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Rückblick2015: Die Zehnerjahre sind halb vorbei

Gesellschaft Rückblick2015: Die Zehnerjahre sind halb vorbei

Am Ende des Jahres 2014 ist auch die Hälfte der Zehnerjahre vorbei: Was dieses Jahrzehnt in den ersten fünf Jahren gesellschaftlich vom vorherigen unterscheidet. Ein Überblick.

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Die Aufnahme vom 11.03.2011 zeigt, wie die Fluten des Tsunami das Gelände des Atomkraftwerkes in Fukushima überflutet haben. Foto: Tepco

Berlin. Gefühlt haben die sogenannten Zehnerjahre für viele gerade erst begonnen, doch die Dekade ist schon wieder halb vorüber. Nach den ersten fünf Jahren (2010, '11, '12, '13, '14): eine gesellschaftliche Halbjahrzehntbilanz. Zehnmal Zehnerjahre.

TAG DES JAHRZEHNTS: Wenn der 11. September 2001 mit den Terroranschlägen in den USA der prägende Tag der Nullerjahre war, dann ist es in den Zehnerjahren wohl bislang der 11. März 2011, als in Japan ein gewaltiges Erdbeben einen Tsunami auslöst, Tausende in den Tod reißt und es schließlich im Atomkraftwerk Fukushima zu schweren Störungen und einem Unfall mit unabsehbaren Folgen kommt. In der Folge beschließt Deutschland einen schnelleren Atomausstieg.

GELD: Für viele war das prägende Ereignis der Nullerjahre die Finanzkrise rund um die Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008. In den Folgejahren prägt die Euro-Schuldenkrise die Politik in der EU. Die Zehnerjahre starten als ein Jahrzehnt der großen Verunsicherung in Gelddingen. Viele suchen wegen beispielloser Niedrigzinsen Sicherheit in Gold oder Immobilien.

PHÄNOMEN KOPF UNTEN: Wir sind alle Screenager, vom Handy-Hals ist die Rede, von der iVolution, dem Tablet-Rücken, der Generation Kopf unten. Täglich wird stundenlang aufs Smartphone gestarrt. Selfies sind ein Massenphänomen. Gute Entwicklung vielleicht: Dank besserer Internetverbindungen sind in den Zehnerjahren, etwa in Zügen oder Bussen, seltener nervige Telefonate zu hören als noch in den Nullern. Tele(fonier)phobie macht sich breit. Es wird mehr getippt statt gequatscht - selbst dann, wenn kurz anrufen und reden schneller wäre.

NEUER BEGRIFF VON FREUNDSCHAFT: Mit dem Massenphänomen Facebook hat sich ein neuer Begriff von Freundschaft entwickelt. Nutzer des sozialen Netzwerks sind dort mit sogenannten Freunden, aber eben auch Selbstvermarktern und Angebern konfrontiert. Mit einem Klick kann man sich aber auch rasch "entfrienden" (entfreunden). Fast jeder stimmt wohl zu, dass die Mehrheit der Facebook-"Freunde" keine echten Freunde für schlechte Zeiten sind, sondern schlicht Online-Publikum.

SZENE-PHÄNOMENE BART, BURGER, BERLIN: Die drei B's der Zehnerjahre sind - glaubt man Szene-Experten - der Vollbart, der Rinderklops und Deutschlands Hauptstadt. Die Feuilletons befassen sich mit dem Typus Hipster und der großen Lust vieler Großstadtmänner, mit einem Bart besonders unweiblich zu erscheinen. Der Burger und Bio-Fleisch sind Kultobjekte in Trendlokalen und privaten Küchen. Auch der Hype um Berlin als "cool capital of Europe" mit dem Vorzeigeclub Berghain wird immer heftiger - trotz des Hauptstadt-Flughafendebakels.

TRENDS VEGETARISMUS UND VEGANISMUS: Wie der Burger-Boom zum gleichzeitigen Trend der fleischlosen Ernährung passt, bleibt ein Geheimnis der widersprüchlichen Zehnerjahre. Logisch: Es sind andere Leute als die Fleisch-Fans, die sich Gedanken machen und Autoren wie Karen Duve ("Anständig essen: Ein Selbstversuch"), Jonathan Safran Foer ("Tiere essen") oder Attila Hildmann ("Vegan For Fun") und dem Starkoch Yotam Ottolenghi ("Genussvoll vegetarisch") nacheifern.

SOMMERMÄRCHEN: Als "Sommermärchen" ging die Fußball-WM 2006 in Deutschland in die Geschichte ein, dokumentiert auch in einem Film dieses Namens von Sönke Wortmann. Doch damals reichte es für die deutsche Nationalmannschaft nur für den dritten Platz, hinter Italien und Frankreich. Umso größer ist 2014 die Euphorie, als das Märchen zwei Weltmeisterschaften später wahr wird: Deutschland wird in Brasilien (den Gastgeber kickt die Elf mit einem sensationellen 7:1 aus dem Turnier) im Endspiel gegen Argentinien Weltmeister. Die Reihe der deutschen WM-Siege lautet nun also '54, '74, '90, '14.

KINO: Während die Nullerjahre beispielsweise von den "Harry Potter"-Filmen geprägt wurden und Deutschland mit "Das Leben der Anderen" einen Oscar holte, stehen die Zehnerjahre etwa für den Erfolg der "Hunger Games"-Reihe ("Die Tribute von Panem"). Gleich zwei Oscars gewinnt der gebürtige Wiener Christoph Waltz, auch der Österreicher Michael Haneke ("Liebe") holt einen Oscar. Erfolgreich sind auch Sozial- und Klischeekomödien wie "Ziemlich beste Freunde", "Monsieur Claude und seine Töchter" oder "Fack ju Göhte".

POP: An Popsängerinnen lassen sich Epochen ablesen. Madonna? 80er! Mariah Carey? 90er! Nicht zu vergessen Kylie Minogue oder Céline Dion. Die Nullerjahre waren zum Beispiel die Ära der früh gestorbenen Amy Winehouse. In diesem Jahrzehnt feiern Sängerinnen wie etwa Lena (2010), Adele (2011), Lana del Rey (2012), Miley Cyrus (2013) oder Taylor Swift und Helene Fischer (2014) große Erfolge. Zu den wenigen, deren Zeit sowohl Nuller- als auch Zehnerjahre zu sein scheinen, gehören Beyoncé oder vielleicht auch noch Lady Gaga.

FERNSEHEN: Die Nullerjahre waren das Jahrzehnt von Big Brother, Dokusoaps und Castingshows. Während sich in den Zehnerjahren die Castingshows halten, aber im Zuschauerecho auf Normalmaß einpendeln, läuft Event-TV wie etwa das Dschungelcamp nach wie vor bestens. Als Sieger des laufenden Jahrzehnts gilt bisher auch ein alter Bekannter: der Sonntagskrimi "Tatort", der in ungeahnte Quotenhöhen steigt. Daneben boomen weltweit im Ansehen US-Serien, die als das neue Erzählmedium schlechthin gelten. Streaming-Dienste wie Netflix werden wichtiger. Liveshows ziehen dagegen kaum noch. Das ZDF stellt den Samstagabend-Klassiker "Wetten, dass..?" ein. Mit Harald Schmidt verabschiedet sich ein Relikt der ironischen 90er vom Bildschirm.

dpa

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