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Leah Remini: So entkam ich Scientology

Exklusiv-Interview Leah Remini: So entkam ich Scientology

Neun Jahre spielte Leah Remini die Carrie Heffernan und bot ihrem Mann Doug Paroli in der Kult-Serie "King of Queens". Die Schauspielerin war 30 Jahre lang Mitglied bei Scientology. Nun bekämpft sie die Sekte. Im Exklusiv-Interview spricht die 46-Jährige über die Macht der Kirche, über Angstzustände – und wieso sie nicht schon früher Scientology hinter sich gelassen hat.

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Kann wieder strahlen: Leah Remini hat mit ihrer Vergangenheit aufgeräumt.
 

Quelle: dpa

Los Angeles.  Leah Remini war 30 lange Jahre Mitglied von Scientology. Sie glaubte an die Lehren von Sektengründer L. Ron Hubbard. Vor allem lebte sie danach: Millionen von Dollar gab sie aus, um das „Level der Erkenntnis“, das ultimative Ziel der Scientologen, zu erreichen. Sie unterzog sich ungezählten Stunden des Lernens, den so genannten Auditings, in denen die Sekte in die Tiefe ihrer Gedanken eindrang, sie lenkte, sie indoktrinierte.

Leah Remini hat mit ihrem Buch „Troublemaker“, Wie ich Hollywood und Scientology überlebte, von ihrer Vergangenheit in der Sekte berichtet

Leah Remini hat mit ihrem Buch „Troublemaker“, Wie ich Hollywood und Scientology überlebte, von ihrer Vergangenheit in der Sekte berichtet. Das Buch ist auf Deutsch im MVG-Verlag erschienen.

Quelle: MVG

Heute ist Leah Remini nicht nur gefeierter Hollywoodstar. Sie ist vor allem das prominenteste Gesicht im Kampf gegen die Sekte, die in Deutschland vom Verfassungsschutz wegen ihrer Ablehnung der demokratischen Grundordnung beobachtet wird. Die Mutter und Ehefrau wagt die Flucht nach vorne, hat beschlossen, sich von der Kirche – diesen Status hat Scientology in Amerika tatsächlich – zu lösen und über die nebulösen Machenschaften zu sprechen. Dem RedaktionsNetzwerk Deutschland hat Leah Remini das einzige Deutschland-Interview gegeben und somit Einblicke in das Leben gewährt, das durch ihre Veröffentlichungen im Buch „ Troublemaker“ eine entscheidende Wendung genommen hat.

Frau Remini, Sie waren ein selbstbewusstes Mädchen aus bescheidenen Verhältnissen. Nichtsdestotrotz waren sie von Scientology fasziniert. Es gab so viele Regeln. Wie passt das zusammen?

Ich kam als junges Mädchen durch meine Mutter und meinen Stiefvater zu Scientology. Meine Mutter, eine alleinerziehende Frau mit zwei Kindern, ohne Unterhaltszahlungen, ohne Job und ohne Schulabschluss, lernte diesen wundervollen Mann kennen, der bereits Scientologe war. Sie begann, in der Kirche zu arbeiten und wurde sofort von einer Gruppe aufgenommen, die ihr das Gefühl gab, Teil von etwas Großem zu sein. Meine Mutter war ein Kind der Siebzigerjahre – ihre Eltern starben, als sie ein junges Mädchen war, sie heiratete, und als sie 18 war bekam sie meine Schwester. Zwei Jahre später folgte ich. Es übte eine große Anziehungskraft aus, Teil einer großen, schicken Kirche zu sein. Meine Mutter fühlte sich dazugehörig. Als kleines Kind stellt man nicht infrage, wie die Eltern einen großziehen. Ich habe es lange einfach akzeptiert.

Sie hatten recht früh Zweifel am System. Warum war es so schwierig, Scientology zu verlassen?

