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Schenken stiftet Bindung

Für Soziologen hat der Austausch von Gaben eine wichtige Bedeutung für die Gesellschaft Schenken stiftet Bindung

Zum Weihnachtsfest gehört untrennbar das wechselseitige Beschenken dazu. Aus Sicht der Soziologie haben Geschenke eine wichtige Funktion in der menschlichen Gesellschaft. Denn anders als beim geldvermittelten Äquivalenttausch entstehen durch das wechselseitige Beschenke dauerhafte soziale Beziehungen zwischen den Menschen.

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Nicht so sehr der materielle Wert ist beim Schenken wichtig.

Quelle: Fotolia

Potsdam. Der Dezember ist der Monat des Schenkens. Auch Menschen, die sich sonst eher selten über die Wünsche Anderer Gedanken machen, sind in der Zeit vor Weihnachten auf der Suche nach Dingen, mit denen sie Freunden und Verwandten eine Freude machen können. Für den Soziologen Steffen Mau von der Berliner Humboldt-Universität ist das Schenken allerdings alles andere als ein Randphänomen in unserer von Kaufbeziehungen bestimmten Gesellschaft. „Schenken stiftet Beziehung“, erklärt er. Genauer: Durch Geschenke werde eine sehr spezifische Form der sozialen Bindung etabliert, die Reziprozität.

Unter Reziprozität, zu übersetzen mit Gegenseitigkeit, versteht Mau ein Geben und Nehmen, das durch zeitliche Intervalle und eine gewisse Ungleichwertigkeit der Güter gekennzeichnet ist. Ich gebe etwas in der Erwartung, etwas zurückzuerhalten, aber nicht sofort und nicht auf Heller und Pfennig. Die Gabe stiftet eine soziale Beziehung, hatte schon der französische Soziologe Marcel Mauss herausgefunden. Der Beschenkte steht in der Schuld des Schenkenden. Und weil eine Gegengabe nie vollständig der ursprünglichen Gabe entspricht, sondern immer etwas eigenes ist, bleiben die gegenseitigen Schuldkonten offen.

Die Reziprozität sieht Steffen Mau als drittes Prinzip neben dem Altruismus, das heißt dem uneigennützigen reinen Geben, und dem geldvermittelten Äquivalenttausch. Beim Äquivalenttausch entsteht eine soziale Beziehung nur im kurzen Moment des Kaufs, danach ist sie wieder aufgelöst. Der Kauf ist durch den klar definierten Preis transparent. Nach dem Bezahlen sind beide Seiten frei von jeder sozialen Bindung.

Beim Schenken dagegen sind sehr viele ungeschriebene Gesetze zu beachten. Die Gegengabe ist verpflichtend, und sie darf weder zu klein ausfallen, noch zu üppig. „Man kann jemanden auch mit sehr großen Geschenken brüskieren“, erklärt Mau, der unter dem Titel „Vom Geben und Nehmen“ ein Buch zu dem Thema herausgegeben hat. Schenken findet außerdem in einer rituellen Form statt. So werden Geschenke stets eingepackt überreicht, der Preis wird tunlichst verschwiegen.

Allerdings wird heute manchmal mit der alten Form gebrochen, wenn Gutscheine oder Bargeld verschenkt werden. Damit bewege man sich nur noch formell in der symbolischen Form des Gabentauschs, sagt der Soziologe, denn alle Beteiligten kennen den genauen Wert. Allerdings seien Geldgeschenke in Familien schon immer üblich gewesen, durchaus auch sehr einseitige. Wenn Eltern ihren möglicherweise schon lange erwachsenen Kindern regelmäßig Geld zustecken, dient auch das der Bindung. Als Gegengabe sind viele Eltern mit Dankbarkeit und gelegentlicher Aufmerksamkeit zufrieden.

