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Berlin „Wir gehören in dieses Haus“ - 100 Jahre Frauenwahlrecht
Nachrichten Berlin „Wir gehören in dieses Haus“ - 100 Jahre Frauenwahlrecht
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10:14 11.11.2018
Während des Hamburger Hafenarbeiterstreiks von 1896 organisierte Luise Zietz den Widerstand der Frauen. Quelle: dpa
Berlin

Wer waren Clara Zetkin und Hedwig Dohm? Minna Cauer, Helene Lange, Anita Augspurg und Louise Otto-Peters? Bei einem Fernsehquiz würden wahrscheinlich viele bei diesen Namen scheitern. Es sind alles Vorkämpferinnen, die dazu beigetragen haben, dass Frauen in Deutschland wählen dürfen - ein Recht, das es am 12. November seit 100 Jahren gibt. Es wurde im Herbst 1918 in der Übergangsphase zwischen Kaiserzeit und Weimarer Republik verkündet.

Beim Namen Clara Zetkin dürfte es noch bei den meisten klingeln: Sie hat 1911 den Frauentag mit ins Leben gerufen, war Reichstagsabgeordnete und zu DDR-Zeiten eine sozialistische Ikone. Für Kaiser Wilhelm II. war sie die „gefährlichste Hexe des deutschen Reiches“.

Die Suffragetten in England sind berühmt - die Pionierinnen des deutschen Frauenwahlrechts weniger. Seit 100 Jahren können Frauen in Deutschland wählen gehen und gewählt werden.

Nicht nur Zetkin, auch andere Frauenrechtlerinnen werden gerade wieder entdeckt und gefeiert. Das Bundesfrauenministerium fördert eine Jubiläumskampagne zu 100 Jahren Frauenwahlrecht. In Frankfurt am Main gibt es die Ausstellung „Damenwahl!“. Die frühe Frauenbewegung ist in Deutschland nicht so bekannt wie die Suffragetten-Bewegung, die Wahlrechtskämpferinnen in Großbritannien. Deren Geschichte wurde fürs Kino mit Meryl Streep als Emmeline Pankhurst verfilmt.

Frauenanteil 2017 im Bundestag wie 1998

Ähnlich wie das Ende des Ersten Weltkriegs, die Novemberrevolution und der Matrosenaufstand ragt das Thema Frauenwahlrecht bis ins Heute. Das Kapitel Gleichberechtigung ist nicht abgeschlossen, von der Lohnfrage bis zu den Chefetagen. 2017 sank der Anteil der Frauen im Bundestag mit 30,9 Prozent auf das Niveau von 1998.

Noch immer gibt es viele Männerdomänen. Die Lücken fallen sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel auf, die sonst in Frauenfragen nicht gerade auf Alice Schwarzers Spuren wandelt.

So belehrte die CDU-Chefin die Junge Union wegen des frauenlosen Bundesvorstands: „Schön männlich. Aber 50 Prozent des Volkes fehlen.“ Viele johlten, als die Kanzlerin noch einen draufsetzte: „Und ich sag' Ihnen: Frauen bereichern das Leben. Nicht nur im Privaten, auch im Politischen. Sie wissen gar nicht, was Ihnen entgeht.“ Merkel ist nun schon so lange an der Macht, dass die „taz“ gerade zu ihrem Rückzug von der Parteispitze fragte: „Ist Deutschland bereit für einen Mann als Kanzlerin?“

„Menschenrechte haben kein Geschlecht“

Solche Sätze wären früher kaum denkbar gewesen. In der Kaiserzeit bestimmten Ehemänner über das Leben ihrer Frauen. Es galt der „Gehorsamkeitsparagraf“. In den Kleinanzeigen der Zeitungen, nachzulesen im Mikrofilmarchiv der Berliner Bibliotheken, spiegelt sich die Gesellschaft im November 1918: Neben „preiswerten Operngläsern“, „auffallend schönen Goldfüchsen“ und der „Lotterie zugunsten der Verwundeten“ wird dort eine Kochkiste für die Hausfrau angepriesen - Typ: „Heimchen am Herd“.

