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Alles so gefühlsecht

Kolumne "Unterm Strich" vom 14. September Alles so gefühlsecht

Lars Grote packt der Urlaubsblues. Er sehnt sich nach den guten alten Zeiten, als man sich noch ernsthaft abseilte vom Rest der Welt. Doch kaum selbst im Urlaub, nutzt er das Smartphone der Tochter für die Wetterabfrage und den Einkauf.

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Dank Smartphone ist man selbst im Urlaub top informiert.

Quelle: dpa

Es war einmal ein Urlaub, der hatte sich tief in die Welt gewagt, so dass er kaum nach Hause fand. Der Urlaub öffnete den Briefkasten, als er von seiner Reise heimkehrte, und fiel aus allen Wolken. Er hatte während seiner zwei, drei Wochen ganz vergessen, dass es das alles gibt: Finanzamt, Bank und Krankenkasse. Alle schrieben sie ihm Briefe, schnell kam der Urlaub wieder zu sich. Er legte seine Bräune ab, verlor die Träume, die ihm in den Augen standen, und gewann an Spannkraft. Die Stimme wurde fester, aggressiver und entschiedener. Der Urlaub war kein Urlaub mehr, sondern ein gut geöltes Mitglied unserer Gesellschaft.

Solche Urlaube gibt es ja heute gar nicht mehr, in denen man sich ernsthaft abseilt von dem Rest der Welt – und dann mit Mühe wieder Fuß fasst in den Nachrichten (was, Steinbrück wird wegen einer Putzfrau erpresst?), im Wetter (was, nach zwei Wochen Badehose an der Adria wird es jetzt wirklich Herbst in Deutschland?) und im Freundeskreis (was, Anna ist schon wieder schwanger, und kriegt jetzt ihren dritten Sohn?).

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Eine Freundin war zwei Wochen auf dem Land in Frankreich, Spätsommer 2001. Als sie nach Hause kam, erfuhr sie, dass zehn Tage vorher das World-Trade-Center zusammenbrach. Sie war der letzte Mensch der westlichen Welt, der davon erfuhr, glaube ich. Es war die Zeit, als man in seinen Ferien noch das Risiko einging, die Welt sich selbst zu überlassen. Sich nicht um sie zu kümmern. Sondern zwei Wochen lang herauszufinden, wo es am Strand den besten, günstigsten Fisch gibt. Das Smartphone war noch nicht erfunden. Wahnsinn. Weltfremd!

Ich habe dieses Jahr nochmal versucht, mir diesen Luxus zu erlauben, im Urlaub nur auf mich zu achten, auf meine Mahlzeiten und meine Familie. Zur Familie zählt halt auch die große Tochter, die furchtbar aufgeschlossen und so angenehm ist, doch ihren Blick oft auf das Display wirft. Sie fühlt der Welt auch weiterhin den Puls, sie klinkt sich da nicht aus, nur weil sie gerade an der Küste ist und mal in einer Ferienwohnung schläft.

Wir anderen, die Restfamilie, fragten: Guck doch kurz im Smartphone, wie warm es morgen wird. Schau doch mal, ob Stau ist. Kannst du rasch auf die Bundesligaseite gehen? Und bitte kurz auf meine Mails klicken, vielleicht hat Laura schon entbunden.

Eines Morgens wollte ich sie bitten: Guck doch eben, in welchem Supermarkt die Pfirsiche günstiger sind. Doch meine Scham hat mich gehindert. Was macht das Smartphone nur für einen unentspannten Spießbürger aus mir.

Meine große Tochter fuhr fünf Tage vor uns heim. Wir hatten keinen Zugang mehr zum Internet. Wir fanden, unser Urlaub wurde irgendwie riskant. Unverhofft gerieten wir in einen Schauer. Plötzlich war alles so gefühlsecht!

Von Lars Grote

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