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Holz aus der Kolonialzeit

Kolumne "Unterm Strich" vom 5. Oktober Holz aus der Kolonialzeit

Wenn ein anstrengender Umzug von Freunden ansteht, zieht Lars Grote gerne die "Oma-Nummer" ab. Vor kurzem jedoch kam der Ausrede-Reflex nicht schnell genug. Neun Stockwerke später war klar: Vorerst keine Umzüge mehr.

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Ab fünf Stockwerken hört bei Lars Grote der Spaß auf.

Quelle: dpa

Wenn jemand fragt, ob ich beim Umzug helfe, lasse ich mir die Details geben. Falls es in der Summe mehr als sechs Etagen sind, die sich mir in den Weg stellen, sage ich: Meine Oma hat Geburtstag. Ich hatte mal erzählt, mein Opa hat Geburtstag, doch das wurde abgetan – kannst du ja nachfeiern, hieß es. Omas sind unantastbar, Opas sind verhandelbar. So geht meine Erfahrung.

Meine Oma lebt nicht mehr, das hat sich rumgesprochen unter meinen Freunden, die Oma-Nummer ist bei Umzügen vorbei. Zum Glück verdient mein Freundeskreis nun etwas Geld, es reicht für eine Spedition. Oder für einen freundlichen Zwei-Mann-Betrieb mit einem rauchenden, waidwunden Auto, ohne Gewerbeschein, doch mit dem sonnigen Gemüt von Menschen, die keine Rechnung schreiben nach getaner Arbeit. Meine Freunde lassen schleppen, sie rufen nicht mehr bei mir an beim Wohnungswechsel. Ich begrüße diese Entwicklung.

Neulich gab es einen Ausreißer. Jemand ist wirklich noch mit eigener Hände Arbeit umgezogen. Er fragte, ob ich helfen kann – auf diese längst verjährte Frage wusste ich nichts mehr zu kontern, und sagte zu. Natürlich, das war kopflos. Mit dem Alter lassen die Reflexe nach.

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Ich frühstückte ein Brötchen mehr am Morgen, denn ich war nicht ganz sicher, ob es ein Antiquitäten- oder ein Ikea-Umzug wird. Antiquitäten sind ruinös. Das ist ein Holz aus einer anderen Zeit. Holz von Bäumen aus den Kolonialreichen, die nur mit Elefanten und Galeeren transportiert wurden. Dieses schwere Holz lässt sich nicht mehr verpflanzen, gleich gar nicht bei Umzügen, an denen ich aktiv teilnehme. Ich hätte keine Scheu, bei den Galeeren-Kolonialzeit-Elefanten-Umzügen den Bruch der rechten Leiste vorzutäuschen.

Doch es ging Richtung Ikea, das schien machbar. Kiefer, ein Kinderspiel. Ich wusste, der Freund wohnt im fünften Stock, ganz oben – was ideal war, wenn wir grillen wollten, weil der Rauch gen Himmel zog, ohne jähzornige Nachbarn aufzuscheuchen. Nun zahlte ich die Strafe für das Grillen an den schönen Sommerabenden: Alles musste runter. Weil wir meistens draußen auf seinem Balkon saßen, hatte ich die Möbel nicht mehr recht vor Augen. Doch wie gesagt, es war die schlichte Eleganz, mit der man seine Wohnung bei Ikea einkleidet. Kein Vergleich zu schwerem Tropenholz.

Er sagte gleich, damit es raus war: Ich ziehe in den vierten Stock. In der Summe machte das neun. Indiskutabel. Immerhin, es gab kein Klavier. Und er hat eine Thunfisch-Pizza ausgegeben.

Beim Kühlschrank machte es knacks. Der Orthopäde hat einen Termin in drei Wochen. Bis dahin sind Umzugsanfragen bei mir völlig zwecklos.

Von Lars Grote

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