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Französin aus dem Freibad

Kolumne "Unterm Strich" vom 19. Oktober Französin aus dem Freibad

Auch an Lars Grote geht das Ende des Sommers nicht spurlos vorüber. Als er neulich zum ersten Mal den warmen Mantel anzog, gingen ihm französische Gedanken durch den Kopf. Was Französinnen mit Planschbecken und Cornetto Nuss zu tun haben, erklärt er in seiner neuen Kolumne.

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Quelle: dpa

Ich war mit meinem Kind im Babybecken. Wem so ein Becken fremd ist, sollte wissen: Es ist ein Ort der Freiheit. Frei von den hochtourigen Blicken zwischen Mann und Frau, hier muss man nicht den Bauch einziehen. Es dreht sich darum, dass das Kind nicht untergeht, damit ist man vollkommen ausgelastet. Wer etwas gibt aufs wirklich anstrengende Sommermotto „Ich will gut aussehen“, tue das bitte auf eigene Rechnung – und ziehe um zum Taucherbecken, wo die eitlen Jungs vom Zehner springen, und die Mädchen Haltungsnoten in die Höhe recken, um zu zeigen, wer von diesen kleinen Angebern ihnen gleich ein Cornetto Nuss ausgeben darf.

Cornetto Nuss! Lange ist keines mehr durch mein Leben gezogen, ich habe mich auf Möhrenbrei verlegt. Im Dienste meiner Tochter. Möhrenbrei ist völlig uninteressant für junge Frauen, die am Zehner Haltungsnoten stemmen.

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Im Babybecken, dem Ort stillender Mütter und hagerer, nervöser Väter, stand neben mir ein Fremdkörper. Im Badeanzug, der nicht mal spannte überm Bauch, er saß so makellos an dieser Frau, als stünde ich vor einem Schaufenster mit lebensgroßen Puppen, deren Proportionen ganz abnorm sind. Jedenfalls sind diese Proportionen ungewöhnlich in so einem Babybecken, wo der Elternkörper ächzt unter der Zahlenreihe: vier Stunden Schlaf, fünf Mal am Tag wickeln, drei Gläschen warmmachen, vier Mal stillen, zwei Mal das Kind vor dem finalen Sprung vom Mülleimer retten. Diese Frau aber, der Fremdkörper in seinem Maßanzug, hatte die Fingernägel lackiert, die Beine epiliert, Rouge hier und Wimperntusche dort – was wollte sie hier? Sie provozierte uns mit ihrer Perfektion. Der Fremdkörper hat auf sein Kind geschaut, ein Kind hatte er also auch noch. Und dann rief diese fremde Frau, der Eindringling, dem Kind ganz fröhlich etwas zu. Auf Französisch. Ist sie auch noch Französin ... Man kann es auch übertreiben, dachte ich.

Und wollte böse werden. Als mich der Fremdkörper anlächelte. Grundlos und sehr französisch, was bedeuten soll: vollkommen flüchtig. Ich fand den Fremdkörper auf einmal ganz entzückend.

Es war ein Sommer der Französinnen. Schon in den Wochen vorher fielen mir fortwährend ihre Platten in den Schoß. Carla Bruni, Vanessa Paradis, Zaz, Lou Doillon. Madame Doillon habe ich auf einem Konzert gesehen. Ich glaube, sie hat mich angeschaut. Aber das dachten alle.

Diese französischen Sommergedanken gingen mir durch den Kopf, als ich neulich zum ersten Mal den warmen Mantel anzog. Gestern lief mir die Freibadfranzösin wieder über den Weg. Ich lächelte. Sie nahm mich gar nicht wahr. So toll sind Französinnen auch wieder nicht, entschied ich.

Von Lars Grote

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