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Als "Hitler" zur NPD-Demo kam

Erinnerungen an bizarre Dreharbeiten Als "Hitler" zur NPD-Demo kam

Das Buch stand wochenlang auf den Bestsellerlisten und verkaufte sich mehr als zwei Millionen Mal. Jetzt hat Erfolgsregisseur David Wnendt ("Kriegerin", "Feuchtgebiete") die Hitlersatire " Er ist wieder da " verfilmt - und wir erinnern uns an das vergangene Jahr, als "Hitler" plötzlich bei einer NPD-Demo erschien.

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Oliver Masucci grüßt als "Hitler".

Quelle: M. Petig

Berlin. Was war das vor rund einem Jahr im Oktober für eine Aufregung auf dem Neustädtischen Markt in Brandenburg an der Havel: Unten versammelten sich Anhänger der rechtsextremen NPD und auf dem Balkon des Hotels am Molkenmarkt erschien Hitler.

Hitler-Double auf dem Balkon.

Quelle: M. Petig

Die Gegendemonstranten waren kurz verwirrt oder verärgert, aber richtig einschätzen konnten sie die Situation zunächst nicht. Einige vermuteten, dass dies eine Aktion der Rechtsextremen sei, andere glaubten an einen Beitrag für ein Satire-Magazin. Auch beim Hotel bekam man nur wenig Auskunft. Und der "Führer" selbst? Er hielt keine Reden und hatte für den kleinen Haufen Neonazis auch nur ein knappes "alles Schlappschwänze" übrig. Die NPD selbst versicherte, dass sie " nie auf die Idee gekommen wären, den Adolf einzuladen".

Später wurde klar, dass es sich bei dieser bizarren Balkonszene um Dreharbeiten für die Verfilmung des Bestsellers "Er ist wieder da" handelte - nur die Neonazis waren leider echt. Unklar blieb jedoch, ob es ein zufälliges Aufeinandertreffen des Film-Hitlers mit den Rechtsextremen war oder ob das Filmteam bewusst die Nähe zu der NPD-Demonstration gesucht hat.

Die Staatsanwaltschaft Potsdam prüfte damals,ob sich aus dem Auftritt Anhaltspunkte für eine Straftat ergeben. Der Dezernatsleiter der politischen Abteilung prüfe von Amts wegen, ob sich daraus ein Anfangsverdacht ergebe, hieß es.

Der Film als Spiegel fürs Publikum

20 Wochen lang führte die schräge Hitler-Satire "Er ist wieder da" 2012 die Bestsellerliste an, mehr als 2,3 Millionen Exemplare sind inzwischen verkauft, Lizenzen in 41 Sprachen vergeben. Und das von Christoph Maria Herbst eingesprochene Hörbuch gilt als Kult schlechthin.

Doch Wnendt, vielgelobter Macher des Films "Kriegerin" über die Neonazi-Szene und der Skandalverfilmung "Feuchtgebiete", wäre nicht Wnendt, würde er die Vorlage nicht um einige Volten weiterdrehen. Zwar macht auch bei ihm der wiedererwachte Hitler eine atemberaubende Karriere als TV-Star, weil die Menschen ihn als einen begnadeten, politisch abgedrehten Comedian sehen. Doch der Film hält vor allem dem Publikum einen Spiegel vor.

Er zeigt, wie das Deutschland von heute einen Hitler erneut aufnimmt, wie es sich von ihm wohlig aus der «Volksseele» sprechen lässt. Wenn irgendwo der Spruch noch passt vom Lachen, das einem im Halse stecken bleibt, dann bei dieser bitterbösen, erschreckenden und unbedingt sehenswerten Satire. "Mir war wichtig, die Realität in den Film zu holen, um etwas über unsere heutige Gesellschaft auszusagen", sagt Wnendt. 

Mit seinem Hauptdarsteller, dem 1968 in Stuttgart geborenen Wiener Burgschauspieler Oliver Masucci, macht er eine Reise durch Deutschland und lässt ihn in voller Montur als Hitler-Double mit den Menschen von der Straße sprechen: dem Rentner, dem Arbeitslosen, der Hundezüchterin und dem bayerischen Bergbauern. 

