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Honeckers Traum vom Weißen Haus

Juden sollten "Türöffner" sein Honeckers Traum vom Weißen Haus

Vor 25 Jahren überraschte SED-Chef Erich Honecker die DDR-Bürger mit einer Reihe von Gedenkveranstaltungen zum 50. Jahrestag der Reichspogromnacht. Er lud jüdische Persönlichkeiten der westlichen Welt ein und hoffte, sie würden ihm die Türen zu einem Staatsbesuch in den USA öffnen.

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Erich Honecker im Oktober 1989.

Quelle: dpa

Potsdam. Ostdeutsche Zeitungsleser erfuhren am 9. November 1988 Erstaunliches: „Bewegende Begegnung Erich Honeckers mit jüdischen Persönlichkeiten im Staatsrat“, titelte das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“. Die damals gleichfalls von der Staatspartei herausgegebene „Märkische Volksstimme“ verkündete auf Seite 1: „Erich Honecker empfing Präsidium des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR und jüdische Repräsentanten des Auslandes.“

Von dieser Gruppe der Bevölkerung war vor 1988 in den Medien fast nie die Rede gewesen. Viele Überlebende des Holocausts, die nach dem Krieg zunächst in Ostdeutschland gewohnt hatten, lebten längst im Westen. Die Anfänge der Fluchtwelle reichten bis in die 50er Jahre zurück. Damals liefen Vorbereitungen eines antisemitischen Schauprozesses an, der nach Stalins Tod wieder abgeblasen wurde.

„Ende der 80er Jahre gab es in Deutschland 30000 bis 40000 Juden. Aber nur ein Prozent von ihnen, also etwas über 300, wohnten in der DDR“, berichtet der Theologe und Zeitgeschichtler Peter Maser (70). 1988 hielt Staats- und Parteichef Honecker diese kleine Gemeinschaft auf einmal für wichtig. „Er träumte davon, vom US-Präsidenten eingeladen zu werden“, erläutert Maser. „Dem SED-Chef ging es ums eigene Renommee und um frische Kredite. Weil sich die Amerikaner aber für die DDR nicht sonderlich interessierten, ersann er eine verblüffende Taktik: Honecker wollte die Juden als Türöffner für einen Staatsbesuch in den USA benutzen.“

1988 bot sich eine günstige Gelegenheit. 50 Jahre zuvor hatten die Nazis in der Reichspogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 den antisemitischen Terror ausgeweitet – mit Morden, Verhaftungen und brennenden Synagogen. „Honecker sah den Jahrestag als Chance, einflussreiche Vertreter des amerikanischen Judentums einzuladen. Er wollte ihnen zeigen, dass der SED-Staat einen vorbildlichen Umgang mit ihren Glaubensbrüdern pflegte“, sagt Maser.

Der emeritierte Professor der Universität Münster kennt sich bestens aus auf diesem Gebiet. Er stammt aus Sachsen-Anhalt, wirkte nach dem Studium an der halleschen Uni und zählte Anfang der 70er Jahre zu den Gründern des Arbeitskreises „Kirche und Judentum“ in Leipzig. Auch nach seiner Ausreise 1977 befasste sich der Zeitgeschichtler mit den jüdischen Gemeinden in der DDR. Dies setzte sich fort, als der Bundestag im vereinten Deutschland eine Geschichtskommission zur Aufarbeitung der SED-Diktatur einsetzte.

„Der Umgang der DDR mit den Juden war vor 1988 schizophren“, meint Maser. „Auf der einen Seite hielt der Staat den Holocaust mit Filmen und Büchern in Erinnerung und sorgte für eine gute soziale Versorgung der Überlebenden. Auf der anderen Seite betrachtete die SED das Thema Holocaust als Konkurrenz zum antifaschistischen Widerstand. Das Regime versuchte, die Juden von der übrigen Bevölkerung fernzuhalten. Bei der Auseinandersetzung mit Israel überschritt die Propaganda immer wieder die Grenze zum Antisemitismus, etwa wenn Karikaturisten Israelis mit Hakennasen zeichneten.“

Der größte Teil der ostdeutschen Bevölkerung, erklärt der Historiker, habe sich für die Überlebenden des Massenmords nicht interessiert. „In der evangelischen Kirche aber gab es vornehmlich junge Leute, die versuchten, Kontakte aufzubauen.“ Der Leipziger Kreis, zu dem Maser gehörte, stand unter Leitung von Pfarrer Siegfried Arndt (1915-1997). Er gestaltete 1978 gemeinsam mit dem Vorstandsvorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Leipzig, Eugen Gollomb (1917-1988), zum 40. Jahrestag der Pogromnacht einen Gedenkgottesdienst in der Thomaskirche.
Zehn Jahre später griff Honecker das Thema auf. Im Mai 1988 entsandte er zunächst Hermann Axen (1916-1992) in die USA. Das Politbüromitglied stammte nicht nur aus einer jüdischen Familie, sondern galt auch als geschickter Verhandler. „Er kehrte mit der Botschaft zurück, dass maßgebliche Vertreter des amerikanischen Judentums zu einem DDR-Besuch bereit wären. Daraufhin ließ die SED die Gedenkmaschine anlaufen. Buchverlage, Theater, Kinos und Zeitungsredaktionen widmeten sich auf breiter Front dem Antisemitismus der Nazis und seinen Opfern“, erläutert Maser. „Der Parteichef leitete so – ähnlich wie beim sozialistischen Luther-Kult von 1983 – mal wieder im Alleingang eine Wende der Geschichtspolitik ein und verblüffte mit dem Ausmaß des Gedenkens die eigenen Genossen.“

Als erster Prominenter reiste im Oktober Edgar Bronfman (heute 84) an. Der SED-Chef schmückte den damaligen Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses mit dem Großen Stern der Völkerfreundschaft. Honecker habe geglaubt, die Juden hätten die Macht in den USA, soll der kanadische Unternehmer später über die Charmeoffensive angemerkt haben. Die umgarnten Persönlichkeiten, so erläutert Maser, hätten sich auf das Spiel eingelassen, weil sie fürchteten, sonst ihre ostdeutschen Glaubensbrüder in Schwierigkeiten zu bringen. Bei einer Gedenksitzung der Volkskammer am 8. November 1988 saßen „mehr als 100 jüdische Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland“ auf den Ehrenplätzen, wie die Nachrichtenagentur ADN berichtete.

Die SED bot alles auf, um die Gäste zu beeindrucken. Sie hielten eine zweisprachige Tagesordnung in Deutsch und Neuhebräisch in Händen. Die Staatsführung verteilte Orden an die Repräsentanten des Auslands, aber auch an die Vorsitzenden der Gemeinden in Leipzig, Dresden und Erfurt sowie den Leipziger Synagogalchor. Am nächsten Tag folgte die Grundsteinlegung für den Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Synagoge in Berlins Oranienburger Straße.

Beim Versuch, engere Beziehungen zu den USA zu knüpfen, habe die SED-Führung noch zwei weitere – in der DDR winzige – Religionsgemeinschaften umgarnt, ergänzt Maser. Die bisher verdächtigen Kontakte der hiesigen Siebenten-Tags-Adventisten und der Mormonen in die Vereinigten Staaten galten auf einmal als wertvoll.

Diese Nettigkeiten der Staatspartei blieben ebenso erfolglos wie die Feierlichkeiten zum 9. November 1988. Als genau ein Jahr später die Mauer fiel, hatte das Weiße Haus Erich Honecker noch immer keine Einladung geschickt.

Von Armin Görz

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