschlossen – seit drei Jahren nun schon. Und ein neuer Pächter ist nicht in Sicht.

Das ärgert auch Harald Wujanz. Der 59-Jährige ist Vorsitzender der Potsdamer Ruder-Gesellschaft (PRG) und sitzt in einem kleinen Büro im Obergeschoss des „Seekrugs“, einem Holzfachwerkbau im niedersächsischen Stil. Er hat während eines halben Jahrhunderts sämtliche Höhen und Tiefen des Rudersports in Potsdam miterlebt, fing 1965 mit dem Rudern an, wurde 1975 DDR-Meister im Zweier mit Steuermann. Ein Jahr später machte er Abitur, studierte Fernmeldetechnik an der Verkehrshochschule in Dresden und ging schließlich zur Polizei, bei der er noch heute arbeitet.

Die ganz große Sportkarriere blieb dem hochgewachsenem Mann zwar versagt, doch der Liebe zum Rudern tat das keinen Abbruch. Wujanz erlebte am Templiner See die olympischen Triumphe der Zwillingsbrüder Bernd und Jörg Landvoigt, von Jutta Lau, Beate Schramm, Kathrin Boron, Kerstin Köppen und der Zwillingsschwestern Kerstin und Manja Kowalski. Doch die goldene Zeiten für den Potsdamer Ruderspor sind mittlerweile vorbei. 2008 gab es die letzte olympische Medaille für Sportler vom Seekrug. In Rio könnten die Regatten im Zeichen der fünf Ringe erstmals ohne Potsdamer Beteiligung ausgetragen werden.

Die Gründe für den Niedergang sind vielfältig

Die Gründe für den Niedergang sind vielfältig. „Die Rahmenbedingungen sind anders, die Sportler sind andere“, sagt Wujanz. Es sei heute schwieriger, junge Leute für das alltägliche Training zu motivieren, als zu DDR-Zeiten. Damals lockte die Aussicht auf Wettkampfreisen ins westliche Ausland viele Jugendliche an die Sportgeräte. Mit dem Mauerfall hatte sich diese Form der Motivation erledigt. Hinzu kommt die Doppelbelastung von Sport und Schule beziehungsweise Ausbildung, der viele Talente nicht gewachsen sind. „Viele hören schon vorm Abitur auf“, so Wujanz.

Doch es gibt auch hausgemachte Probleme. Nach dem Tod des langjährigen Vorsitzenden der PRG, Peter Langbehn, im Jahr 2004 und dem Weggang von Erfolgstrainerin Jutta Lau im Jahr 2008 geriet die Potsdamer Ruderfamilie zunehmend in Streit. Breitensportler und Leistungsruderer entzweiten sich. „Der Breitensport hat immer von den Krümeln gelebt, die der Leistungssport übrig gelassen hat. Langbehn hatte allerdings dafür gesorgt, dass diese Krümel etwas größer waren“, erinnert sich Wujanz. Unter der neuen Führung fühlten sich die Breitensportler immer weiter an den Rand gedrängt. Es ging um Geld und Boote, aber auch Nutzungszeiten für das Ruderbecken oder die Sauna. 2011 kam es zur endgültigen Trennung.

Heute konkurrieren zwei Klubs um die Gunst der Potsdamer

Heute teilen sich 110 Breitensportler der PRG und 150 Mitglieder des Ruder-Clubs Potsdam, unter ihnen die Sportschüler, das Gelände am „Seekrug.“ Es gibt zwei Pachtverträge, die alljährlich verlängert werden, und eine Nutzungsvereinbarung. Beide Vereine haben ihre eigenen Räume in der ehemaligen Gaststätte. „Man existiert mehr oder weniger nebeneinander, aber man respektiert sich nicht“, sagt Wujanz. Mehrere Gespräche über eine Wiedervereinigung beider Vereine sind gescheitert. Immer wieder flammt Streit auf. „Beide Vereine wollen das Gleiche und stehen sich dadurch im Weg. Doch der Streit schadet dem Potsdamer Rudersport“, sagt Andreas Klemund, Leiter des Olympiastützpunktes der Landeshauptstadt.

Pessimisten gehen ohnehin davon aus, dass die Tage der Ruderer am „Seekrug“ gezählt sind. Immer wieder machen Gerüchte die Runde, das idyllisch gelegene Areal am Templiner See solle früher oder später einer Villensiedlung weichen. Die Stadt könnte die Einnahmen durch Grundstücksverkäufe gut brauchen. Zwar steht das sanierungsbedürftige Restaurant unter Denkmalschutz, doch die benachbarten Funktionsgebäude aus DDR-Zeiten und die Bootshäuser könnten schnell abgerissen werden. Gerade erst haben die Potsdamer Stadtverordneten die Erweiterung des Masterplans „Luftschiffhafen“ um den Bereich „Seekrug“ beschlossen. Bis zum Ende des Jahres sollen sämtliche Vorschläge zur Zukunft des Areals auf den Tisch. „Die Frage ist: Was will die Stadt als Eigentümer dort machen, was ist dort möglich?“, sagt Klemund. Er gehe davon aus, dass es Rudern in Potsdam immer geben werde. „Doch was ist notwendig? Und welche Mittel braucht es dafür?“

Die Stadt kann die Sanierung und den Erhalt der Sportstätten nicht aus eigener Kraft stemmen. Schwache Resultate der deutschen Flotte bei internationalen Wettkämpfen haben eine geringere Förderung durch das Bundesinnenministerium zur Folge. Klemund warnt vor überhasteten Entscheidungen. „Was einmal abgeschafft wird, kriegst du nur mit größten Anstrengungen wieder.“ Dem 44-Jährigen schwebt eine Fusion mit dem Berliner Ruder-Stützpunkt und perspektivisch die Konzentration auf den Frauen-Achter vor. „Dabei kannst du nur gewinnen!“

Geschichte des Potsdamer „Seekrugs“

1937 wurde die damalige Gaststätte „Seekrug“ am Templiner See nach knapp dreijähriger Bauzeit eröffnet. Es war die dritte städtische Gaststätte auf dem Wasser- und Luftlandeplatz Luftschiffhafen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten die in Potsdam stationierten sowjetischen Truppen den „Seekrug“ zeitweilig als Theatersaal.

1950 erhielten die Ruderer das Haus von der Stadt zur Nutzung.

Am 14. April 1951 brannte der mit Schilf gedeckte Dachstuhl des Hauses ab, das Reeddach wurde durch ein Ziegeldach ersetzt.

Schritt für Schritt



Nach der Wende

Auf das Gelände am Seekrug strömen junge Ruderer. Sie lernen in der benachbarten Sportschule. Vom Wasser schallen die Anweisungen der Trainer übers Megafon herüber. Ein Doppelvierer zieht flott seine Spur durch den Templiner See. „Unser Ziel ist es, den Rudersport zu erhalten. Wir wollen Schritt für Schritt wieder dahin kommen, wo wir hergekommen sind“, sagt Wujanz. Und vielleicht gibt es dann auch wieder einen Kaffee im Seekrug.

Von Jens Trommer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Sport in Brandenburg
MAZ Sportbuzzer
Lindow-Gransee feiert Meisterschaft

Der größte Vereinserfolg der Volleyballer des SV Lindow-Gransee perfekt. Mitte April 2015 konnten sie die Meisterschaft in der 2. Volleyball-Bundesliga fiern.