Aus Sicht der klassischen Ökonomie müssten Geldgeschenke eigentlich optimal sein, sagt Moritz Remig, Ökonom am Potsdamer Nachhaltigkeits-Institut IASS. „Der Gedanke ist, dass jeder seine Präferenzen selbst am besten kennt“, erklärt er. Bei Sachgeschenken dagegen könnten Fehlkäufe entstehen, die wohlfahrtsmindernd wirken. In den USA seien auch Studien durchgeführt worden, die eine solche Annahme zu bestätigen scheinen. „Wer lediglich auf den Geldwert der Geschenke schaut, lässt aber den immaterielle und emotionale Wert von Geschenken außer Acht. Das wird bei solchen Studien oft nicht angemessen bewertet“, sagt Remig. Schließlich zeige die Auswahl eines passenden Geschenks, dass es dem Schenkenden gelungen sei, sich in den Beschenkten hineinzuversetzen. Oder dass er in den Wochen und Monaten zuvor genau auf Wünsche und Vorlieben des Gegenübers geachtet habe.

Dass Gutscheine heute beliebt seien, habe oft auch mit der Abneigung vor Stressgefühlen im Weihnachtsgeschäft zu tun. Die Weihnachtszeit wird oft mehr stressig denn besinnlich wahrgenommen. Schaue man in den Fußgängerzonen in die Gesichter der Menschen, könne man schon den Eindruck einer Konsummaschinerie haben, bedauert der Nachhaltigkeitsforscher. „Wir kaufen viel mehr, als wir brauchen und haben oft mehr, als uns glücklich macht“, gibt er zu bedenken. Mit Blick auf eine nachhaltige, die Ressourcen des Planenten schonende Entwicklung wäre mehr Bescheidenheit sinnvoll. Manche beschließen aus diesem Grund, auf das Schenken zu verzichten. Aber die Sache hat einen Haken: Man weiß nie, ob der andere sich daran hält oder nicht doch noch ein Geschenk aus der Tasche zieht. Deshalb haben solche Versuche oft eine kurze Dauer. Remig empfiehlt als Alternative selbst gemachte Geschenke – oder gemeinsam verbrachte Zeit. Das können dann zum Beispiel Tickets für ein Konzert oder eine Ausstellung sein. Solche Präsente stellen sich etwas abseits des Massenkonsums.

Manche Art von Geschenke ist dagegen inzwischen in Verruf geraten. Wenn ein Unternehmer einem Amtsleiter zu Weihnachten eine teure Flasche Wein schickt, dann sieht das schon nach Korruption aus. Selbst Geschenke von Eltern an Lehrer sind sehr stark eingeschränkt. „Es gibt einen schmalen Grat zwischen Schenkkultur und Bestechung“, sagt der Soziologe Steffen Mau. Freiheit und Gleichheit sind zentrale Werte in unserer Gesellschaft und sie setzen zwingend voraus, dass es nicht irgendwelche Sympathien und Freundschaften sind, die bestimmen, wer einen Auftrag bekommt oder wer in der Schule gute Noten erhält.

Dennoch sieht Mau kein Ende der Schenkkultur. „Die gesamte Gesellschaft ist von Reziprozität durchdrungen“, betont er. Jede Art von ehrenamtlichem Engagement sei dadurch motiviert. Wer etwa Flüchtlingen helfe, erwarte dafür kein Geld und keine Gegenleistung, hoffe aber darauf, dass die Neuankömmlinge sich im Gegenzug gut in die Gesellschaft integrieren. In Partnerschaften oder Freundschaften gebe es die Bereitschaft, auch einseitig sehr viel mehr für den anderen zu tun, wenn man sich darauf verlassen kann, dass der andere unter entsprechenden Umständen genauso handeln würde. Wird dieses Gefühl verletzt, knirscht es in Beziehungen.

Selbst der Sozialstaat lässt sich Mau zufolge als Ausdruck des Prinzips der Reziprozität verstehen. Junge und Gesunde seien bereit, für Ältere und Kranke zu zahlen, weil diese Menschen ja ihrerseits in ihrer aktiven Zeit für andere gesorgt hätten. Darauf deute das Wort vom „verdienten Ruhestand“. Auch Stiftungen ließen sich als Ausdruck dieses Prinzips verstehen. „Der Gedanke ist: Ich habe etwas von der Gesellschaft bekommen, da möchte ich etwas zurückgeben.“ Gerade zu Weihnachten sind solche Überlegungen den meisten Menschen nicht fremd, meint Ökonom Moritz Remig. Deshalb sei es in vielen Familien Brauch, zu dieser Zeit für wohltätige Zwecke zu spenden.

Von Ulrich Nettelstroth

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