Wenn ich es auf einen Aspekt begrenzen müsste, wäre die Antwort: meine Familie und die Gefahr, sie zu verlieren. Als die Kirche damit gedroht hat, mich von meinen Stiefvater zu trennen und später auch von meiner Mutter, war es das dann für mich. Wo sollte das enden? Am Ende waren es nicht die zerstörten Illusionen, die Lügen oder das Geld, das ich ausgegeben habe, die mich zum Gehen bewegt haben. Es war die Bindung zu meiner Familie. Zum Glück haben sie zu mir gestanden, und das tun sie bis heute.

In Ihrem Buch beschreiben Sie Zeiten voller Zweifel. Wie haben Sie es geschafft, diese Zweifel zu verheimlichen? Was hat Scientology gemacht, um sicherzustellen, dass Zweifel nicht gedeihen?

Sie haben Lehren, die besagen, dass die Zweifel, die man eventuell hat, davon kommen, dass man mit einer externen Quelle verbunden ist, die böse ist und einem schaden will. Man wird einer Gehirnwäsche unterzogen. Wenn man Zweifel hat, wird einem weisgemacht, du würdest Verbrechen verheimlichen. Die Angst davor, den Kontakt zu den Menschen zu verlieren, die ich liebe, war mein stärkster Motivator zu bleiben und nichts infrage zu stellen.

Welche Rolle hat Ihre erfolgreiche Karriere gespielt? Sie waren für Scientology eine große Nummer…

Sie haben immer gesagt: „Seht ihr, Leah hat‘s geschafft, und das verdankt sie alles Scientology“. Und die Leute haben das geglaubt. Jedes Mal, wenn man einen ihrer Kurse abgeschlossen hat, muss man eine „Erfolgsgeschichte“ schreiben, in der man lobt, was man erreicht hat. Das kann am Ende gegen einen verwendet werden. Denn: Wenn jemand keinen Erfolg hat, dann liegt es daran, dass er Scientology nicht richtig angewendet hat. Es hat mich viel harte Arbeit, Zeit und Geld gekostet, die geforderten Ziele zu erreichen. Wenn ich die Aufgaben bestanden hatte, dann überkam mich ein Gefühl von Erfüllung. Ich dachte, das alles macht mich zu einer besseren Person, die mithalf, die Welt zu verbessern. Und als jemand, der erfolgreich war, hatte ich mehr Geld, das ich in die Kirche investieren konnte.

Warum war es Ihnen so wichtig, die Welt zu retten?

Ich habe es schon immer geliebt zu helfen, und nur eine Schauspielerin zu sein, war mir nicht genug. Ich dachte, ich wäre Teil von etwas ganz Großem und würde etwas Großartiges für die Welt tun.

Wie würden Sie Scientology heute in Ihren eigenen Worten beschreiben

Es ist ein gefährlicher Kult, der das Gute in den Menschen ausnutzt, die die Welt wirklich verbessern wollen. Es wäre alles gar nicht so schlimm, wenn es nicht mindestens 250.000 Dollar sowie all die Zeit und Loyalität kosten würde, ein Scientologe zu sein. Sie stehlen einem das Leben, das Geld und die Kinder.

Die Cruise-Hochzeit war ein Wendepunkt. Haben Sie immer noch irgendeine Form von Beziehung zu ihm? Wie reagiert er, wenn er Ihnen gegenübersteht?

Nach den Richtlinien der Kirche darf Tom nicht mehr mit mir reden. Den Mitgliedern ist es verboten, mit Menschen zu reden, die die Kirche verlassen haben oder ihr gegenüber kritisch sind oder waren.

Wie konnte Scientology so viel Macht gewinnen?

Als die US-Regierung sie als religiöse Organisation von der Steuer befreite, war es Scientology möglich, ein Vermögen anzusammeln. Auch können sie sich hinter einem Aufschrei der religiösen Bigotterie verstecken, wann immer ihre Handlungen in Frage gestellt werden. Und mit Geld kommt Macht.

Wie passen schlechte Behandlung, Erniedrigung und Kirche zusammen?

