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Das Leben der Superreichen

Reichtumsbericht Das Leben der Superreichen

Die Vorstellungen über Reichtum sind vielfach durch Klischees geprägt. Das hat auch damit zu tun, dass offizielle Berichte darüber lange Zeit nicht existierten. Ein Potsdamer Forscher bringt im Auftrag der Bundesregierung Licht ins Dunkel.

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Wohl der bekannteste Reiche: Dagobert Duck.

Quelle: dpa

Potsdam. Ob es nun das luxuriöse Villenviertel am Heiligen See oder andere Prominenten-Gegenden der Berliner Vorstadt Potsdams sind – der Bildungs- und Ungleichheitsforscher Wolfgang Lauterbach hätte vor der Tür Anschauungsmaterial genug für seine Studien. Die Untersuchungen sollen Teil des neuen Berichts „Lebenslagen“ der Bundesregierung sein. Für die noch in der laufenden Legislaturperiode zur Veröffentlichung vorgesehene Bilanz zur Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland von Bundessozialministerin Andrea Nahles (SPD) trägt der Humanwissenschaftler an der Universität Potsdam den „Reichtumsbericht“ bei.

Der Soziologe Wolfgang Lauterbach von der Universität Potsdam

Der Soziologe Wolfgang Lauterbach von der Universität Potsdam.

Quelle: privat

130 Interviews mit „Hochvermögenden“

Für seine Betrachtung ist Lauterbach aber nicht so sehr interessiert an den opulenten Eindrücken aus seiner Umgebung. Er hat Fakten gesammelt aus einem Fundus von 130 Interviews mit „Hochvermögenden“ in Deutschland, die ein verfügbares Geldvermögen von jeweils mindestens einer Millionen Euro ihr Eigen nennen. Über die Hälfte besaß zwischen zwei und fünf Millionen Euro, einer sogar eine halbe Milliarde. Im Durchschnitt waren es 5,3 Millionen. Ansprechpartner hat sich der Forscher mit Hilfe des Forschungsinstituts TNS Infratest aus Konsumdaten gesucht. Offizielle Statistiken gibt es nicht und viele Wohlhabende haben auch kein gesteigertes Interesse daran, dass sich das ändert. Gleichwohl waren über die Hälfte der Angeschriebenen bereit, die Fragen zu beantworten. Der Katalog dafür wurde in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erarbeitet.

Armuts- und Reichtumsbericht erst seit Rot-Grün

„Die Wissenschaft weiß immer noch wenig über reiche Familien oder Haushalte“, sagt Lauterbach. Erst seit der Einführung durch die rot-grüne Bundesregierung im Jahr 2000 wird überhaupt kontinuierlich ein Armuts- und Reichtumsbericht vorgelegt. Zuvor wurden fast ausschließlich Einkommens- als Verteilungsanalysen betrachtet. Was hingegen jemand an frei verfügbarem Vermögen hatte, spielte kaum eine Rolle. Vor der sich schon damals stärker öffnenden Schere zwischen Arm und Reich wollte man seit der Jahrtausendwende offenbar nicht mehr die Augen verschließen. Der Soziologe Lauterbach war vor über zehn Jahren einer der ersten, der die Vermögenden zum regulären Forschungsobjekt gemacht hat. Inzwischen gilt er als einer der führenden „Reichtumsforscher“.

Höhere Zufriedenheit

Ob Geld glücklich macht, konnte die in Kooperation mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) analysierte Studie nicht klären. Wie die Ergebnisse zeigen, steigt aber die Lebenszufriedenheit. Während der Durchschnitt sein Zufriedenheitsniveau auf einer elfstufigen Skala meist bei sieben bis acht verortet, wählten die Hochvermögenden besonders oft neun und zehn.

Auch die Risikobereitschaft der befragten Vermögenden liegt im Allgemeinen höher als im Bevölkerungsschnitt. Während sich die Bevölkerung insgesamt bei fünf einstuft, sehen sich die Vermögenden meist bei sechs, teils auch sieben und acht. Seitens des DIW wird das auch mit der allgemeinen höheren Risikofreude bei Unternehmern in Verbindung gebracht.