Die Aktivistin Minna Cauer forderte hingegen schon 1902: „Die Frau gehört nicht mehr ins Haus, sie gehört in dieses Haus: den Reichstag.“ Visionär war die Schriftstellerin Hedwig Dohm. Die Vordenkerin machte sich bereits 1873 für das politische Stimmrecht für Frauen stark. Einer ihrer vielzitierten Sätze lautet: „Menschenrechte haben kein Geschlecht.“

Das Ergebnis von Forderungen

Als der Rat der Volksbeauftragten am 12. November das Wahlrecht reformierte und damit den Frauen eine Stimme gab, fiel das nicht vom Himmel. Es hatte eine Vorgeschichte - mit Vereinen, Zeitschriften, Kundgebungen, Kongressen. Die erste Partei, die das Frauenstimmrecht wollte, war 1891 die SPD. Davor sorgte August Bebel 1879 mit dem Buch „Die Frau und der Sozialismus“ für Furore.

Im Oktober 1918 hatten mehr als 50 Frauenorganisationen den Reichskanzler Max von Baden aufgefordert, das Wahlrecht durchzusetzen. „Das ist ziemlich unbekannt“, sagt die Historikerin Monika Wienfort von der Berliner Humboldt-Universität. Für sie verdeutlicht es, dass das Recht nicht etwa ein „Geschenk“ war, sondern eine Reaktion auf Forderungen.

Wahlrecht ja, soziale Gerechtigkeit nein

Das Wahlrecht sei ein bedeutender Schritt gewesen. Sozial gerechter wurde die Welt danach für die deutschen Frauen laut Wienfort nicht unbedingt. Sie verweist auf das Zivilrecht. So schrieb das Bürgerliche Gesetzbuch bis 1977 vor, dass Frauen nicht ohne die Zustimmung ihres Mannes arbeiten dürfen. Bis 1958 konnte der Mann den Arbeitsvertrag seiner Frau sogar ohne deren Einwilligung fristlos kündigen.

Deutschland war damals mit dem Frauenwahlrecht nicht allein. Rund 40 Staaten führten es zwischen 1906 und 1932 ein, in Neuseeland gab es das Recht schon 1893. Früher hieß es, das Recht sei in Deutschland mit dem Kriegsende gekommen oder es sei „ein Geschenk einer Revolution, die von proletarischen Massen getragen wurde“, wie es Clara Zetkin formulierte.

Revolution ist männlich geprägt

Die moderne Forschung sieht besonders die frühe Frauenbewegung und viele gesellschaftliche Faktoren im Spiel. Die Historikerin Hedwig Richter beschreibt in einem Buch, wie sich die Gesellschaft um die Jahrhundertwende änderte: Frauen arbeiteten als Lehrerin oder Stenotypistin, sie fuhren Rad, die Badeanzüge wurden bequemer. Tausende Frauen zog es an die Universitäten. Es waren Jahre des Aufbruchs, gebremst vom Ersten Weltkrieg.

Warum ist die Leistung der Frauenrechtlerinnen heute so wenig bekannt? „Revolution und Geschichte ist männlich geprägt, Frauen als Protagonistinnen fallen hinten runter“, sagt Jenny Jung, eine der Kuratorinnen am Historischen Museum Frankfurt. Dazu kam, dass viel durch den Nationalsozialismus verloren ging, etwa Zeugnisse zu den Frauenrechtlerinnen Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann.

Kampf für Gleichberechtigung dauert an

Ihre Geschichte kann man im Jubiläumsjahr wieder entdecken. Genauso wie die von Marie Juchacz, der Gründerin der Arbeiterwohlfahrt. Als erste Frau sprach die Sozialdemokratin am 19. Februar 1919 in der Weimarer Nationalversammlung. Sie fand, dass die Frauen der Regierung für das Wahlrecht nicht im althergebrachten Sinne Dank schuldeten. „Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist.“

Noch 1970 war es eine Sensation, als die SPD-Abgeordnete Lenelotte von Bothmer im Bundestag in Bonn in einem Hosenanzug erschien. Auch wenn es Menschen gibt, die das Thema für passé halten, der Kampf der Frauen für Gleichberechtigung dauert bis heute an. Im Herbst 2018 veröffentlichte der „Spiegel“ eine Sonderausgabe „#Frauenland“. Das Magazin titelte dazu: „100 Jahre Frauenwahlrecht, 1 Jahr #MeToo - Wie modern ist Deutschland?“

Feministinnen werden bis heute angefeindet. So erlebt es beispielsweise die Kolumnistin Margarete Stokowski, die mit „Die letzten Tage des Patriarchats“ gerade einen Bestseller landete und reihenweise Lesungen füllt. Die 32-Jährige zitiert in ihrem Buch die Pionierin Hedwig Dohm: „Man kommt sich auf dem Gebiete der Frauenfrage immer wie ein Wiederkäuer vor.“ Der Satz ist über 100 Jahre alt.

Von dpa/RND

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