Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Berlin Wie Ali Baba für Wirbel in der Hauptstadt sorgt
Nachrichten Berlin Wie Ali Baba für Wirbel in der Hauptstadt sorgt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
02:15 09.12.2017
Der Spielplatz „Ali Baba und die 40 Räuber“ in Berlin Neukölln: Nach dem Umbau ist der Spielplatz am 6. Dezember eröffnet worden. Quelle: Britta Pedersen
Anzeige
Berlin

Der Untergang des Abendlandes – so meinen einige – nimmt gleich hinter dem Berliner S-Bahnhof Neukölln seinen Lauf. In einer tristen Seitenstraße, umrahmt von schmucklosen Mietskasernen, hat sich ein hölzerner Kuppelbau nebst gelbem Halbmond an der Spitze zum religionspolitischen Aufreger der Hauptstadt entwickelt. Das ist vor allem bemerkenswert, weil es sich nicht etwa um eine neue Moschee, sondern um einen Kinderspielplatz handelt.

Eigentlich sollen die Knirpse dort in die Märchenwelt von Ali Baba und den 40 Räubern eintauchen. Doch Verschwörungstheoretiker und andere selbst ernannte Hüter des christlichen Abendlandes sehen in dem Projekt einen weiteren Beleg für das aus ihrer Sicht übermäßige Vordringen des Islam in Deutschland. „Jetzt werden schon Spielplätze zu religiösen Einrichtungen“, twitterte die Berliner AfD-Fraktion schon vor Wochen zu ersten Bildern des Projekts. Natürlich nicht, ohne vor einer „Islamisierung“ zu warnen. Im Netz hyperventilierten diverse andere Nutzer.

Der Spielplatz «Ali Baba und die 40 Räuber» Quelle: Britta Pedersen

Gestern nun wurde der „meistdiskutierte Spielplatz in Deutschland“, wie es Neuköllns Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey formulierte, eröffnet. Unter Polizeischutz, muss angemerkt werden, denn nach den Hasstiraden der letzten Wochen bei Twitter und Co. gegen das Projekt wollten die Behörden auf Nummer sicher gehen. Zwischenfälle gab es nicht – sieht man einmal von dem Trubel ab, den ein rotbefrackter Nikolaus mit kleinen süßen Gaben bei den zahlreich anwesenden Kindern auslöste.

„Die Debatte ist wirklich absurd“, sagt Giffey. „Wir haben hier keine Moschee gebaut, sondern eine orientalische Burg.“ Ziel sei es, Geschichten zu erzählen, die Fantasie der Kinder anzuregen, sie in eine Märchenwelt eintauchen zu lassen. Daher finden sich neben dem fünf Meter hohen Kletterhaus mit Kuppel etwa hölzerne Palmen, ein Basar, ein fliegender Teppich und natürlich Ali Baba und eine Schatztruhe. „Märchen sind für alle da“, sagt die SPD-Politikerin.

Der Spielplatz «Ali Baba und die 40 Räuber» Quelle: Britta Pedersen

„Solche Themenspielplätze sind in Berlin und in Deutschland keine Seltenheit“, erläutert Spielplatzplaner Axel Kruse, der auch für die Umgestaltung des lange unansehnlichen Areals in der Neuköllner Walterstraße verantwortlich zeichnet. „Sie liegen seit 20 Jahren im Trend.“ Ob nun Jim Knopf, Schneewittchen und die sieben Zwerge, Bernd das Brot – in Neukölln gibt es schon einige solcher Spielplätze. Seit 15 Jahren an der Hasenheide sogar einen zu den orientalischen Märchen aus 1001 Nacht. „Gestört hat sich daran bisher niemand“, so Kruse.

Bei dem neuen Spielplatz wollten die Verantwortlichen alles richtig machen. Sie befragten die Nachbarschaft, welches Märchen sie sich wünschten. Schließlich wurden es Ali Baba und seine Räuber, weil dies die Kinder einer gleichnamige Kita um die Ecke vorschlugen. „Wie man daraus eine politische und religiöse Diskussion machen kann, ist mir unbegreiflich“, sagt Kita-Leiterin Güldane Yilmaz. „Religion hat in der Kita nichts zu suchen.“ Allerdings, räumen die Beteiligten ein, habe es auch bei einigen Eltern Bedenken gegen das Projekt gegeben.

Der Spielplatz «Ali Baba und die 40 Räuber» Quelle: Britta Pedersen

Den Kita-Knirpsen war das gestern alles egal. Ungeduldig warteten sie bei der Eröffnungsfeier auf das „Sesam öffne Dich“: Dann stürmten sie ihren neuen Spielplatz unter lautem Geschrei und nahmen auch das Kletterhäuschen mit Kuppel und Halbmond in Beschlag.

Von Stefan Kruse

Anzeige