In einem Fazit stellt das DIW angesichts des vielfach auf Vererbung und Überschreibung beruhenden Reichtums die Legitimität der „hervorgehobenen Vermögensposition“ in einer nach dem Leistungsprinzip orientierten Werteordnung infrage. In Sinne einer „Gewährung der Chancengleichheit für alle Bevölkerungsgruppen“ sei daher ein „Überdenken der gegenwärtig vergleichsweise milden Erbschafts und Schenkungssteuer bei Hochvermögenden sinnvoll“.

Wie viel Ungleichheit kann sich eine Demokratie leiden?

Lauterbachs Forschungsobjekt der „Hochvermögenden“ ist so etwas wie die ganz kleine Spitze der sozialen Pyramide in Deutschland, die gerade einmal 1,2 Prozent der Haushalte ausmacht. Für ihn ist der Bericht ein Stück „Aufklärung über die Situation der Teilhabe“ in Deutschland und darüber, wie viel Ungleichheit sich eine demokratisch verfasste Gesellschaft leisten kann.

Nur jeder Zehnte der Superreichen ist erwerbstätig

Die Ergebnisse seines Berichts sind nicht repräsentativ, zeigen aber Tendenzen. Der hochvermögende Deutsche ist demnach meist männlich sowie 50 Jahre und älter. Interessant wird es bei der Herkunft des Vermögens. Zwei Drittel nannten Erbschaften und Schenkungen als einen maßgeblichen Grund für ihren Reichtum. Dabei war sowohl die Häufigkeit entsprechender Überlassungen als auch deren Höhe überdurchschnittlich. Im Schnitt waren es drei Millionen Euro, die Hochvermögende auf diese Art erhalten haben. Die meisten waren selbstständig – führten also ein Unternehmen – oder sind Rentner und Privatiers, die es sich leisten können, überhaupt nicht zu arbeiten. Nur ein Fünftel war dagegen abhängig beschäftigt und nur jeder Zehnte gab „Erwerbstätigkeit“ als Hauptgrund seines Vermögens an. Das durchschnittliche Bruttoerwerbseinkommen betrug etwas mehr als 21 000 Euro monatlich, ein normaler Vollzeitbeschäftigter kommt im Schnitt nur auf 3500 Euro.

Superreiche engagieren sich stärker

„Im Schnitt engagieren sie sich stärker als die normale Zivilgesellschaft“, sagt Lauterbach. Will heißen, sie spenden (im Schnitt 5000 Euro im Jahr) oder gründen Stiftungen, deren Zahl in Deutschland auch kontinuierlich steigt. Die meisten meinen, sie zahlen genügend Steuern. 19 Prozent sprachen sich aber dennoch für eine höhere Vermögensbesteuerung aus. Einige Reiche wie etwa Dirk Roßmann, Besitzer der gleichnamigen Drogeriekette, haben sich auch schon öffentlich dazu bekannt, der Gesellschaft – hier dem Fiskus – mehr geben zu wollen.

Auch die Frage, ob Geld mit Macht und gesellschaftlicher Einflussnahme einhergeht, war Bestandteil der Studie. Zweit Drittel gaben an, dass sie über entsprechende Kontakte verfügen, aber nicht, ob sie diese auch nutzen.

Einfluss auf das eigene Leben

Schon früh weiterreichenden Einfluss nehmen, wollten die befragten Reichen offenbar auf ihr eigenes Leben. Viele lernten schon in jüngeren Jahren mit Geld umzugehen, suchten mehr Autonomie von den Eltern, in dem sie Jobs mit eigenem Verdienst verrichteten. Dabei hätten sie aber auch schon bald ein Delegieren von Tätigkeiten im Blick gehabt, so Lauterbach, in dem sie entsprechende Systeme – heute wohl oft digitaler Natur – für das Verteilen von Arbeit entwickelten. „Manch einer hat versucht, die persönliche Leistungsorientierung auf andere Bereiche zu übertragen“, so der Soziologe. Sie suchten Bestätigung etwa im Sport, ohne dabei aber international erfolgreich zu sein.

Von Gerald Dietz

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