Der Schauspieler Oliver Masuccibei der Welturaufführung des Kinofilms "Er ist wieder da" am Dienstag in Berlin.

Quelle: Jörg Carstensen

Als würde der aufgeräumte "Führer" dem Volk die Scham nehmen, über verborgene Ängste zu sprechen, sprudeln Vorurteile, Fremdenhass und  Politikverdrossenheit nur so heraus. Einmal etwa trifft A.H. auf einen Neonazi. "Mein Verständnis von Demokratie ist, dass einer ein Machtwort spricht und mal richtig auf den Putz haut", sagt er junge Mann. Und Hitler gibt zurück: "Genau das ist auch mein Verständnis von Demokratie."

380 Stunden Filmmaterial haben die Macher von dieser Reise mitgebracht - und ein Teil davon ist als Doku-Block im Film zu sehen. Schwierig ist allerdings, dass in Borat-Manier für den Zuschauer nicht immer klar ist, ob es sich um wahres "Dunkeldeutschland" oder gekonnte Inszenierung handelt. Ein Einmarsch im NPD-Hauptquartier etwa, bei dem Hitler die lahme Truppe dort abkanzelt, ist allenfalls deshalb als Fake zu erkennen, weil der Parteichef Birne heißt.

Auch in den fiktiven Geschichte geht es Wnendt um den Beweis, wie gut ein Adolf Hitler noch immer oder wieder bei uns ins System passt. Im Privatsender My TV erkennen der gerade geschasste Mitarbeiter Fabian Sawatzki (Fabian Busch), der karrieregeile Abteilungsleiter Christoph Sensenbrink (Christoph Maria Herbst) und die machtbewusste Programmchefin Katja Bellini (Katja Riemann) so ungefähr gleichzeitig, welches Markt- und Quotenpotenzial dieser aus dem Nichts aufgetauchte Spaßvogel mit der schnarrenden Hitler-Stimme hat - ein erbittertes Hauen und Stechen um ihn beginnt.

Für die letzte Verwischung der Ebenen sorgt schließlich der Coup, ein Tagebuch Hitlers über seine Rückkehr in die Welt zu verfilmen - ein Film im Film und jeder sieht sich mindestens doppelt. Umgesetzt ist das alles mit einer ungewöhnlichen, innovativen Bildsprache (Kamera: Hanno Lentz) und unterlegt mit assoziationsschwangerer Musik (Enis Rotthoff) zwischen "Clockwork Orange" und Richard Wagner.

Franziska Wulf als Fräulein Krömeier und Oliver Masucci als Hitler in einer Szene des Kinofilms "Er ist wieder da".

Quelle: 2015 Constantin Film Verleih GmbH

Anders als in den meisten Hitler-Filmen von Charlie Chaplins "Großem Diktator" (1940) bis zu Bernd Eichingers "Untergang" (2004) mit dem legendären Bruno Ganz arbeiten Wnendt und Masucci bewusst daran, ihren "Führer" nicht als die Inkarnation des Bösen zu zeichnen. "Auch Hitler war ein Mensch und kein Monster", sagt Wnendt. "Ohne das Volk und die Menschen, die ihn freiwillig gewählt haben, hätte es seinen Aufstieg nicht gegeben."

Am Schluss des Films fährt der "Führer" huldvoll winkend im offenen Wagen durch Berlin. Die Menschen am Straßenrand grüßen, winken ihm zu oder heben gar den Arm. Nur einer zeigt wütend den Mittelfinger. Echtes Szenario oder Horrorgemälde? Es lohnt sich, darüber nachzudenken. 

INFO

Er ist wieder da, Deutschland 2015, 110 Min., FSK ab 12, von David Wnendt, mit Oliver Masucci, Fabian Busch, Christoph Maria Herbst, Katja Riemann

Von MAZonline

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