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Immer mehr Übergriffe auf Bahn-Mitarbeiter

Nahkampfzone Regionalexpress Immer mehr Übergriffe auf Bahn-Mitarbeiter

Die Hemmschwelle für Gewalt sinkt: Nach MAZ-Informationen zählte die Deutsche Bahn im vergangenen Jahr 2300 Übergriffe auf ihre Mitarbeiter – und damit 27 Prozent mehr als 2015. Zu 80 Prozent der Zwischenfälle kommt es bei der Durchsetzung des Hausrechts oder bei Fahrkartenkontrollen.

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Wenn Worte nicht mehr helfen: Immer häufiger werden Bahnmitarbeiter das Ziel gewalttätiger Übergriffe. Im Sicherheitstraining lernen DB-Mitarbeiter, wie sie mit sogenannten Problemgästen umgehen.  – allen voran Kontrolleure.
 

Quelle: Gerlinde Irmscher

Berlin. Der Mann steht im Gleisbett der S-Bahn und reagiert pampig. Zwei Azubis der DB Sicherheit versuchen, ihn auf sicheres Terrain zu lotsen. Aber er bleibt stur. „Ich habe mein Portemonnaie verloren, es liegt hier irgendwo“, murmelt er nur. Die Sicherheitsleute reden weiter auf ihn ein, nehmen ihn an den Schultern, lotsen ihn über die Stromschiene. Geschafft. „Das habt ihr gut gemacht“, sagt der Mann, der ihr Trainer ist. „Nicht nur gedroht, sondern auch Verständnis gezeigt.“ An diesem Morgen im S-BahnWerk Berlin-Schöneweide lernen die Azubis, wie man eine Situation bereinigt. Und wie man sich selber schützt. André Bretschneider (38) und Annika Berling (22, Namen geändert) wissen, dass ihre wichtigste Waffe das Reden ist. Aber die hoffen auch auf die neuen Stichschutzwesten, die jetzt flächendeckend bei der DB Sicherheit eingeführt werden. Denn im Umgang von Kunden und Bahnern liegt einiges im Argen.

Eine Mutter zum Beispiel fährt einem S-Bahn-Kontrolleur mit dem Kinderwagen gegen die Beine. Der Mann geht zu Boden und erleidet eine Platzwunde am Kopf. Ein Geschäftsmann im Anzug schüttet dem Schaffner im ICE heißen Kaffee ins Gesicht, weil der ihn darauf hinweist, dass seine Fahrkarte für diesen Zug nicht gilt. Betrunkene Jugendliche werfen mit Flaschen nach Mitarbeitern der DB-Sicherheit, weil sie aufgefordert wurden, den Bahnhof zu verlassen. Und das sind nur einige wenige Fälle.

Die Hemmschwelle für Gewalt sinkt

2300 Übergriffe auf ihre Mitarbeiter zählte die Bahn 2016. Das ist ein erneuter Anstieg um 27 Prozent in einem Jahr. 80 Prozent der Zwischenfälle entstehen bei der Durchsetzung des Hausrechts oder bei Fahrkartenkontrollen. Die Zahlen liegen dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) exklusiv vor. „Wir bemerken eine zunehmende Verrohung der Gesellschaft, die Hemmschwelle für Gewalt sinkt“, sagt ein Bahn-Sprecher. „Es kann nicht sein, dass die bloße Frage nach der Fahrkarte auch bei scheinbar normalen Menschen zu Gewaltausbrüchen führt!“ Ähnlich äußern sich Gewerkschaftsvertreter: „Schon bei Nichtigkeiten wird mittlerweile gepöbelt, beleidigt, geschlagen und gespuckt. Das ist völlig inakzeptabel“, sagt Klaus-Dieter Hommel, Vize-Vorsitzender der Eisenbahn- und Verkehrsgesellschaft.

Der starke Anstieg der gemeldeten Übergriffe hat aber noch einen zweiten Grund: Die Bahn nimmt solche Zwischenfälle sehr ernst und hält ihre Mitarbeiter dazu an, jeden Übergriff zu melden. Das war nicht immer so, sagt Gewerkschafter Hommel: „Häufig waren Vorgesetzte eher an einem reibungslosen Betriebsablauf interessiert, als einem betroffenen Mitarbeiter zu helfen. Das ändert sich so langsam.“

Pilotversuche mit Bodycams

Was sich ebenfalls ändert: Die Bahn rüstet auf. 500 zusätzliche konzerneigene Sicherheitskräfte sollen eingestellt und ausgebildet werden. Auch Schutzhunde werden angeschafft: „Da werden wir richtig investieren“, kündigt ein Bahn-Sprecher an. „Hunde stärken die Autorität auch gegenüber denjenigen, denen sonst alles egal ist.“ Neben Tieren soll auch Technik rabiate Kunden zur Räson bringen. In Berlin und Köln wurden in Pilotversuchen Bodycams (die Bahn nennt sie „Körperkameras“) ausprobiert. Der Clou dabei: Über einen Monitor an der Brusttasche der Sicherheitsmitarbeiter wird noch vor der Aufnahme ein Livebild der Situation gezeigt. Wer aggressiv auftritt, bekommt sein Handeln sozusagen gespiegelt. Oft reicht das schon, um Wütende zu beruhigen. Noch in diesem Jahr sollen die Kameras flächendeckend eingeführt werden – wenn die Datenschützer mitspielen. Denkbar ist zudem, nicht nur Sicherheitskräfte, sondern auch Zugbegleiter auszustatten. Gewerkschafter Hommel fordert zudem mehr Personal: „In Problemzügen sollten immer zwei Zugbegleiter im Einsatz sein, die sich gegenseitig helfen können. Und da, wo es nötig ist, auch gut ausgebildete Sicherheitskräfte.“

Meiste Zwischenfälle an Umsteigebahnhöfen wie Hannover

Rückläufig ist die Zahl der Angriffe von Fußballfans auf Bahn-Mitarbeiter sowie Vandalismus in Zügen und Bahnhöfen. 150 solcher Fälle wurden in der Hinrunde der Saison 2016/17 registriert, 60 weniger als in der Hinrunde der Vorsaison. Das liegt laut Bahn an neuen Konzepten sowie einer verbesserten Steuerung der Fan-Reiseströme. Allerdings habe die Härte von Angriffen und die Brutalität gegenüber Menschen, Fahrzeugen und Anlagen zugenommen. Die meisten Zwischenfälle gab es an Umsteigebahnhöfen wie Hannover. 28 DB-Mitarbeiter wurden von randalierenden Hooligans angegriffen, acht teils schwer verletzt. 70 Mal schloss die Bahn Fans von der Beförderung aus. 350 Mal gab es eine Abmahnung.

Von RND/Jan Sternberg

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