Das tun sie nicht. Und genau das ist der Punkt, der mir das Herz zerreißt. In den Lehren von Scientology gibt es eine Tabelle, die sogenannte Tabelle der Einschätzung des Menschen. Mit ihr soll jeder herausfinden, wo Freunde und Familie stehen und ob sie dir etwas Böses wollen. Wenn jemand unter einen bestimmten Wert fällt, dann würde es schon den Tod bedeuten, sie nur zu kennen. Homosexuelle zum Beispiel liegen unter dieser Grenze und gehören damit zu den so genannten Nicht-Personen, die nichts wert ist. Auch befinden sich alle Kritiker von Scientology unter der gewünschten Linie und ihnen darf nicht geglaubt werden.

 Wie war es für Sie, von Ihren Freunden im Stich gelassen zu werden? Wie haben Sie diese Zeit überstanden?

Es waren nie wirklich meine Freunde. Unsere Freundschaft basierte auf dem Glauben an Scientology. Das hat nichts mit Freundschaft zu tun. Erst war ich verletzt, dann wütend – und jetzt habe ich nur noch Mitleid mit ihnen. Sie geben ihre Leben, ihr Geld und ihre Familie für etwas auf, das nichts weiter als eine Lüge ist.

Wie würden Sie Ihren Glauben heute beschreiben?

Ich habe schon immer geglaubt. Ich habe mir den Glauben an Gott, an Menschen und daran bewahrt, dass sich die Dinge am Ende so fügen, wie sie sich fügen sollen. Ich glaube daran, dass alles Schlechte, was mir passiert ist, einen Grund hatte. Ich bin nicht mehr nur eine Schauspielerein, ich habe eine neue Mission – ich will das, was mir und so vielen anderen passiert ist, annehmen und versuchen, zumindest einige der Fehler zu korrigieren. Am Ende hat mir Scientology doch noch einen größeren Sinn gegeben: anderen zu helfen.

 Was für ein Mensch war David Miscavige? Sein Vater beschrieb ihn als entzückenden Jungen, der herrisch und launisch wurde – genau wie Tom Cruise. Er wollte im Luxus leben, während andere in Armut leben sollten. Sein Regiment war brutal. Was sind Ihre Erfahrungen?

David Miscavige ist ein Wahnsinniger. Er hat die US-Regierung überlistet und ein Vermögen angehäuft. Was soll ich sagen. Er ist ein verdrehtes Genie und wir sind die Idioten.

Was denken Sie über das Buch von Ron Miscavige (Vater des Scientology-Chefs)?

Ich finde, es war sehr mutig von ihm, seine Geschichte zu erzählen, auch mit den Fehlern, die er begangen hat.

Was muss im Umgang mit Scientology verändert werden?

Ich hoffe, dass die Regierungen auf regionaler und nationaler Ebene ihre Ärsche hochkriegen und anfangen zu gucken, was in dieser Organisation seit ihrer Gründung los ist.

Wie ist Ihr Leben heute? Wie beeinflusst Sie Scientology? Fühlen Sie sich sicher?

Mein Leben beginnt gerade erst. Ich habe sehr viel Glück, ich gehe aus, ich habe eine intakte Familie, ich habe jetzt die Möglichkeit, mein Leben zu leben, wie ich es möchte. Ohne Hass, ohne die Welt zu verurteilen, weil sie keine Scientologen sind. Ich kann andere Dinge ausprobieren – wie Yoga oder die Bibel oder den Koran lesen, ohne dass die Kirche mir sagt, es sei falsch. Ich kann leben, ohne Angst zu haben, mein Kind an einen Kult zu verlieren. Ich habe sehr viel Glück. Ob ich mich sicher fühle? In dem Sinne, Angst davor zu haben, dass meine ehemalige Kirche mir buchstäblich und bildlich gesprochen mein Leben wegnimmt? Sehr sicher.

Von RND/Carsten Bergmann

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